# taz.de -- Zwischen Diktatorentochter und Castillo-Erbe
> Bei der Stichwahl am 7. Juni müssen 71 Prozent der Peruaner:innen für
> jemanden stimmen, den sie nie gewählt hätten. Ein Land in der Zwickmühle
(IMG) Bild: Keiko Fujimori nach ihrer Stimmabgabe bei den Parlamentswahlen in Lima, 12. April 2026
Von Hildegard Willer
Am 7. Juni werden die Peruaner*innen entscheiden, ob Keiko Fujimori
oder Roberto Sánchez ihr Land regieren wird. Es ist eine Neuauflage der
Wahlen von 2021. Damals standen sich der linke Dorfschullehrer Pedro
Castillo und die Diktatorentochter Keiko Fujimori gegenüber. Castillo
gewann knapp und regierte mehr schlecht als recht eineinhalb Jahre, bevor
er nach einem Putschversuch vom Kongress abgesetzt wurde. Seitdem verbüßt
Castillo eine Gefängnisstrafe.
Roberto Sánchez war Abgeordneter und Außenhandelsminister unter Castillo.
Mit dem Segen Castillos und dessen Bauernhut versehen, sammelte er – obwohl
selbst Städter von der Küste – die Stimmen im indigen geprägten Süden Perus
ein, wo Castillo seine Hauptbasis hat.
Fujimoris Basis ist das städtische Peru an der Küste und im Amazonasgebiet.
Sie steht in der Tradition ihres Vaters Alberto Fujimori, der 1993 den
Neoliberalismus in der peruanischen Verfassung verankerte.
Sánchez möchte die staatliche Kontrolle über die Rohstoffe – Perus
wichtigste Einnahmequelle – zurückgewinnen, höhere Unternehmenssteuern und
eine neue Verfassung schreiben lassen. Als erste Amtshandlung will er
jedoch Pedro Castillo freisprechen.
Da im ersten Wahlgang 36 Kandidaten antraten, reichten Fujimori und Sanchez
zusammen 29 Prozent aller Stimmen, um in die Stichwahl zu kommen. Die
anderen 71 Prozent der wahlberechtigten Peruaner*innen müssen sich
jetzt also für einen Kandidaten entscheiden, den sie unter anderen
Umständen nicht wählen würden.
Fujimori hat zwar eingefleischte Anhänger, selbst in städtischen
Armenvierteln, aber auch erbitterte Gegner bis ins bürgerliche Lager. All
jene, die die Menschenrechtsverletzungen, Korruption und Gleichschaltung
der Institutionen unter Alberto Fujimori nicht vergessen haben.
Sánchez entfacht außerhalb seiner Stammwählerschaft – anders als Castillo
2021 – keine große Begeisterung. Zu erratisch war die kurze Regierung
Castillos und zu traumatisch die letzten vier Jahre unter seinen
Nachfolgern: Ein Massaker von Polizei und Armee an 50 Demonstranten, der
Vormarsch der organisierten Kriminalität, drei Präsidentenwechsel mit den
dazugehörigen Personalrotationen in den Ministerien, die Zerstörung weiter
Landstriche durch illegale Goldgräber und Holzfäller.
Trotz Wirtschaftswachstum dank Rohstoffboom sind die Armutszahlen in Peru
zuletzt weiter angestiegen. Was das Land noch zusammenhält, ist eine
funktionierende Makroökonomie: Während Peru in den letzten 10 Jahren 8
Präsidenten hatte, sorgt seit 20 Jahren derselbe Chef der Notenbank für
einen stabilen Dollarkurs, eine niedrige Inflation und die Anhäufung von
Devisenreserven.
Die Kräfteverhältnisse im neu gewählten Kongress und Senat bilden die
Polarisierung der peruanischen Bevölkerung ab: Keine der Fraktionen hat
eine absolute Mehrheit, aber Fujimori stellt die meisten Volksvertreter und
kann jegliche Reformvorhaben blockieren. In den letzten beiden
Legislaturperioden hat ihre Fraktion – obwohl sie nicht den Präsidenten
stellte – im Verbund mit wechselnden Koalitionen, die jeweiligen
Präsidenten nach Belieben ab- und eingesetzt und Justiz und Staat mit
parteinahen Leuten besetzt. Dasselbe Schicksal, Blockade oder sogar
Absetzung durch Kongress und Senat, würde wohl einem Präsidenten Sánchez
blühen, der linke Reformen durchsetzen möchte.
Sowohl Fujimori als auch Sanchez müssen nun die Mehrheit der Peruaner, die
sie nicht gewählt haben, davon überzeugen, dass sie nicht die Politik
machen werden, für die sie von ihrer jeweiligen Basis gewählt worden sind.
30 May 2026
## AUTOREN
(DIR) Hildegard Willer
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