# taz.de -- Wüst übt Staatsmann
       
       > Von manchen wird NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst bereits als möglicher
       > Kanzlernachfolger gehandelt. Auf seiner Polenreise zeigt sich der
       > Christdemokrat als Diplomat
       
 (IMG) Bild: Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst besucht auch Auschwitz auf seiner Polenreise
       
       Aus Oświęcim Andreas Wyputta
       
       Mit einem mehrstündigen Besuch des deutschen Konzentrationslagers Auschwitz
       ist am Mittwoch eine zweitägige Reise des nordrhein-westfälischen
       Ministerpräsidenten Hendrik Wüst in den Südwesten Polens zu Ende gegangen.
       An der Todeswand im ehemaligen Stammlager, an der zwischen 1941 und 1943
       rund 20.000 Inhaftierte von Hitlers SS erschossen wurden, legte der
       Christdemokrat einen Kranz nieder.
       
       „Auschwitz ist Verpflichtung, alles zu tun, um Hass entgegenzutreten, und
       allen, die Menschen entmenschlichen“, hatte Wüst zuvor ins Gästebuch der
       Gedenkstätte geschrieben. Insgesamt ermordeten die Nazis [1][im KZ
       Auschwitz] rund 1,5 Millionen überwiegend jüdische Inhaftierte. Sie starben
       in Gaskammern – und durch „Vernichtung durch Arbeit“, Folter, unmenschliche
       Arbeitsbedingungen oder schlicht durch Hunger.
       
       Angesichts eines wachsenden Antisemitismus gerade bei Jugendlichen will der
       NRW-Regierungschef auch die Zahl von Fahrten von Schüler:innen zu
       Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus ausweiten: Die dafür
       zur Verfügung stehenden Mittel wurden von 2018 bis heute von 250.000 auf
       mehr als 2 Millionen Euro mehr als verachtfacht. Wüst war mit einer
       prominent besetzten Delegation, zu der auch VertreterInnen von
       Wissenschaft, Kultur und Sport gehörten, bereits am Dienstagmorgen in
       Nordrhein-Westfalens Partnerregion Schlesien gereist. Der 50-Jährige führte
       dort Gespräche mit Woiwodschaftsmarschall Wojciech Saługa [2][von der
       wirtschaftsliberalen europafreundlichen Bürgerplattform], der Leiter der
       regionalen Selbstverwaltung ist.
       
       Intensiviert werden sollte damit auch die Zusammenarbeit innerhalb des
       sogenannten regionalen Weimarer Dreiecks: In dem Format, in dem NRW [3][mit
       Schlesien] und der nordfranzösischen Region Hauts-de-France
       zusammenarbeite, spiegelt sich die nationale Kooperation zwischen Polen,
       Frankreich und der Bundesrepublik wider. Angesichts des russischen
       Angriffskriegs auf die an Polen grenzende Ukraine waren die Stärkung der
       zivilen Widerstandsfähigkeit und größere Sicherheit vor Cyberattacken die
       beherrschenden Themen. Wüst besuchte deshalb das Stanislaw Sakiel Burn
       Treatment Center in Katowice, wo wie etwa im Universitätsklinikum Münster
       immer wieder durch Russland verwundete Menschen aus der Ukraine behandelt
       werden.
       
       ## Unterwegs mit Podolski und Co
       
       In Begleitung der IT-Sicherheitsexpertin Martina Angela Sasse von der
       Ruhr-Universität in Bochum diskutierte der NRW-Regierungschef vor dem
       Auschwitzbesuch am Mittwochmorgen außerdem mit Studierenden des Cyber
       Science Selesian Centre und lud zu verstärktem Austausch ein. Überhaupt
       warb Wüst bei seinem Besuch immer wieder für eine verstärkte Zusammenarbeit
       der beiden Regionen, die beide jahrhundertelang durch die Schwerindustrie,
       durch Kohle und Stahl geprägt wurden. Helfen sollen dabei auch
       „Botschafter:innen“ aus NRW, die mit einer Art Charmeoffensive antideutsche
       Ressentiments bekämpfen sollen – bedient werden diese gerade von der
       europaskeptischen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS).
       
       Polen war jahrhundertelang zwischen dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn
       und Russland aufgeteilt und seiner staatlichen Existenz beraubt worden.
       Allein im Zweiten Weltkrieg töteten die Deutschen wohl 1,9 Millionen
       nichtjüdische polnische Zivilisten. Ermordet wurden darüber hinaus
       mindestens 3 Millionen jüdische Menschen mit polnischer Staatsbürgerschaft.
       Für Deutschland und NRW in Polen werben sollen deshalb etwa Carsten Cramer,
       Geschäftsführer des Dortmunder Bundesligisten BVB, oder die aus Polen
       stammende Intendantin der Kölner Philharmonie, Ewa Bogusz-Moore. Bei dem
       Termin mit Marschall Saługa war auch der im oberschlesischen Gleiwitz
       geborene ehemalige deutsche Nationalspieler Lukas Podolski: Der 40-Jährige
       lebt mittlerweile wieder in Polen, hat mit Górnik Zabrze gerade den
       polnischen Pokal gewonnen – und will den Club kaufen.
       
       Zumindest bei Woiwodschaftsmarschall Saługa traf die Offensive des
       Christdemokraten auf Zustimmung: „Wenn wir uns verstehen, wenn wir
       miteinander lachen, schießen wir nicht aufeinander“, resümierte der
       57-Jährige. Wüst, der [4][angesichts der miesen Umfragewerte des
       Bundeskanzlers] von manchen bereits als möglicher Nachfolger von Friedrich
       Merz gehandelt wird, konnte sich dagegen als Staatsmann im Kleinen
       inszenieren, der wirtschaftliche Zusammenarbeit ebenso bespielt wie
       Sicherheitsfragen und der auch um die Bedeutung der Bereiche Kultur und
       Sport weiß.
       
       Wie Daniel Günther in Schleswig-Holstein führt Wüst eine von derzeit nur
       zwei schwarz-grünen Landesregierungen in der Bundesrepublik an. Und sollte
       die regierende schwarz-rote Koalition im Bund tatsächlich scheitern, würden
       die Grünen nach Neuwahlen Teil der nächsten Bundesregierung sein müssen –
       wenn eine Regierungsbeteiligung der rechtsextremen AfD verhindert werden
       soll.
       
       21 May 2026
       
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