# taz.de -- Regulierung des digitalen Raumes: Social Media, ein fahrlässiges Experiment
> Viele Studien zeigen: Ein Viertel der Kinder wird durch Social Media
> krank. Es braucht dringend Kinderschutz, schreiben Maxim Keller und
> Harald Welzer. Doch die Bundesregierung weigert sich.
(IMG) Bild: Hohe Screentime, reales Suchtpotenzial: die Politik müsste sich mit Kinderschutz befassen
## „Die rasante Steigerung von psychischen Erkrankungen bei jungen
Menschen, insbesondere Mädchen, ist gut belegt und alarmierend ...“
[1][taz FUTURZWEI] | Die Implementierung digitaler Technologien und
Anwendungen findet ohne Berücksichtigung der Frage statt, in welche
Gesellschaftsform sie implementiert werden.
Die Frage, welche Folgen eine invasive Technologie aufwirft, stellt sich
für eine Diktatur anders als für eine Demokratie. Im ersten Fall kann sie
als willkommenes Herrschaftsinstrument betrachtet werden, im zweiten
möglicherweise zersetzend wirken.
Gleichwohl erfolgt der Einsatz von immer mehr digitalen Tools und
Anwendungen auch in Demokratien bislang fast ausschließlich unter nicht
weiter begründeten Wettbewerbsgesichtspunkten, also vor allem wirtschafts-
und technikgetrieben.
Dabei wird von der Politik bis heute kaum gesehen, wie die digitale
Transformation die Innenwelt der Bürgerinnen und Bürger des demokratischen
Staates verändert – sowohl was ihre Mediennutzung, ihre
Aufmerksamkeitsspanne, ihre Beziehungsverhältnisse als auch ihre
Selbstverhältnisse angeht. Dadurch ist direkt betroffen, was wir vor dem
Hintergrund der Aufklärung und der politischen Geschichte für die zentrale
Voraussetzung von Demokratie halten: nämlich die Autonomie der Bürgerinnen
und Bürger und ihre eigene Urteilskraft.
## Einschränkung der Urteilskraft statt Mündigkeit
Gilt noch das Prinzip der „Erziehung zur Mündigkeit“, die normativ die
westlichen Demokratien begründet und die Freiheit ihrer Mitglieder
garantiert? Oder sehen wir hier, und nicht nur bei den nachwachsenden
Gesellschaftsmitgliedern, Einschränkungen der Entwicklung der Urteilskraft,
die weit über die individuellen Folgen hinaus Wirkung auf die soziale und
politische Praxis in unseren Gesellschaften entfalten?
Gerade erfahren alle demokratischen Gesellschaften, dass System-, Politik-
und Medienvertrauen abnehmen und sich populistische Bewegungen ausbreiten.
Und in den [2][USA] sehen wir, wie global übermächtige Digitalkonzerne ein
unheilvolles Bündnis mit autokratischer Politik eingehen.
Das sind auch Folgen einer unverstandenen und unregulierten Digitalisierung
unserer Gesellschaft und unseres Staates. [3][Donald Trump] hatte schon
früh die Macht der [4][sozialen Medien] erkannt und zum zentralen Mittel
seiner Politik gemacht – wie das die politische Kultur verändert und die
Spaltung der Gesellschaft vorangetrieben hat, sehen wir gerade live und in
Farbe.
## Tausende individuelle Schadenersatzklagen
Und das Problem, das so offensichtlich für die Demokratien wächst, fängt
immer weiter unten an – bei den nachrückenden Mitgliedern der Gesellschaft.
Die rasante Steigerung von psychischen Erkrankungen bei jungen Menschen,
insbesondere Mädchen, ist gut belegt und alarmierend. Suchterzeugende
Algorithmen führen bei nicht wenigen Betroffenen zu Abhängigkeiten, die
schlimme Auswirkungen haben, und gerade bei Kindern gibt es Hinweise auf
Veränderungen in der Hirnentwicklung.
