# taz.de -- was für eine woche: „Man muss dankbar sein, dass Naomi Osaka nicht zurückschreckt“
       
       Valérie Catil 
       
       Naomi Osaka hat die French Open rein ästhetisch bereits gewonnen. Zu ihrem
       Erstrundenspiel betrat sie den Court Suzanne Lenglen in einem eleganten
       Dreiteiler: ein schwarzes, mit Pailletten besetztes Korsett, einen
       bodenlangen Plisseerock mit semitransparentem Stoff, darunter ein
       Tenniskleid, ebenso mit Pailletten besetzt und farblich an die rote Asche
       des Tennisplatzes erinnernd.
       
       Zu jedem Grand Slam bezeichnen Presse und Menschen in Kommentarspalten ihre
       Kleider als ablenkend und ihr Spektakel als „cringe“. Cringe, dieses
       Unwort, drückt Fremdscham aus. Es muss das Resultat des panoptischen
       Internets sein, immer darauf zu achten, dass alle nonchalant und bloß nicht
       zu enthusiastisch – etwa was Mode angeht – sind. Diese Cringe-Kultur tötet
       Kreativität.
       
       Eigentlich müssen Zuschauer_innen dankbar sein, dass Naomi Osaka nicht
       zurückschreckt und sich etwas traut. Bei den Australian Open trug sie ein
       quallenartiges Outfit, tentakelige Stofffetzen an den Ärmeln, Hut mit
       Schleier und einen Sonnenschirm, auf dem ein Schmetterling saß – eine
       Hommage an ihren Sieg 2021, wo ein Schmetterling auf ihrem Gesicht landete.
       Wer solch spielerischen Selbstausdruck sieht und sich dabei fremdschämt,
       sollte sich von den Fesseln des Cringe lösen.
       
       30 May 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Valérie Catil
       
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