# taz.de -- „Der Mensch ist ein soziales Tier“
> Stefan Rettich beschreibt in seinem Buch „Die obsolete Stadt“, was der
> Onlinehandel mit unseren Innenstädten macht. Ein Gespräch über
> Einsamkeit, neue Lagerfeuer und die Renaissance der Märkte
Interview Susanne Messmer
taz: Herr Rettich, in Ihrem Buch „[1][Die obsolete Stadt]“ beschreiben Sie,
wie die Digitalisierung in Handel und Arbeit, die Verkehrswende und der
Wandel der Religiosität ganze Gebäudetypen obsolet machen. Erleben wir
gerade so was wie einen historischen Umbau der Stadt – vergleichbar mit der
Industrialisierung?
Stefan Rettich: Die Industrialisierung war natürlich ein Sonderfall, weil
mit noch größerer Dynamik. Man kann dennoch sagen, dass wir einen großen
Umbruch im Gebäudesektor erwarten. Es fängt gerade erst an.
taz: Sie beschreiben, dass zunehmend nicht nur Tankstellen, Parkhäuser,
Friedhöfe und Kirchen ihre alten Funktionen verlieren, sondern auch Büros,
Shoppingmalls und Kaufhäuser. Was sagt das über unsere Gesellschaft aus?
Rettich: Gesellschaften sind komplexe Systeme. Mit den disruptiven Folgen
der Digitalisierung hat niemand gerechnet. Erstaunlicherweise sind es
gerade oft die Jugendlichen, die damit anfangen, in den Innenstädten nach
weniger kommerziellen oder nicht kommerziellen Angeboten zu suchen. Das war
ebenfalls nicht zu erwarten. Die Kommerzialisierung, die seit den 1980er
Jahren die Innenstädte massiv verändert hat, war eine gigantische
Fehlentwicklung.
taz: Und nun geht es in eine andere Richtung?
Rettich: Genau. Man ringt um freiere Angebote, holt mehr Grün oder
zumindest erst mal temporär gemeinwohlorientierte und kulturelle Nutzungen
ins Zentrum. Das Problem ist nur: Die obsoleten Gebäude, die ich
beschreibe, liegen oft sehr zentral, die Spekulation hat dort extrem
zugeschlagen. Die Eigentümer sind noch nicht bereit, massive Verluste
abzuschreiben.
taz: Der Onlinehandel ersetzt den Kaufakt erstaunlich effizient. Aber
offenbar scheint das ja nicht alles zu sein. Die Menschen haben noch nicht
ganz aufgehört, auch für den Einkauf unter Leute zu wollen, in der Stadt
und auch auf dem Land. Glauben Sie, dass wir wieder flexiblere Formen von
Handel sehen werden, wie es sie teilweise früher schon gab? Die Renaissance
des Bäckerautos auf dem Land, der Buchläden und Märkte in der Stadt?
Rettich: Das wird mit Sicherheit in Zukunft eine Rolle spielen. Aber es
darf nicht mehr nur um Konsum gehen. Es gibt neuere Konzepte wie
beispielsweise die der Firma Peek und Cloppenburg, die jetzt in ihren
Immobilien auch andere Angebote wie Sport integrieren will. In Frankfurt
soll sogar eine Schule mit einziehen. In Siegen wird ein Kaufhaus von der
Universität genutzt. Kaufhäuser und Büros sind robust gebaut und haben
große Stützweiten. Sie können also sehr viele unterschiedliche Nutzungen
aufnehmen. Man kann auch aufstocken, dann rechnen sich auch wieder andere
Konzepte. Es geht darum, wieder öffentliches Leben an diese Orte zu
bringen, was den Handel auch wieder beleben würde.
taz: In Ihrem Buch spielt auch die neue Arbeitswelt eine große Rolle. Wenn
Homeoffice und hybrides Arbeiten bleiben: Was heißt es für die Menschen,
wenn es zum Beispiel keine Zufallsbegegnungen mehr gibt, die den Alltag in
der Stadt überhaupt erst lebenswert machen?
Rettich: Die Leute vereinsamen im Homeoffice. Ich würde sagen, der Mensch
ist ein soziales Tier. Er wird sich neue Dinge suchen, neue Lagerfeuer, um
die er sich versammeln kann. Es wird zwar ein bisschen dauern, bis wir da
neue Konzepte gefunden haben und sich die Gesellschaft auf neue Nutzungen
verständigt hat. Es gibt ein Zitat von [2][Rem Koolhaas] aus dem Jahr 2001,
das zeigt, wie dynamisch sich Städte entwickeln: „Shopping is arguably the
last remaining form of public activity.“ (Shopping ist wohl die letzte
verbliebene Form öffentlicher Aktivität) Damals sind tatsächlich noch sehr
viele neue Kaufhäuser im Luxussegment entstanden. Das hat sich jetzt zum
Glück überholt. Aber das heißt ja nicht, dass es nun keine Public Activity
mehr geben wird.
taz: Sie lehren in Kassel. Da gibt es mit der Markthalle einen Ort, den man
durchaus mit Wochenmärkten in den Metropolen vergleichen kann, weil er eine
Mischung ist aus sozialem Treffpunkt, regionalem Schaufenster, halb urbanen
Wohnzimmer mitten in der Innenstadt. Waren Sie da zufällig mal?
Rettich: Ja, war ich. Märkte und Markthallen erleben tatsächlich eine
Renaissance, nachdem sie lange abgeschrieben waren. Es werden sogar neue
Markthallen gebaut, zum Beispiel in Rotterdam, wo interessanterweise das
gebogene Dach gleichzeitig Wohnungen beherbergt. Und weil es im Erdgeschoss
eher luxuriös zugeht, die angebotenen Waren eher sehr hochwertig und
hochpreisig sind, wurde im Untergeschoss noch ein Supermarkt implantiert.
Das heißt, da treffen sich dann auch wieder unterschiedliche soziale
Gruppen.
16 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.jovis.de/de/book/9783986120429
(DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Rem_Koolhaas
## AUTOREN
(DIR) Susanne Messmer
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