# taz.de -- Lara Rüter schreibt über „Affenliebe“: Die zwei Cousinen Rührung und Berührung
       
       > Eine Dichterin unter Affen: Lara Rüters poetische Annäherung an Primaten
       > vor und hinter Käfigstäben, „Affenliebe“.
       
 (IMG) Bild: Oberste Regel im Primatenforschungsinstitut: Berühre niemals einen Affen (auch keine Schimpansen)
       
       „Ich kann natürlich das damals affenmäßig Gefühlte heute nur mit
       Menschenworten nachzeichnen“, reflektiert der Menschenaffe Rotpeter in
       Franz Kafkas „Bericht für eine Akademie“ seine Menschwerdung. [1][Die
       Leipziger Lyrikerin und Essayistin Lara Rüter] hat fünf Jahre lang in einem
       Primatenforschungsinstitut gearbeitet und Verhaltensstudien mit
       Menschenaffen durchgeführt. Nun stellt sie das Zitat ihrer eigenen
       literarischen Annäherung an das Mehr-als-Menschliche im Affen voran.
       
       „Affenliebe“ geht der Frage nach, was es bedeutet, Affe zu sein und Mensch:
       „Bist das du? Und das ich? Dich nicht berühren zu dürfen, heißt, du bist
       Affe, ich bin Mensch.“ Der hybride, poetisch erzählende Text entzieht sich
       jedweder Gattungszuordnung, ebenso, wie sich auch die Affennatur
       menschlichen Grenzschreibungen widersetze.
       
       Rüters Schreiben sucht, versucht und untersucht – „Ich setze neu an und
       streife um die Leere herum“ – während es sich an Gedichtzitaten (Emily
       Dickinson, Gertrude Stein, Monika Rinck), Romanen (Elias Canettis „Die
       Blendung“), Wissenschaftsfragen des Primatologen Tetsurō Matsuzawa,
       verrufenen Sprachexperimenten mit dem Schimpansen Nim Chimpsky,
       philosophischen Überlegungen Roland Barthes’, persönlichen Listen,
       Songtexten von Divinyls und Milli Vanilli, Filmzitaten aus „Dirty Dancing“
       und Kunstbetrachtungen von Otto Runges „Der Morgen“ oder [2][Paula
       Modersohn-Beckers] „Ruhende Mutter mit Kind“ entlanghangelt.
       
       Dabei gelingt ihr der Spagat, ebenso persönlich wie verbindend zu sein,
       indem sie als „Dichterin, die auf Affen schaut“ die Beobachtungen im
       Affengehege mit ihrer eigenen Biografie zusammenbringt: „Vielmehr kommt mir
       Schreiben wie eine Antwort auf Reales vor, das es auch für andere erfahrbar
       macht.“ Vom Kuckucksvater über die im Sterben liegende Mutter bis hin zum
       Schwangerschaftsabbruch erzählt sich Rüter an ihren Affen entlang, ohne
       deren Andersartigkeit beziehungsweise: eigentliche Unerzählbarkeit
       auszuklammern. „Die Unmöglichkeit, ihre Geschichte zu erzählen, ist die
       Bedingung dafür, meine zu erzählen.“
       
       ## Literarischer Raum ohne Urteile
       
       Wie Rührung und Berührung seien auch Mensch und Affen Cousinen, keine
       Schwestern, mahnt die Lyrikerin: „Wir teilen denselben Ursprung, bedingen
       einander aber nicht.“
       
       Es ist dieses Bemühen, „ihren Affen“, wie Rüter es formuliert (und dadurch
       die Individualität jedes Primaten nochmals untermauert) im Schreiben
       jenseits von Anthropomorphismen hautnah zu kommen, das „Affenliebe“ – als
       Cousine einer intertextuellen Referenzgemeinschaft – zu einem
       bahnbrechenden Lesevergnügen macht. Mittels sorgsamer Sätze, in denen sich
       die Dichterin Wort für Wort erobert, bringt Rüter einen literarischen „Raum
       ohne Urteile“ hervor, [3][in dem divergierende Ansichten nebeneinander
       existieren] – „mit einem verbindenden und, keinem aber […] ohne einander zu
       verschlingen.“
       