Eine ganze Generation wird damit unkontrollierten Folgen für ihre weitere
Entwicklung ausgesetzt.
In den USA brachten 33 Bundesstaaten schon vor fast drei Jahren gemeinsam
eine Klage gegen [5][Meta] vor, in der sie dem Konzern vorwarfen, zu
Profitzwecken Abhängigkeit zu fördern und zur Verschärfung der psychischen
Gesundheitskrise bei Kindern und Jugendlichen beizutragen.
Dazu kommen in den USA noch tausende individuelle Schadenersatzklagen gegen
die Plattformen, deren Ausgang einstweilen offen ist. In Australien trat am
10. Dezember 2025 das weltweit erste Social-Media-Verbot für Jugendliche
unter 16 Jahren in Kraft, fast fünf Millionen Accounts wurden seither
abgemeldet. Das britische Oberhaus hat am 22. Januar 2026 den
Premierminister aufgefordert, dem australischen Beispiel zu folgen. Die
französische Nationalversammlung hat für ein Nutzungsverbot bis zum Alter
von 15 Jahren gestimmt, Dänemark, eines der First-mover-Länder in Sachen
Digitalisierung, plant dasselbe, Österreich ebenfalls.
## Social Media als Suchtfalle
Die Suche nach Maßnahmen ist ja auch dringlich: National wie international
mehren sich die Hinweise auf eine neue und gravierende Problemlage für den
Kinder- und Jugendschutz: Das Deutsche Zentrum für Suchtfragen des Kindes-
und Jugendalters (DZSKJ) stellte bei über einem Viertel der Kinder und
Jugendlichen eine riskante oder pathologische Social-Media-Nutzung fest. Im
Durchschnitt verbringt diese Altersgruppe an Schultagen mehr als
zweieinhalb Stunden, am Wochenende fast vier Stunden pro Tag in sozialen
Medien, hinzu kommt noch Zeit für digitale Spiele und Video-Streaming.
In anderen Ländern sind die Werte ähnlich, und auch bei vielen Erwachsenen
muss man inzwischen von einer unkontrollierten oder sogar suchthaften
Social-Media-Nutzung sprechen.
Diese bedrückenden Phänomene, die sich auch in vermehrten
Vereinsamungstendenzen, depressiven Verstimmungen und sogar suizidalen
Tendenzen besonders bei Mädchen niederschlagen, sind keine Nebenfolge
eigentlich harmlosen Medienkonsums.
Denn die entsprechenden Plattformen sind ja explizit darauf ausgelegt, die
Nutzenden möglichst lange an die Displays zu fesseln. Hochkomplexe
algorithmische Empfehlungssysteme stellen personalisierte Feeds zusammen,
die mit einer hohen Frequenz und auf eine für die User unvorhersehbare
Weise das Belohnungssystem im Gehirn aktivieren.
Das wirkt, vergleichbar mit Glücksspielautomaten, besonders
verhaltensverstärkend. Dazu wurden Stopp-Signale wie etwa das Ende von
Seiten weitestgehend eliminiert, alle Inhalte werden in unendlichen Feeds
unterbrechungsfrei präsentiert („infinite scrolling“). Benachrichtigungen,
seien es Likes, Nachrichten oder Hinweise auf neue Posts, holen die
Menschen immer wieder auf die Plattformen zurück und halten sie darauf
fest.
## Bundesregierung glänzt durch Nicht-Handeln
Die Bundesregierung allerdings kommt ihrer Verpflichtung zum Kinder- und
Jugendschutz nicht nach, sondern setzt auf das bewährte Verfahren, eine
Kommission einzuberufen und sich damit Zeit für Nicht-Handeln zu erkaufen.
