# taz.de -- Erlebnisreisen mit der DB: Die XXL-Jubiläumsfahrt der Bahn
       
       > Die Deutsche Bahn hat sich am Dienstag wieder selbst übertroffen. Ein
       > Reisebericht aus dem Ruhrgebiet zu einem Geburtstagskind in Berlin.
       
 (IMG) Bild: Wie viel Prozent gibt es bei Verspätung von mehr als zwei Stunden?
       
       Es gibt Tage, da gibt die Bahn alles und übertrifft sich selbst. Der
       Dienstag war so einer. Aus gegebenem Anlass. Aber dazu später. Mittags
       stand die Familie nach einem schönen Pfingstwochenende [1][tief im Westen
       am Bochumer] Hauptbahnhof. Eine halbe Stunde zu spät, aber mit Plan. Denn
       die Bahn-App hatte gewarnt, dass der gebuchte ICE nach Berlin Verspätung
       haben würde. Dann kann man [2][laut Bahnwerbung die Zeit noch mal zum
       Kuscheln nutzen]. So weit, so normal.
       
       Am Bahnhof angekommen, hat sich die angekündigte Verspätung schon auf eine
       Stunde ausgedehnt. Wegen einer technischen Störung ist der Zug noch nicht
       mal in Köln losgefahren. Aber Bahnprofis bleiben gelassen. Die Zugbindung
       ist ja aufgehoben. Nimmt man halt einen anderen.
       
       Das ist leichter gesagt als getan. Denn der nächste ICE fällt komplett aus.
       Ein dritter soll zwar halbwegs pünktlich kommen, aber alle drei Züge sind
       laut Bahn-App so stark gebucht, dass für sie keine Tickets mehr verkauft
       werden. Wenn die sich jetzt alle in einen Zug drängeln bei 30 Grad im
       Schatten …
       
       Aber schlaue Kund:innen denken mit, packen Kind und Kegel in den gerade
       einfahrenden Regionalexpress nach Hamm – Verspätung: nur 56 Minuten. Da
       kommen manchmal ICE aus anderen Richtungen vorbei, die weiter nach Berlin
       fahren. Doch der RE endet vorzeitig in Dortmund. Die Personalabwechslung
       sei ausgefallen, gibt die freundliche Schaffnerin durch. Und weil sie und
       ihre Crew selbst schon über 10 Stunden im Dienst sind, geht es nicht
       weiter.
       
       ## Verspätungsbingo in Dortmund
       
       In Dortmund spielt die Bahnansage Verspätungsbingo. Wegen technischer
       Störung. Wegen eines Defekts am Zug. Weil der Zug zu spät bereitgestellt
       wurde. Wegen eines verspäteten vorausfahrenden Zuges. Wegen defekter
       Weiche. Weil ein entgegenkommender Zug durchfahren muss. Wegen
       Notarzteinsatz. Klar, wir haben Verständnis.
       
       Fehlt noch was beim Bingo – und wird natürlich umgehend nachgereicht: wegen
       eines Polizeieinsatzes! Das trifft den einzigen, bisher halbwegs
       pünktlichen ICE. Unsere Hoffnung. Sie schmilzt wie das Eis, das wir den
       Kindern gegönnt haben.
       
       Immerhin, mit kaum einer Stunde Verspätung kommt tatsächlich der Zug. Er
       ist erstaunlich leer. Alle Erwachsenen finden problemlos Stehplätze auf dem
       Gang. Dann aber kommt Bückeburg. Ein Kleinstadtbahnhof kurz hinter Minden.
       Der ICE hält. Und wartet. Und wartet. Bis auf dem Nachbargleis der mit zwei
       Stunden Verspätung doch noch in Köln losgefahrene ICE eintrifft. Dann eine
       neue Meisterleistung: Synchronwarten.
       
       Die Zugbegleiterin meldet über Mikro, Grund sei diesmal eine defekte
       Weiche. Aber hey, das hatten wir doch schon. Das bringt uns im
       Verspätungsbingo nicht weiter. Dann darf der ICE neben uns losfahren. Wir
       warten noch mal fast eine Stunde.
       
       ## Keine Kontrolle nirgends
       
       Die Fahrgäste fachsimpeln, was in diesem Fall möglich ist. [3][Wie viel
       Prozent gibt es bei Verspätung von mehr als zwei Stunden?] 50! Eine weiß,
       dass man das Ticket später noch mal für die Strecke nutzen könne, wenn man
       nicht kontrolliert wurde. So, so. Hier kontrolliert heute sowieso niemand.
       Offenbar traut sich das Zugpersonal nicht mehr aus dem Kabuff.
       
       Dabei ist die Laune im Großraum sehr entspannt. Das kleine Kind schläft
       ein, das große hört ein Hörspiel. Der Mann auf dem Nachbarsitz fragt per
       Telefon, ob er im gebuchten Hotel auch spät nachts einchecken kann. Eine
       Frau entschuldigt sich bei jemandem, dass sie unmöglich den Abendtermin
       schaffen werde. Eine andere sagt, das sei die schlimmste Bahnreise aller
       Zeiten. Freundliche Eltern verteilen die Umsonstkekse der Bahn an
       Mitreisende, die die lange Schlange im Bordbistro gemieden haben.
       
       Per Lautsprecher wird ein Mann gebeten, sich beim Zugpersonal zu melden.
       „Der bekommt jetzt sein Geld zurück“, sagt ein Fahrgast. Alle lachen.
       
       In [4][der taz-App] erscheint derweil die Zeitung von morgen. Da
       [5][schreibt der Kollege Uwe Rada ein Loblied über den Berliner
       Hauptbahnhof]. Der wurde am Dienstag vor 20 Jahren eröffnet. Hat also
       Geburtstag. Und damit wird einiges klar.
       
       ## Glückwunsch! Die Bahn gibt alles
       
       Offiziell hat die Bahn den Geburtstag ihres Berliner Rolltreppenladens
       nicht gefeiert. Aber unter der Hand hat sie ihren besten Kund:innen eine
       XXL-Jubiläumsreise geboten. 100 Prozent mehr Fahrzeit zum gleichen Preis!
       
       Gegen 21.50 Uhr trudelt der ICE am hauptstädtischen Hauptbahnhof ein. Laut
       Ticket hätten wir um 18.16 Uhr da sein sollen. Dreieinhalb Stunden
       Verspätung. Es gibt Tage, da gibt die Bahn einfach alles.
       
       Ein anderer Reisender berichtet dann noch, dass sich auf dem Weg vom
       Bahnhof in die Stadt der Bus der Berliner Verkehrsbetriebe am Reichstag so
       verfahren habe, dass er feststeckte. Die Passagier:innen mussten
       laufen. Macht man ja gern in so einer lauen Maiennacht. Und in Berlin hört
       man gerade [6][ganz besonders toll die Nachtigallen] singen.
       
       Das erlebt kein Autofahrer. Wir müssen gleich noch die Zugtickets für den
       Sommerurlaub buchen.
       
       27 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Groenemeyer-eine-Schule-eine-Stadt/!6015779
 (DIR) [2] https://www.reddit.com/r/de/comments/9ub6wg/die_bahn_wirbt_neuerdings_mit_versp%C3%A4tungen/
 (DIR) [3] https://www.bahn.de/service/informationen-buchung/fahrgastrechte/rechtliche-regelungen
 (DIR) [4] https://epaper.taz.de/
 (DIR) [5] /Der-Berliner-Hauptbahnhof-wird-zwanzig/!6181868
 (DIR) [6] /Der-Nachtigall-auf-der-Spur/!6085835
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gereon Asmuth
       
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