# taz.de -- Beisetzung der RAF-Terroristin: Die vielen Beerdigungen der Ulrike Meinhof
       
       > Vor 50 Jahren wurde Meinhof beigesetzt, ihr Gehirn erst 25 Jahre später.
       > In der Zwischenzeit versuchten Männer zu ergründen, was in ihrem Kopf vor
       > sich ging.
       
 (IMG) Bild: Flieder auf dem Sarg: Beisetzung von Ulrike Meinhof am 15. Mai 1976
       
       Auf dem Friedhof in Berlin-Mariendorf stehen 4.000 Menschen und tragen
       Deutschlands bekannteste Terroristin in einem schweren Eichensarg zu Grabe.
       Neben dickbäuchigen Männern in schwarzen Anzügen stehen langhaarige
       Möchtegern-Revolutionäre, JournalistInnen klettern auf Grabsteine und
       halten schwere Kameras und Mikrofone in die Luft.
       
       Es ist der 15. Mai 1976, die Birken rauschen und der Flieder auf dem Sarg
       leuchtet lila und weiß. Die Familie hatte um Spenden statt Blumen gebeten,
       trotzdem liegt das Grab übersät mit Tulpen und Vergissmeinnicht (und, wie
       die späteren Biografie-AutorInnen nicht müde werden zu schreiben,
       unzähligen Zigarettenstummeln) da.
       
       „Was Ulrike Meinhof umgebracht hat, waren die deutschen Verhältnisse“, sagt
       der Verleger [1][Klaus Wagenbach] an dem noch offenen Grab. Der danach
       sprechende Theologe wird mehr oder minder bei seiner Rede mundtot gebuht.
       Dann tritt diese seltsame Gesellschaft aus Schaulustigen und Trauernden
       einen 15 Kilometer langen Marsch an – Gespräche nach einer Beerdigung, die
       die Bild-Zeitung als „Gegröle und Geheule“ beschreibt, die Beerdigung sei
       eine „Demonstration des Hasses und des Terrors“, oder, so kann man es ja
       auch immer nennen, „der linksradikalen Verbrüderung“ gewesen. Zeitungen wie
       die Süddeutsche sehen das etwas anders, es sei doch alles recht friedlich
       verlaufen, man stand beisammen und hörte den Reden zu oder sang Wolf
       Biermann-Lieder.
       
       Einen Tag vor dieser sagenumwogenden Trauerfeier hatten zwei Unbekannte
       noch versucht, den Leichnam zu stehlen, zumindest seien sie in die Kapelle
       eingebrochen, in der Meinhof aufgebahrt lag. Einen Friedhof zu finden, der
       diese RAF-Gründerin unter die Erde bringt, schien auch nicht sonderlich
       leicht gewesen zu sein. Jetzt wird das unscheinbare Grab 3 A-012-019 nach
       wie vor mit frischen Blumen geschmückt, zum Beispiel vom Jugendbuch-Star
       Alois Prinz, der versucht (nach eifrig beschriebenen 300 Biografie-Seiten)
       einen Abschluss zu finden.
       
       Es muss schwer sein, sich in den unzähligen Dokumenten, Briefen und
       Artikeln zurechtzufinden, eine Frau zu porträtieren, die einerseits als
       Deutschlands größte linksradikale Terroristin galt und andererseits als
       Märtyrerin zu Grabe getragen wurde (der [2][Dichter Erich Fried] erklärte
       sie zur größten deutschen Frau seit Rosa Luxemburg).
       
       ## Ein zerschnittenes Gehirn
       
       Ulrike Meinhof also, das Hirn der RAF, die einzig Intellektuelle neben dem
       Comic-lesenden Baader-Macker und der ihm ergebenen Shoppingqueen Ensslin –
       Raspe und die drei M, Mahler, Möller und Meins, lassen wir einmal außen
       vor. Um ihr Hirn soll es, und das nicht im übertragenen Sinne, auch gehen.
       Und um die Tatsache, dass Meinhof nicht nur einmal zu Grabe getragen wurde.
       Es gab in den Zweitausendern noch eine zweite, private Beerdigung, in der
       Meinhofs eingeäschertes und davor in unzählige Scheiben zerschnittenes und
       seziertes Gehirn beigesetzt wurde.
       