Strukturell ähnelt der Widerstand gegen kinderschutztaugliche Regulierungen
jenen, der lange um Rauchverbote geführt wurde oder auch den langwierigen
Kämpfen um Umwelt- oder Klimaschutz. Immer wird das Beharren auf dem Status
quo mit der unzureichenden wissenschaftlichen Befundlage begründet, immer
werden vorhandene Evidenzen angezweifelt, immer werden
pseudowissenschaftliche Gegenmeinungen ins Feld geführt.
Die Social-Media-Problematik zeigt aber auch aus Sicht der
Neuropsychologie, dass wir es mit einem massiven Problem der Gesundheit von
Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Gemeinsam mit der
Neurowissenschaftlerin Frederike Petzschner haben wir dazu eine
Überblicksstudie erstellt, die mehr als fünfzig internationale
Forschungsarbeiten zum Zusammenhang von Smartphone- und
Social-Media-Nutzung ausgewertet hat.*
Was man zusammenfassend sagen kann: Es zeigen sich wiederkehrend
Assoziationen zwischen der intensiven Nutzung digitaler Medien und
Veränderungen der grauen und weißen Substanz des Gehirns, insbesondere in
Regionen, die mit Belohnungsverarbeitung, Emotionsregulation und
Impulskontrolle in Verbindung gebracht werden. Zudem können Parallelen zu
Mustern festgestellt wurden, die auch bei anderen Verhaltens- und
Substanzsüchten vorkommen.
## Keine positiven Effekte durch Social Media
Keine einzige Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sich keine negativen
Effekte von exzessiver Nutzung von Social Media verzeichnen lassen. Keine
Studie stellt positive Effekte fest. Einschränkend muss aber gesagt werden,
dass bislang leider nur Querschnittsstudien vorliegen;
Längsschnittstudien, also die wiederholte Untersuchung derselben
Probandengruppen, fehlen noch.
Oft kommen kleine, selektive und aus Budgetgründen methodisch begrenzte
Stichproben zum Einsatz. Und eine weitere Schwierigkeit liegt in der hohen
Geschwindigkeit der Entwicklung von sozialen Medien selbst – der Output mit
immer neuen Features ist hoch, sorgfältige Forschung dagegen langsam.
Gleichwohl liefern die vorliegenden Untersuchungen heute schon hinreichend
Hinweise dafür, dass es einen engen Zusammenhang zwischen intensiver
Nutzung von Social Media und Gehirnentwicklung gibt und es deshalb dringend
präventiver Maßnahmen bedarf.
## Social Media als fahrlässiges Experiment
Das gilt nicht nur mit Blick auf die betroffenen Kinder und Jugendlichen,
auch in demokratietheoretischer Hinsicht bedarf es dringend der Prävention:
Denn hier wird das Subjekt selbst in seinen Bildungsprozessen verändert,
und es ist klar, dass die intensive Nutzung von Medien, die in
manipulativer Absicht designt sind und die Aufmerksamkeitsfähigkeit, die
Impulskontrolle und die ganze entstehende Weltbeziehung verändern, für die
Bildung der Urteilskraft verheerend ist.
Das heißt: Unserer Gesellschaftsform kommen die subjektiven Voraussetzungen
abhanden, auf die sie gebaut ist. Verbreitung und Nutzung von Social Media
allein dem Markt zu überlassen, ist ein fahrlässiges Experiment mit einer
ganzen Generation und mit den Voraussetzungen der Demokratie. Auch die
deutsche Regierung muss endlich ihren Schutzpflichten nachkommen.
* Die Studie Literaturübersicht zu Internet- und Social-Media-Sucht:
Erkenntnisse aus Neuroimaging-Studien ist abrufbar unter
[6][slow-magazine.org/#features].
🐾 Lesen Sie weiter: Dieser Artikel erschien zuerst in der neuen Ausgabe
unseres taz-Magazins FUTURZWEI N°36 mit dem Titelthema „Die AfD
interessiert uns nicht“. Jetzt bestellen im [7][taz Shop].
5 May 2026
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