# taz.de -- Die Wahrheit: Der kleine Bibel-Hunger
> Religiöse Sender sind so etwas wie der sakrale Snack für zwischendurch
> und gehen zumindest für jemanden mit Privatobsession gut runter.
Ich gebe zu, es gibt keinen vernünftigen Grund, warum ich gern christliche
Fernsehsender schaue. Es ist schlicht und einfach eine persönliche
Obsession. Wobei mich an diesen Sendern nicht nur die gleich auf den ersten
Blick durchgeschepperten Formate faszinieren.
Zum Beispiel die Predigten eines gewissen Joseph Prince, seines Zeichens
„Pastor“ der New-Creation-Megachurch in Singapur. Prince ist 62, kleidet
und frisiert sich aber, als sei er ein im ersten Drittel seiner Pubertät
befindliches Mitglied einer Boyband: Auf dem Kopf trägt er eine ins Gesicht
gekämmte fluffige Seitenscheitel-Pony-Kombi, dazu mitunter auch eine weiße
Lederjacke, Sneaker, enge schwarze Jeans und modische Wallet-Chains, jene
Hosenketten, mit denen junge Menschen ihre Taschengeld-Portemonnaies davor
bewahren, aus ihren Baggy Pants herauszurutschen. Ich bin immer wieder baff
ob dieses Anblicks.
Mindestens ebenso gut wie solche Showprediger gefallen mir Formate, in
denen die Christen versuchen, normale Fernsehsendungen zu imitieren. Da tun
die oft sehr casual gekleideten Teilnehmenden dann so, als säßen sie bei
Illner oder Lanz, Arte oder 3sat und unterhielten sich über die
Benzinpreise, den Nahen Osten oder ihr letztes Indie-Pop-Album. Und dann
wird plötzlich ein Ex-Drogendealer, der aussieht wie die Hip-Hop-Version
eines Rummelboxers, gefragt: „Hast du heute Frieden in deinem Herzen?“, und
der Dealer antwortet: „Nach zehn Jahren Glauben kann ich auf alle Fälle
sagen, dass Gott mich seinem Sohn immer ähnlicher gemacht hat.“ Puh …
## Bibel in der Diskussion
Sehr schön ist auch, wenn in der Sendung „Tischreden“ auf Hope TV vier
Menschen „Presseclub“ spielen, nur dass in der Christenversion vor jedem
eine aufgeschlagene Bibel liegt und die Gesprächsteilnehmer – mit ähnlicher
Durchblicker-Hybris wie die Journalisten in der ARD – darüber diskutieren,
an welchen Zeichen man erkennen könne, dass die Wiederkehr Christi kurz
bevorstehe. Oder auch nicht. Oder welche antichristliche Macht mit dem in
Offenbarung 13 erwähnten „Tier aus der Erde“ gemeint sein könnte. Und dabei
tun sie so, als wäre das vor ihnen liegende Buch ein faktengeprüftes
wissenschaftliches Werk und keine Anthologie von mehr oder weniger guten
literarischen Texten aus drei Jahrtausenden.
Der absolute Hammer aber ist K-TV, ein katholischer Sender, der sich,
anders als die anderen, keinerlei Mühe gibt, „modern“ zu wirken. Da werden
gnadenlos ellenlange Gottesdienste abgefilmt; Priester, vorzugsweise mit
Fistelstimme und schwerem bayerischen Akzent, singsprechen leiernde
Litaneien; schlecht ausgeleuchtete Gottesmänner sitzen neben beängstigend
großen Kreuzen und betreiben nuschelnd Katechese … So stell ich mir –
zumindest ästhetisch – einen Talibansender vor.
Den schönsten Titel hat übrigens eine Sendung auf Bibel TV. Er lautet:
„Herrnhuter Losungen: Der Bibelsnack für jeden Tag“. Also wer da nicht ein
Hüngerchen bekommt …
27 May 2026
## AUTOREN
(DIR) Hartmut El Kurdi
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