       Am Ende bleibt: Ein ausgeräumtes Neurologielabor und ein (nun)
       vollständiges Grab, vor dem Meinhofs Zwillingskinder Bettina und Regine
       Röhl stehen. Sie wollten es privat halten, ohne Fotos und den 4.000
       anderen, die bestimmt noch ein zweites Mal in das abgelegene Mariendorf
       gefahren wären. Die Odyssee des Meinhof-Gehirns sei nun beendet, schreibt
       Der Spiegel 2002.
       
       Aber warum das Ganze? Konnte man einer Frau nicht genauso wie dem Fotzen
       grölenden Baader zutrauen, sich radikal zu politisieren? Waffen zu
       benutzen? Sicher, es ist keine Kleinigkeit, Pistolen des Kalibers neun
       Millimeter, eine Maschinenpistole, zwei selbst gefertigte Handgranaten,
       eine etwa viereinhalb Kilogramm schwere Bombe und zahlreiche gefüllte
       Magazine und diverse Munition mit sich herumzuschleppen (mit diesem Arsenal
       nahm man sie 1972 in Langenhagen bei Hannover fest). Und trotzdem, man (und
       die Betonung liegt hierbei wirklich auf dem „man“) forschte noch viele
       Jahre nach den möglichen Gründen für Meinhofs Entscheidung, in die
       Illegalität zu gehen und vor allem ihre Kinder zurückzulassen (Manon Garcia
       schreibt passend dazu in Die Zeit – wohlgemerkt 2026 und nicht 1970: „In
       Frankreich ist eher wichtig, dass Frauen sexy sind, in Deutschland, dass
       sie gute Mütter sind. In Frankreich stehen Frauen daher stärker unter
       Druck, sich ansprechend zu kleiden. In Deutschland wird von Frauen, wenn
       sie Mutter werden, erwartet, dass sie aufhören, Individuen zu sein und die
       Bedürfnisse ihrer Familie immer an erste Stelle setzen. Nur jeder vierte
       Deutsche findet eine Vollzeitbeschäftigung von Müttern mit Kindern unter
       drei Jahren für angemessen.“)
       
       Ganz zu schweigen also von einem geplanten Waisenheimaufenthalt in
       Jordanien, vor dem der Spiegel-Redakteur Stefan Aust die beiden Töchter
       Meinhofs gerettet hat. Dass eine Frau schreibt: „Der Typ in Uniform ist ein
       Schwein, das ist kein Mensch … wir haben nicht mit ihm zu reden, und
       natürlich kann geschossen werden.“ – Das schien den Männern der
       Neunzigerjahre ein Rätsel zu sein.
       
       ## Das Fahndungsplakat hing überall
       
       Wenn man versucht, Erklärungen für Meinhofs Gewaltbereitschaft zu finden,
       stößt man in ihrer Biografie schnell auf einen monatelangen
       Krankenhausaufenthalt, bei dem ihr, unter Vollnarkose, ein Blutschwamm, den
       man fälschlicherweise für einen Tumor hielt, mit Silberklammern abgeklemmt
       wurde (ihn herauszuschneiden, war zu risikoreich).
       
       Danach sei sie wohl immer mehr zu einer „Anderen“ geworden. Also ein
       bisschen à la: vom Protestantenmädchen, das sich durch schnelle Karriere
       eine Villa in Blankenese kauft und Champagnerbesäufnisse auf Sylt mit der
       gesamten [3][intellektuellen Hamburger Elite] veranstaltet, zu: MORDVERSUCH
       in Berlin. 10.000 DM BELOHNUNG. Ulrike Meinhof (geschiedene Röhl).
       Personenbeschreibung: 35 Jahre alt, 165 cm groß, schlank, längliches
       Gesicht, langes mittelbraunes Haar, braune Augen. – [4][Das
       Fahndungsplakat,] das kurz nach der Baader-Befreiung 1970 überall hing.
       
       Zwei Jahre und vier Morde sowie 54 Mordversuche später wurde Meinhof
       festgenommen. Obwohl sich die Beamten nicht so sicher waren, ob es sich bei
       dieser abgemagerten Frau mit kurzen Haaren und schwarzem Röckchen wirklich
       um die gefürchtete Ulrike Meinhof handelte. Um Licht ins Dunkle zu bringen,
       ließ man sie (gegen ihren Willen) röntgen, erst auf diesen Radiografien,
       auf denen die Silberklammern sichtbar sind, war man sich sicher, die
       richtige Terroristin gefasst zu haben.
       