       Rüter bezieht die Ungewissheit immer wieder in ihre Selbstbefragung ein und
       gewinnt dadurch nur an Kraft: Zur Ausräumung jedes Zweifels fehle ihr
       „deine Perspektive“, schreibt die Dichterin und spricht den Affen, deren
       Berührung sie ersehnt – obschon oder gerade weil die oberste Regel im
       Primatenforschungsinstitut ‚Berühre niemals einen Affen‘ laute – als
       lyrisches Du an: „Ohne diese Rückversicherung bestimme nur ich, wie wir
       zueinanderstehen.“
       
       Die Dichterin pocht auf Akribie – in der Sprache wie in der Forschung:
       „Beide versuchen, Muster aus Erfahrungen herauszuschälen, Bereitschaft und
       Offenheit für Unbekanntes zu zeigen. Beide funktionieren am besten
       urteilsfrei, und beide hoffen immerzu, etwas zu finden, das noch nicht
       gefunden worden ist.“
       
       ## Liebe der Wilden?
       
       Rüters poetische Analysen bestechen, gerade weil und indem sie vor der
       Wirkmacht vorschneller Schlüsse, wie sie etwa Plinius der Ältere mit der
       titelgebenden „Affenliebe“ im achten Buch der Naturalis historia vornahm,
       zurückschrecken. Affenliebe, so die Autorin, hafte bis heute ein negatives
       Image an: Sie sei „Beleidigung für Eltern und alle intensiv Fühlenden,
       töricht und albern […] die Liebe der Wilden, Sinti und Roma, Juden“. Rüters
       „Affenliebe“ hingegen entlarvt den alten Trick, Liebe zu entmachten, indem
       man ihr Image kontrolliert: „[…] jene ungezähmt und tierisch, diese heilig
       und menschlich.“
       
       Die Dichterin entwirrt die Sprache, die unser Dasein bedingt, mit ihren
       eigenen Worten und lotet den Raum zwischen Gut und Böse, Verlangen und
       Erfüllung, Mythos und Begegnung, Affen und Betrachtenden, Fantasie und
       Freundschaft, Käfigen und Wärtern, Forschung und Abhängigkeit aus. „Der
       Traum der Forscherin ist, den Affen festzuhalten“, schreibt Rüter, deren
       Text „Formula 977“ über ein diffiziles Mutter-Tochter-Verhältnis und
       tabuisierten Autismus für den diesjährigen „Wortmeldungen“-Literaturpreis
       für kritische Kurztexte der „Crespo Foundation“ nominiert ist, „der der
       Dichterin, ihn anzusprechen.“
       
       9 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Open-Mike-im-Heimathafen/!5548676
 (DIR) [2] /Modersohn-Becker-Munch-Schau-in-Dresden/!6173591
 (DIR) [3] /Debuetroman-von-Maria-Ospina-Pizano/!6081866
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Marielle Kreienborg
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Roman
 (DIR) Debütroman
 (DIR) Affen
 (DIR) Lyrik
 (DIR) Roman
 (DIR) Tierrechte
 (DIR) Biologie
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Dänische Schriftstellerin Olga Ravn: Wenn sich Frauen zusammenschließen, macht sie das verdächtig
       
       Olga Ravn ist eine der innovativsten Schriftstellerinnen Dänemarks. Ihr
       neuer Roman führt tief hinein in die dunkle Zeit der Hexenverbrennungen.
       
 (DIR) Krimi-Autor über Tiersprachen: „Es gibt ein Interesse, dass Tiere nicht verstanden werden“
       
       Ein Konzern aus China hat ein Patent zum Entschlüsseln von Tiersprachen
       angemeldet. In Tibor Rodes Krimi „Animal“ verstehen Mensch und Tier sich
       schon.
       
 (DIR) Roman „Ja, Schnecke, ja“: Die Poesie der Weichtiere
       
       Wortgewaltiges Romandebüt: Jan Snela vertieft sich in „Ja, Schnecke, ja“ in
       das Zeichensystem der Liebe bei Mensch und Tier.