# taz.de -- Berlusconi und kein Ende: Die Marke lebt
> Drei Jahre nach seinem Tod ist Silvio Berlusconi präsenter denn je. Das
> liegt auch an zwei im Nahestehenden, die wieder mit der Justiz zu tun
> haben.
(IMG) Bild: Gehorcht immer brav: Antonio Tajani im Austausch mit Silvio Berlusconi 2019
Den meisten italienischen Zeitungen war es nur eine kleine Meldung auf den
hinteren Seiten wert, dass der Mailänder Großflughafen Malpensa weiter –
wie schon seit 2024 – als „Flughafen Silvio Berlusconi“ [1][firmieren
soll.]
Das Verwaltungsgericht der Lombardei schmetterte die Einsprüche der Stadt
Mailand und diverser anderer Umlandgemeinden ab, und Silvios Tochter Marina
freute sich, dass „sein Name weiter das Elend jener überragt, die es nicht
schaffen, ihm seine Größe zu verzeihen“.
Das mit der Größe können wir dahingestellt sein lassen, aber Marina B.
trifft auf ihre Weise durchaus den Punkt. Denn Berlusconis langer Schatten
– dafür steht auch das jetzt ergangene Urteil des Verwaltungsgerichts –
fällt auch fast drei Jahre nach seinem Tod weiter auf Italien, und immer
wieder scheint es, als sei seine Ära gar nicht wirklich vergangen.
So erfuhren die Zeitungsleser*innen ebenfalls in den letzten Tagen,
dass Marcello Dell’Utri, über Jahrzehnte hinweg einer der engsten
Mitarbeiter Berlusconi, mal wieder vor Gericht soll. [2][Dell’Utri] war im
Jahr 2014 letztinstanzlich zu sieben Jahren Haft verurteilt worden, weil er
von 1974 bis 1992 der Verbindungsmann zwischen Berlusconi und der Cosa
Nostra war; viereinhalb Jahre saß er dann effektiv im Knast.
## Freunde und Freundinnen
In allen diesen Jahren hielt Silvio immer treu zu seinem Freund Marcello,
ja er unterstützte ihn nach Kräften. Insgesamt 42 Millionen Euro überwies
er an Dell’Utri – und eben deshalb kommt es jetzt zu dem neuen Prozess. Die
Anti-Mafia-Paragrafen des italienischen Strafrechts nämlich schreiben vor,
dass ein wegen Mafia Verurteilter jede Vermögensveränderung an den Staat
melden muss – und eben dies unterließ Dell’Utri.
Der jetzt aufgelegte Prozess erinnert Italien an eine Konstante der
Berlusconi-Jahre: an seine über Jahrzehnte währenden Kontakte zur
sizilianischen Mafia. Doch das allgemeine mediale Desinteresse, das das
neue Verfahren umgibt, erinnert zugleich an mehr – daran, dass schon in
Berlusconis letzten Lebensjahren die Italiener*innen sich gar nicht
mehr recht aufregen mochten über die immer wieder hochkochenden
Mafia-Vorwürfe gegen ihn und den Mitstreiter Dell’Utri.
Einen Flashback erlebten die Italiener*innen praktisch zeitgleich mit
einem anderen Fall, der einen weiteren Aspekt des unermüdlichen Wirkens
Berlusconis beleuchtet.
Im Februar hatte Staatspräsident Sergio Mattarella die 41-jährige
[3][Nicole Minetti] begnadigt, die unter anderem wegen Förderung der
Prostitution zu drei Jahren und elf Monaten Haft verurteilt worden war. Da
ging es um Prostitution an Berlusconis Hof, für den Minetti die Trupps
junger Frauen organisierte, die bei den Bunga-Bunga-Partys dabei waren.
## Erneute Überprüfung
Im erfolgreichen Gnadengesuch hieß es, Minetti habe ihren Lebenswandel
„radikal geändert“, doch Recherchen der Tageszeitung Il Fatto Quotidiano
ließen heftige Zweifel an dieser Version aufkommen – und Präsident
Mattarella verlangt jetzt eine erneute Überprüfung.
Einer, der angesichts des Falls sofort den Bogen in die Gegenwart schlug,
war der prominente Journalist Paolo Mieli. Er barmte, „im Fatto wird
Minetti attackiert, um Berlusconis Rehabilitierung zu stoppen“ – ganz so,
als sei es unanständig, heute noch an Silvios merkwürdigen Umgang mit
Frauen und der Wahrheit zu erinnern.
Vor allem aber liegt Mieli deshalb falsch, weil Berlusconi spätestens seit
seinem Tod am 12. Juni 2023 als völlig rehabilitiert gelten darf. Schon
damals mochte so gut wie niemand über seine Vorstrafe wegen Steuerbetrugs
reden, über die ihm angelasteten Bilanzfälschungen, über den Kauf von
Abgeordneten der Opposition, als er selbst Regierungschef war. Stattdessen
verordnete Ministerpräsidentin Meloni drei Tage Staatstrauer, gab es in
Mailand ein pompöses Staatsbegräbnis, bei dem auch Staatspräsident
Mattarella nicht fehlte.
Selbst die Erwartung, die von Berlusconi im Jahr 1994 gegründete Partei
Forza Italia (FI) werde nach seinem Ableben sang- und klanglos
auseinanderfallen, erfüllte sich nicht.
Im Gegenteil: Die FI liegt in allen Umfragen weiterhin stabil bei rund 9
Prozent. Und weiterhin gehört die Partei im wahrsten Sinn des Wortes den
Nachkommen Berlusconis, die den Klub ganz selbstverständlich, ganz so wie
Papa, als Privatsache behandeln.
Schließlich stehen sie mit ihrem Vermögen für die mehr als 90 Millionen
Euro hohen Schulden von FI ein – da darf man doch auch kommandieren, ganz
wie Papa. Zwar hat die Erstgeborene, Marina Berlusconi, gar kein Parteiamt
inne, doch am 9. April zitierte sie den Forza-Italia-Vorsitzenden und
stellvertretenden Ministerpräsidenten Antonio Tajani zum Rapport in den
Firmensitz der Berlusconi-Holding Mediaset.
Marinas Auftrag an ihn: Er solle umgehend die beiden ihr nicht mehr
genehmen FI-Fraktionsvorsitzenden im Abgeordnetenhaus und im Senat
schassen. Tajani gehorchte brav – und viele in Italien fragen sich, ob
Marina B. demnächst selbst an die Spitze von Forza Italia treten könnte.
Auf die Post der Partei könnte sie dann eine Briefmarke kleben, die
Italiens Post schon 2024 herausgegeben hat: die Berlusconi-Gedenkmarke.
1 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.stol.it/artikel/politik/mailaender-airport-bleibt-nach-italiens-ex-premier-berlusconi-benannt
(DIR) [2] /Alte-Freunde-unserer-Sache/!5797731/
(DIR) [3] /Ruby-Affaere-in-Italien/!6174999
## AUTOREN
(DIR) Michael Braun
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