       Im Gefängnis, in dem sie sich, vor Stammheim, in der viel diskutierten
       Isolationshaft befand (bevor sie sich in den Wetthungerstreit mit Baader,
       Enslin und Meins – der daran starb – begab), wurde mehrfach ein Psychologe
       in ihre Zelle geschickt, den sie aber unter lautem Protest wieder
       hinauswarf. Es galt, ihre Zurechnungsfähigkeit festzustellen, aufgrund der
       Hirnoperation natürlich und dem dadurch entstandenen
       „Persönlichkeitsbruch“.
       
       1973 wurde schließlich diskutiert, Frau Meinhof erneut neurologisch zu
       untersuchen. Es sollten ein Szintigramm erstellt und weitere, eventuelle
       Zwangseingriffe durchgeführt werden, um Frau Meinhof den Kopf quasi wieder
       richtig herum auf die Schultern zu setzen. Dagegen sprach eine Klage von
       dreißig Universitätsärzten, die freundlicherweise darauf hinwiesen, dass
       ein solcher Eingriff bei fehlender akuter Gesundheitsgefahr gesetzeswidrig
       sei.
       
       ## Steuerung der Affekte
       
       Der Prozess in Stammheim fand also statt, trotz geistig ungeklärter
       Zustände und mal mit, mal ohne die abgemagerte Angeklagte. Ab dem 9. Mai
       1976 dann ganz ohne Ulrike Meinhof, die um 7.34 Uhr tot aufgefunden wurde.
       Der Gerichtsmediziner und ironischerweise vormalige SS-Unterscharführer
       Hans-Jürgen Mallach gab bei der Obduktion Suizid an und vermachte dem
       Neuropathologen Jürgen Peiffer das Gehirn der 41-Jährigen.
       
       Dieser verschleppte es an die Universität Tübingen und stellte auch gleich
       einen Hirnschaden im Bereich der für die Steuerung der Emotionen und
       Affekte verantwortlichen Amygdala fest, der 1962 bei der Operation an dem
       Blutschwamm entstanden war. Dieser Bericht blieb allerdings
       unveröffentlicht. Das Hirn Meinhofs wiederum lag von da an in Scheiben
       geschnitten in einem Kunststoffbeutel in der Asservatenkammer unter der
       Nummer ES154/76. 26 Jahre später kommt es zu einem grandiosen Zufall:
       Bernhard Bogerts entdeckt bei einem Mehrfachmörder ähnliche Schäden und
       Peiffer gibt den schwierigen Rabenmutter- und Terroristinnen-Fall
       erleichtert ab.
       
       Der Spiegel-Redakteur Jürgen Dahlkamp hat diese ja wirklich
       fachneurologische Angelegenheit in einem Artikel, der 2002 unter dem Titel:
       „Das Gehirn des Terrors“ erschien, zusammengefasst: „So viel ist jetzt
       schon klar: Die Terroristin hatte einen Hirnschaden und war wohl nur
       vermindert schuldfähig.“
       
       Bogerts legte, so der Spiegel-Redakteur, die schon zerteilten Gehirnstücke
       in einen Paraffinblock ein und zog dann mit einem Präzisionshobel weitere
       Schichten ab. 400-mal soll er so das Hirn Stück für Stück
       auseinandergehobelt haben – wobei jede einzelne Schicht 20 Mikromillimeter
       dünn war. Diese Scheiben färbte er dann ein: Nervenzellen blau und
       Nervenfasern schwarz. In 37 Grad warmer Gelatine eingelegt, können diese
       zerschnittenen, gefärbten Lappen nun unter den Objektträger. Und was sieht
       man? Schäden nahe dem Mandelkern – der Schädelbasis, in der die „Abteilung
       der Emotionen“ liegt, also die, Wortlaut Dahlkamp: „Urinstinkte“.
       
       Diesen Schaden führt Bogerts zurück auf die Silberklammern, die Frau
       Meinhof in ein „pathologisches Ausmaß der Aggressivität“ wortwörtlich
       gedrückt hätten.
       
