# taz.de -- 
       
       1 „Der Krieg wird nicht mehr erklärt, sondern fortgesetzt.“
       
       Mit diesem Satz aus dem Gedicht „Alle Tage“ beschrieb Ingeborg Bachmann den
       Krieg nicht als Ausnahme, sondern als Zustand. Einen Zustand, der in den
       Alltag der Menschen einsickert. Damals, 1953, meinte sie den Kalten Krieg,
       aber heute erscheint die Aussage noch genauer, noch präziser. Bachmann hat
       nicht den Ausnahmezustand beschrieben, sondern seine Normalisierung. Krieg
       als Dauerzustand, ohne Anfang, ohne Ende.↓
       
       2 „Der Faschismus ist das erste in der Beziehung zwischen einem Mann und
       einer Frau.“ 
       
       Eine knallharte Diagnose, ausgestellt von Ingeborg Bachmann 1973, kurz vor
       ihrem Tod, in einem Fernsehinterview. Heute gibt es den Begriff „coercive
       control“, der Gewalt in intimen Beziehungen als eine Dynamik des
       Missbrauchs beschreibt. War bei Bachmann alles schon drin in diesem
       erschütternden Satz, denn sie wusste: Unterdrückung beginnt im Bett. Grüße
       gehen natürlich raus an Max Frisch.↓
       
       3 „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“
       
       Nun ja, das ist ja mittlerweile leider ein Standardsatz von Politikern und
       Journalisten, bisschen langweilig, aber tatsächlich meinte Bachmann etwas
       Radikaleres, als sie ihn 1959 in ihrer Dankesrede nach der Verleihung des
       Hörspielpreises der Kriegsblinden aussprach: Jeder Trost, den man anbieten
       könnte, wäre zu klein, zu billig, zu vorläufig. Also bleibt nur die
       Zumutung, den Schmerz sichtbar zu machen, weil erst der Schmerz die
       Wahrheit zeigt. ↓
       
       4 „Die erste Veränderung, die das Ich erfahren hat, ist, dass es sich nicht
       mehr in der Geschichte aufhält, sondern dass sich neuerdings die
       Geschichte im Ich aufhält.“
       
       Klingt kompliziert, meint aber schlicht, dass Geschichte im Subjekt
       nachwirkt. Eigentlich beschrieb sie in ihrer Frankfurter Poetikvorlesung
       1959 damit das, was wir Trauma nennen: Geschichte als etwas, das nicht
       draußen passiert, sondern sich in einem einnistet und einen prägt, im Guten
       wie im Schlechten.↓
       
       5 „Was aber möglich ist, in der Tat, ist Veränderung.“ 
       
       Fast das einzige bisschen Zuversicht, das Bachmann sich erlaubte. Der Satz,
       ebenfalls aus der Poetikvorlesung, war kein Versprechen auf Erlösung,
       sondern die leise Hoffnung, dass neue Werke neue Wahrnehmungen erzeugen
       können. In unserer Zeit, in der viele nach Eindeutigkeit streben, kann der
       Glaube an Wandlungsfähigkeit ein kleiner Akt des Widerstands sein. Unsere
       Hoffnung bleibt, dass Bachmann damit, wie fast immer, recht hat. (mak)
       
       20 Jun 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Matthias Kalle
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA