# taz.de -- Psychologin über Glücksforschung: „Es geht nicht darum, täglich mit einem Lächeln aufzuwachen“
> Die Glücksforscherin Judith Mangelsdorf erklärt, ob man beeinflussen
> kann, wie glücklich man lebt – und wieviel davon Gene und Gesellschaft
> bestimmen.
(IMG) Bild: Glücksunterricht in der Schule: Hier können Themen besprochen werden, die sonst in der Schule nicht vorkommen
taz: Frau Mangelsdorf, was ist Glück?
Judith Mangelsdorf: In der Positiven Psychologie, die oft auch als
Glücksforschung bezeichnet wird, unterscheiden wir insbesondere zwischen
zwei verschiedenen Arten. Hedonisches Glück bedeutet die Anwesenheit
positiver Emotionen und die relative Abwesenheit negativer Emotionen. Dabei
geht es also darum, Freude und Genuss zu maximieren und Schmerz und Leid
eher zu vermeiden. Quasi die emotionale Art des Glücks. Das Gegenstück dazu
ist das eudaimonische Glück. Dabei geht es nicht um das Streben nach
glücklichen Momenten.
taz: Sondern?
Mangelsdorf: Um ein Gewahrsein dafür, was die eigenen Stärken sind, welchen
Sinn ich im Leben habe und wie ich zur Welt beitragen kann. Das
eudaimonische Glück [1][wird eher mit dem Begriff von Erfüllung
überschrieben].
taz: Können wir lernen, in diesem Sinne glücklich zu sein?
Mangelsdorf: Wenn wir uns fragen, weswegen Menschen eigentlich glücklich
sind, dann gibt es immer drei verschiedene Wirkkräfte, die gleichzeitig
Einfluss nehmen. Zum einen sind das unsere Gene. Dann unsere
Lebensumstände. Also beispielsweise: Welchen sozioökonomischen Hintergrund
habe ich? In welcher politischen Struktur, in welcher Gesellschaft lebe
ich? Die dritte Wirkkraft ist die Lebensgestaltung. Da geht es zum Beispiel
darum, wie viel Sport ich mache, wie ich im Alltag handele, welche
Denkmuster ich habe. Die Forschung der Positiven Psychologie zeigt, dass
wir durchaus etwas für unser subjektives Glückserleben tun können.
taz: Gene, gesellschaftliche Umstände, Lebensgestaltung – welche der drei
Kräfte wirkt am stärksten?
Das ist nicht so leicht zu sagen, weil alle drei Komponenten in einem
Wechselspiel zueinander wirken. Wir wissen aber, [2][dass ungefähr 36
Prozent der Unterschiede zwischen Personen im Glückserleben auf die Gene
zurückzuführen sind]. Das ist wissenschaftlich gesichert. Der Rest verteilt
sich auf die Faktoren Lebensumstände und Lebensgestaltung.
taz: Gibt es Lebensphasen, in denen meine Glücksfähigkeiten besonders
geprägt werden?
Mangelsdorf: Entscheidend sind frühe Lebensphasen, in denen ich Muster
meines Denkens, Fühlens und Handelns auspräge. Diese Muster führen dazu,
dass ich später Gewohnheiten habe, die das Lebensglück unterstützen oder
eben auch behindern. Wer zum Beispiel sehr herausfordernde
Kindheitserfahrungen macht, prägt oft Muster und Erwartungen an die Welt
aus, die zu einer Lebensgestaltung führen, die eher unglücklich macht. Das
muss aber nicht sein. Die Forschung zeigt: Nur weil ein Mensch in der
Kindheit etwas Schwieriges erlebt hat, zum Beispiel schmerzhafte
Verlusterfahrungen gemacht hat, bedeutet das noch nicht, dass er oder sie
als Erwachsene per se unglücklich sein muss.
taz: Was gibt den Ausschlag, ob es so kommt oder nicht?
Mangelsdorf: Grundsätzlich gehören schwierige und herausfordernde
Erfahrungen zum Leben aller Menschen dazu, wenn auch natürlich in
unterschiedlichem Umfang und unterschiedlicher Massivität. Der zentralste
Befund aus der Resilienzforschung ist der: Kinder sind vor den negativen
Folgen potenziell traumatischer Erfahrungen dann geschützt, wenn es
mindestens eine Bezugsperson gibt, die stabil und emotional verfügbar ist.
Selbst wenn das Elternhaus versagt und komplett unter mir zusammenbricht,
genügt manchmal schon eine Lehrkraft, die sich an meine Seite stellt, die
ansprechbar ist, die mich nicht verlässt in herausfordernden Zeiten.
taz: Seit einigen Jahren können sich Lehrer*innen zu Glückslehrkräften
weiterbilden. Was halten Sie davon?
Mangelsdorf: Das Schulfach Glück ist einer der sehr wenigen Ansätze im
klassischen Schulsystem, die menschliche Themen wie Freundschaft,
Charakterstärken oder Lebenssinn überhaupt behandeln. Dabei geht es nicht
darum, zu lernen, wie ich jeden Tag mit einem Lächeln aufwache und wieder
ins Bett gehe. Sondern darum, wie es gelingt, tiefe Beziehungen aufzubauen,
wie ich eine Antwort darauf finde, was meine Stärken und Schwächen sind,
wie ich einen Beitrag für unsere Gesellschaft leisten kann. Natürlich führt
das idealerweise dazu, dass ich auch glücklicher im emotionalen, im
hedonischen Sinne bin, aber das ist nicht das primäre Ziel.
taz: In zwei Unterrichtsstunden pro Woche Antworten auf die großen Fragen
des Lebens finden, ist das realistisch?
Mangelsdorf: Um nachhaltig Lebenszufriedenheit aufzubauen, bräuchte es eine
Integration dieser Themenfelder in den kompletten Schulalltag. Denn wenn
ich im Fach Glück über meine Stärken spreche und in der nächsten Stunde
Mathematik mein Lehrer zu mir sagt „Du bist ja wirklich zu blöd für
alles!“, dann ist die Wirkung natürlich eingeschränkt. Ich finde den Ansatz
aber unterstützenswert. Gerade weil die Alternative aktuell dazu nur wäre,
dass solche Themen einfach gar nicht in der Schule vorkommen.
taz: Um die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen steht es nicht
gut. Ein Viertel der Schüler*innen fühlt sich [3][laut Deutschem
Schulbarometer überdurchschnittlich stark psychisch belastet]. Viele haben
mit Depressionen und Angststörungen zu kämpfen.
Die Schülerschaft war noch nie so hoch belastet wie im Jahr 2026. Das liegt
aber nicht daran, dass wir zwangsläufig in einer krisenhafteren Zeit leben.
Die Realität hat sich sehr viel weniger verändert, als wir das vielleicht
annehmen. Der Grund ist eher, dass wir und gerade junge Menschen mit den
Krisen dieser Welt stärker in Kontakt sind als früher. Dass wir zum
Beispiel durch Videos aus unseren Social-Media-Kanälen direkt in die
Kriegszonen reingezogen werden.
taz: Social Media ist also das Problem?
Mangelsdorf: Der [4][kürzlich erschienene „World Happiness Report“], die
weltweit größte Befragung zur weltweiten Lebenszufriedenheit, kommt zum
Ergebnis: nicht zwingend. Zum einen ist Social Media nicht in allen Ländern
gleich schädlich für Jugendliche. In Ländern, in denen junge Menschen eine
starke Zugehörigkeit zu ihrer sozialen Gruppe, zu ihrer Schule, zu ihrem
Bezugssystem erleben, spielt Social Media eine geringere Rolle als bei
jungen Menschen in unserer hoch individualisierten westlichen Gesellschaft.
Das heißt, Social Media ist nicht die Frage oder die Antwort. Es ist das
Verhältnis der sozialen Beziehungen in der wahren Welt, was die
Schädlichkeit stark beeinflusst.
taz: Solange ich genug Freund*innen habe, kann Social Media mich nicht
unglücklich machen?
Mangelsdorf: Es kommt natürlich auf die Art und Intensität der sozialen
Beziehungen an. Und auch, welche Social-Media-Kanäle ich nutze. Ein
weiteres Ergebnis des Berichts ist, dass nicht jeder Kanal gleich schädlich
ist. Das passive, algorithmisch getriebene Content Scrolling, [5][Tiktok
zum Beispiel], ist potenziell sehr destruktiv. Aber die Apps, die soziale
Verbindungen der realen Welt in die digitale Welt tragen und verstärken –
so was wie WhatsApp oder Telegram –, können durchaus positiv wirken. Denn
sie vermitteln ja genau das, was wichtig ist für das persönliche Glück:
Zugehörigkeit und Miteinander. Da schließt sich der Kreis.
taz: Aber kann unglücklich sein nicht auch einen politischen Wert haben?
Schließlich ist es auch ein Anzeiger dafür, dass gesellschaftlich etwas
falsch läuft. Wenn wir unsere politische Wut über den Zustand der Welt
durch Achtsamkeitsübungen wegmeditieren, freuen sich im Zweifel die
Verursacher dieser Ungerechtigkeit.
Mangelsdorf: Hier müssen wir Huhn und Ei unterscheiden lernen. Gerade
Unzufriedenheit ist einer der politisch am meisten instrumentalisierten
Faktoren. Man nehme einen mit seinem Leben unzufriedenen Menschen, erkläre
ihm, dass für diese Unzufriedenheit eine bestimmte Gruppe verantwortlich
ist – Migranten, Eliten, Politik –, [6][und biete sich als Alternative an].
Schürt man nun nicht nur Unzufriedenheit, sondern gleichsam Wut, ist
gesellschaftliche Polarisierung die direkte Folge.
taz: Wie lässt sich das lösen?
Mangelsdorf: Es geht darum, die eigene Unzufriedenheit nicht vereinnahmen
zu lassen. Achtsamkeit kann helfen, Abstand zu gewinnen. Aus diesem Abstand
heraus kann ich mich aktiv – und vor allem selbstbestimmt – in die
Gesellschaft einbringen statt aus blinder Wut heraus. Und das ist de facto
immer der weisere Weg zu mehr Wohlergehen für alle.
25 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Suche-nach-Glueck/!6083277
(DIR) [2] https://link.springer.com/article/10.1007/s10519-015-9713-y
(DIR) [3] /Eine-Studie-zeigt-wie-belastend-der-Schulalltag-fuer-Schuelerinnen-ist/!6163320
(DIR) [4] https://www.worldhappiness.report/ed/2026/international-evidence-on-happiness-and-social-media/#happiness-and-social-media-1
(DIR) [5] https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/106121
(DIR) [6] /Niederlagenserie-der-AfD-im-Osten/!6173862
## AUTOREN
(DIR) Katharina Federl
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