# taz.de -- Alexander Zverev gewinnt French Open: Der Beharrlichste
       
       > Alexander Zverev triumphiert nach etlichen Anläufen in Paris mit 29
       > Jahren erstmals bei einem Grand-Slam-Turnier. Der Weg dahin war einer mit
       > vielen Turbulenzen.
       
 (IMG) Bild: Liebe auf den ersten Blick: Zverev will die Trophäe gar nicht mehr loslassen
       
       Als Boris Becker am 28. Januar 1996 seinen sechsten und letzten Grand
       Slam-Titel gewann, im australischen Melbourne, da war Alexander Zverev noch
       gar nicht geboren. Viele Jahre sind seitdem verstrichen, in denen Beckers
       Nachfolger gesucht wurde. Tommy Haas und Nicolas Kiefer scheiterten an
       dieser Mission.
       
       Jener Zverev erlebte wie all seine Vorgänger, dass er auf Schritt und Tritt
       an Becker gemessen wurde, gerade, wenn wieder einer seiner Grand
       Slam-Anläufe gescheitert war. Mehr als ein Jahrzehnt dauerte der lange
       Marsch des 29-jährigen Zverev bis zum 7. Juni 2026, bis zu seinem Triumph
       von Paris, bis zum Ende der Saga vom Unvollendeten, bis zum Coup im 41.
       Grand Slam-Versuch.
       
       So war, 11.088 Tage nach Beckers letztem Hurra bei den Australian Open,
       eben auch dessen langer Schatten verschwunden. „Mein Traum hat sich
       erfüllt, der größte Traum meines Lebens“, erklärte Zverev, für den das auf
       dem Centre Court verewigte Zitat des Roland-Garros-Namensgebers (einem
       französischen Jagdflieger) wie auf den Leib geschrieben war: „Der Sieg
       gehört den Beharrlichsten.“
       
       ## Mann mit zwei Gesichtern
       
       Aber wer ist nun dieser Alexander Zverev, der Sandplatzkönig von Roland
       Garros, der erste männliche deutsche Grand Slam-Gewinner in diesem
       Jahrhundert, der erste Grand Slam-Champion auch mit Diabetes Typ 1? In
       seiner Karriere ist er vielen ein Rätsel geblieben. Eben, weil bei ihm
       vieles so unvorhersehbar ist, weil er sich am liebsten in seine ureigene
       Welt zurückzieht, weil er nur zu wenigen Menschen Vertrauen fasst. Weil er
       manchmal unheimlich charmant, schlagfertig, und zuvorkommend sein kann. Und
       im nächsten Moment schroff, abweisend, arrogant.
       
       [1][Zverevs Jahre im Tourbetrieb] waren gefüllt mit Triumphen und
       Tragödien. Vor knapp sechs Jahren bot sich ihm im damals menschenleeren
       Arthur-Ashe-Stadion in New York – mitten in der Corona-Krise – die große
       Chance auf frühen Grand Slam-Erfolg, doch nach einer 2:0-Satzführung
       verschenkte er den Sieg gegen den Österreicher Dominic Thiem. Bei den
       French Open 2022 knickte er im Halbfinale gegen Rafael Nadal um, mittendrin
       in seiner vielleicht besten Grand Slam-Partie. Er fiel anschließend für den
       Rest der Saison aus.
       
       [2][2021 hatte Zverev in Tokio bereits olympisches Gold gewonnen,] aber
       immer noch keines der vier Majors in Melbourne, Paris, London oder New
       York. Zverev jagte diesem verfluchten Sieg hinterher, zwei weitere Male
       stand er in einem Major-Finale, 2024 in Paris verlor er trotz
       2:1-Satzführung gegen Shootingstar Carlos Alcaraz. 2025 hatte er gegen den
       Italiener Jannik Sinner keine reelle Chance im Endspiel der Australian
       Open.
       
       Zverev versicherte gern, er glaube weiter an seine Chance. Aber gerade in
       dieser Saison schob der Hamburger wieder Frust. Obwohl er in guter Form
       war, gewann er bis zu den French Open kein Turnier. Dieses Mal hatte Zverev
       in Paris auch das nötige Glück. Alcaraz war nicht angetreten, Sinner
       scheiterte frühzeitig. Übrig blieb als Topfavorit Alexander Zverev. Der
       Druck wurde dadurch nicht geringer. Eine letzte Leidensübung musste Zverev
       im Endspiel absolvieren, fünf Sätze, vier Stunden und 18 Minuten, ein
       nervtötendes Auf und Ab, körperliche Probleme in der Hitze. Dann aber
       feiert er den allergrößten Sieg. Und die Erkenntnis: „Wir waren oft
       Verlierer, hatten schwere Momente. Aber jetzt sind wir Champions.“
       
       ## Eine Familienangelegenheit
       
       Wir? Wer in die Spielerbox des Champions schaute, entdeckte ein typisches
       Bild für die ganze Karriere des dürren Riesen: Die größere Tennisfamilie
       Zverev litt von diesem Beobachtungsposten aus mit. Ein verschworenes
       Kleingrüppchen, zu dem die Familienmitglieder gehören, wie Vater und
       Trainer Alexander sr. (66) und Bruder Mischa (38), einst beide selbst
       Weltklassespieler. Und die Quasi-Familie, der Fitnesspapst Jez Greene, der
       Manager Sergej Bubka jr., Doppelpartner Marcelo Melo oder Sparringspartner
       Michail Ledowskich.
       
       Im Kern blieb Tennis bei Zverev eine Familienangelegenheit – auch wenn
       vorübergehend Topnamen wie Ivan Lendl oder Juan Carlos Ferrero
       hinzustießen. „Die Truppe, die mich begleitet, das sind die Menschen, denen
       ich bedingungslos vertraue“, sagt Zverev. Ganz besonders eben auch Mutter
       Irina Zverev, die vor lauter Nervosität keine Matches ihres Sohnes
       anschaut.
       
       Die ehemalige Weltklassespielerin ist die heimliche Chefin dieses
       Familienbetriebs. „Wir atmen, trinken und essen Tennis“, hat Mutter Irina
       einmal gesagt, die viertbeste Spielerin Russlands war, bevor die Familie in
       den 90er Jahren nach Deutschland auswanderte. Die grundsolide Ausbildung in
       allen Schlägen, die technische Ausbildung geht auf ihr Konto.
       
       Zverevs Vater ist der große Schweiger in diesem Tennis-Clan und für seinen
       Sohn dennoch ein wichtiger Bezugspunkt: „Ich kann meinem Vater nur
       unendlich danken für die Geduld, die er in all den Jahren mit mir hatte. Er
       ist der beste Trainer, den ich mir vorstellen kann.“ Einstecken musste
       Zverev Senior allerdings reichlich, es ging mitunter hitzig zu. Oft verließ
       er den Court, wenn ihm das Auftreten des Sohnes und seine Schimpftiraden an
       die Leber gingen.
       
       Zverevs Tennisleben stellte die Familie auf harte Proben. Nicht nur bei
       sportlichen Enttäuschungen, sondern auch bei den Turbulenzen [3][rund um
       das Verfahren gegen ihn wegen häuslicher Gewalt], die seine Ex-Freundin
       anzeigte. Gegen eine Zahlung Zverevs (200.000 Euro) wurde das Verfahren
       ohne Urteilsspruch eingestellt.
       
       Altmeister Becker findet: „Die Deutschen sollten froh sein, dass sie so
       einen Supersportler haben. Einen der Besten in der Welt.“
       
       8 Jun 2026
       
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