       ## „Es explodiert einem der Kopf“
       
       „Es gab für Ulrike Marie Meinhof keine Flucht mehr, keine Therapie, und
       ihren Dämon hatten sie mit ihr zusammen eingesperrt“, schreibt Der Spiegel
       – und knüpft damit interpretatorisch siegessicher an Meinhofs
       Tagebucheintrag aus der Isolationshaft an: „Das Gefühl, es explodiert einem
       der Kopf. Das Gefühl, die Schädeldecke müsste eigentlich zerreißen,
       abplatzen. Das Gefühl, es würde einem das Rückenmark ins Gehirn gepresst …
       Rasende Aggressivität, für die es kein Ventil gibt. Das ist das
       Schlimmste.“
       
       Die Einzige, die diesem Männerwahn der weiblichen Zerstückelung ein Ende
       bereitete, war Meinhofs Tochter Bettina Röhl. Sie zeigte Bogerts wegen
       Störung der Totenruhe an und dem illegalen Umgang mit sterblichen
       Überresten und forderte die Rückgabe von dem, was von ihrer Mutter
       übriggeblieben war. Die Ethikkommission der Otto-von-Guericke-Universität
       Magdeburg verbot Bogerts daraufhin, weiter an dem Gehirn zu forschen und
       seine bisherigen Ergebnisse dazu zu veröffentlichen. Am 16. Dezember 2002
       wurde Ulrike Meinhofs Silberklammer-Gehirn eingeäschert und drei Tage
       später beigesetzt. Der Toten wurde ihr Kopf zurückgegeben und das Grab ein
       für alle Mal geschlossen.
       
       Für reichlich Stoff – Bühnenstoff – bietet sich die ganze Angelegenheit
       aber trotz Totenruhe an. Die deutsche Dramatikerin Dea Loher findet in
       dieser Zwangspathologisierung (lassen wir einmal außen vor, inwiefern
       Silberklammern Einfluss auf den Mandelkern und die menschlichen Urinstinkte
       haben) eine Sprache, die sie der Meinhof-Figur „Maria“ in dem Theaterstück
       „Leviathan“ zuweisen kann. Da heißt es dann:
       
       „MARIE: Die Silberklammer, die in meinem Hirn verwächst, sie holt den
       Schmerz in meinen Schädel, nicht ein Tumor, wie sie es behaupten werden.
       Sicherlich, damit ein Irresein leicht einzusehen sei und gelten möge billig
       als Entschuldigung für das, was ich getan habe oder noch tun werde oder
       sogar nur gerne tun würde.“
       
       Und Elfriede Jelinek schreibt, passend zu dem männlichen Psychoterror, in
       ihren Notizen für das Stück „Ulrike Maria Stuart“: „Die Frau ist eben nicht
       in der gleichen Weise in der Welt wie der Mann (…), wenn Frauen Geschichte
       machen wollen.“
       
       ## Drei Millionen Dollar
       
       Anders als diese beiden Dramatikerinnen verkauft der Künstler Gerhard
       Richter seine Ulrike Meinhof im Gemäldezyklus 1995 für drei Millionen
       Dollar an das New Yorker Museum of Modern Art.
       
       Auch hier wird Meinhof als schizophrene Persönlichkeit abgebildet: Einmal
       in dem „Jugendbildnis“ (67 × 62 cm, Werkverzeichnis: 672-1), das im
       Vergleich zu den anderen Gemälden in seinen Konturen am erkennbarsten ist,
       und in dem der Kunsthistoriker Hubertus Butin meint, eine „eklatante
       Harmlosigkeit“ zu erkennen. Und einmal in die „Tote“ (62 × 67 cm,
       Werkverzeichnis: 667/1-3), das, wie der Titel nahelegt, die suizidierte
       Meinhof abbildet, dieses Mal aber in seinen Grautönen verwischt. Butin
       folgert daraus mit Kennerblick: „die unaufhebbare und trostlose Faktizität
       des Totseins“ – nicht in jedem steckt eine Jelinek.
       
       Meinhof wiederum scheint keine Totenruhe zu finden, trotz vollständigem
       Leichnam. Der Kontrast: Protestantenmädchen und Terroristin der ersten
       RAF-Generation sorgt für schweres Kopfzerbrechen, ob auf Projektoren,
       Theaterbühnen oder MoMA-Ausstellungen.
       
       14 May 2026
       
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