# taz.de -- Kurze Flitterwochen
       
       > José Antonio Kast regiert in Chile für die Eliten – und verliert jetzt
       > schon die Bevölkerung
       
       Von Sophia Boddenberg 
       
       Zwei Monate ist der rechtsextreme chilenische Präsident José Antonio Kast
       im Amt und macht seither klar, wessen Interessen seine Regierung vertritt:
       die der wirtschaftlichen Eliten. Er senkt Unternehmensteuern und kürzt
       Sozialausgaben. Die Budgets für Kultur, Wissenschaft und Gesundheit, wo es
       ohnehin schon an öffentlichen Mitteln fehlt, sollen reduziert werden.
       Selbst Programme wie das Mittagessen für Schulkinder – für viele Kinder die
       einzige warme Mahlzeit am Tag – geraten unter Druck. Kast versucht nicht
       nur den Zyklus der Proteste der vergangenen Jahre zu beenden, sondern
       leitet eine neoliberale Restauration ein.
       
       Dass er überhaupt gewählt wurde, hat auch mit den Fehlern linker und
       progressiver Kräfte zu tun. Der ehemalige Präsident und Studentenführer
       Gabriel Boric hatte große Hoffnungen auf Veränderungen geweckt, scheiterte
       aber daran, die Proteste von 2019 in ein politisches Projekt zu übersetzen,
       das die Mehrheit der Bevölkerung überzeugte. Mit der Ablehnung des
       Verfassungsentwurfs 2022 blieben tiefgreifende Reformen aus. Doch es wäre
       falsch, die vergangenen Jahre nur als Niederlage zu lesen. Im sozialen
       Bereich wurden Veränderungen wie die Erhöhung des Mindestlohns oder die
       Senkung der Wochenarbeitszeit institutionalisiert. Und dass die Rechte so
       aggressiv auftritt, ist auch eine Reaktion auf die feministischen
       Fortschritte der vergangenen Jahre. Patriarchale Gewalt, sexuelle
       Belästigung oder Care-Arbeit sind heute zentrale Themen.
       
       Die Bevölkerung des Landes ist geprägt von einem starken Misstrauen
       gegenüber der Politik. Wenn sie sich von der Regierung getäuscht fühlt,
       wendet sie sich sehr schnell von ihr ab. Kast wurde gewählt mit dem
       Versprechen von Sicherheit und wirtschaftlichem Aufschwung. Doch statt der
       Löhne steigen weiter die Lebenshaltungskosten. Die Regierung gab jüngst die
       Benzinpreiserhöhung infolge des Irankriegs vollständig an die
       Verbraucher*innen weiter. Und die Sicherheitsministerin gab bei einem
       öffentlichen Auftritt zu, keinen konkreten Plan gegen die Kriminalität im
       Land zu haben – wenig später entließ Kast sie.
       
       Die sogenannte luna de miel, die Phase hoher Zustimmung einer Regierung
       nach Amtsantritt, ist bereits wieder vorbei. Der Umfrage Pulso Ciudadano
       zufolge liegen die Zustimmungswerte von Kast nur noch bei knapp 30 Prozent
       – mit einem ähnlichen Wert beendete Vorgänger Boric seine Amtszeit.
       
       30 May 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sophia Boddenberg
       
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