# taz.de -- die gesellschaftskritik: Alte Freunde unserer Sache
Journalisten des Corriere della Sera protestieren nun doch gegen
Mafia-Verehrung
Nachdem am vergangenen Samstag, 11. September, in der führenden
italienischen Tageszeitung Corriere della Sera eine ganzseitige Anzeige zum
80. Geburtstag des verurteilten Mafioso und Berlusconi-Intimus Marcello
Dell’Utri erschienen war (die taz berichtete), [1][hat sich nun die
Redaktion des Mailänder Blatts zu Wort gemeldet].
Kernstück des Schreibens an den „lieben Chefredakteur“ und einstigen
Jungkommunisten Luciano Fontana ist der Satz: „Wir sind der Meinung, dass
die Verantwortlichen der Anzeigenseiten vorsichtiger sein und nicht den
geringsten Zweifel an der absoluten Unnachgiebigkeit des Corriere della
Sera gegenüber denjenigen aufkommen lassen sollten, die rechtskräftig wegen
Mafiadelikten verurteilt wurden und in anderen Prozessen, ebenfalls wegen
Mafiadelikten, angeklagt sind.“
Auf der Anzeige für Dell’Utri auf Seite 26 des liberalkonservativen
Blattes, für das seit Beginn des Jahres auch der [2][von der Mafia bedrohte
Autor und Journalist Roberto Saviano] arbeitet, waren die Unterschriften
von über 200 Personen um die Zeile „Auguri Caro Marcello“ (Herzliche
Glückwünsche, lieber Marcello) gruppiert.
Marcello Dell’Utri war über Jahrzehnte die rechte Hand Silvio Berlusconis
und wurde 2014 [3][wegen Unterstützung der Mafia und als Kontaktperson
Berlusconis zur Cosa Nostra („Unsere Sache“)] zu sieben Jahren Haft
verurteilt, von denen er vier Jahre im Gefängnis und ein Jahr in Hausarrest
verbüßen musste. Außerdem läuft gegen ihn noch ein Verfahren, das seine
Rolle als eventueller Auftraggeber der Terroranschläge der Cosa Nostra
1992/93 untersucht. Auch beim laufenden Prozess zu möglichen Absprachen
zwischen Staat und Mafia („trattativa“) ist Dell’Utri einer der
Angeklagten.
Unter den Unterzeichnern des geschmacklosen Geburtstagsgrußes finden sich
neben ehemaligen Mitarbeitern aus Berlusconis TV-Imperium auch Politiker
wie der Ex-Ministerpräsident der Region Venezien, Giancarlo Galan, der
ebenfalls zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Eine ähnliche bezahlte
Verehrungsgeste für den Mafioso Dell’Utri hatte bereits 2014 Protest in der
Corriere-Redaktion ausgelöst, den nun nach der erneuten Huldigung viele
Beobachter zunächst vermisst hatten.
Die Redaktion betont die negativen Reaktionen der Leserschaft, bleibt im
Ton aber sehr vorsichtig. Das mag auch daran liegen, dass der Präsident der
RCS MediaGroup, zu der der Corriere gehört, ein früherer enger Mitarbeiter
Dell’Utris ist: Urbano Cairo, der lange in unmittelbarer Umgebung
Berlusconis in dessen Fininvest-Konzern arbeitete, ist heute
Mehrheitseigner der RCS-Aktiengesellschaft.
In einem solchen Klima geschäftlich-freundschaftlicher Langzeitbeziehungen
scheint tatsächlich auch das, von außen betrachtet, Italien vollkommen
unmöglich Machende möglich, wenn nicht sogar wahrscheinlich.
Dass nämlich der bald 85-jährige Berlusconi tatsächlich, wie von ihm
angestrebt, im nächsten Jahr zum Präsidenten der Republik gewählt wird –
nicht vom Volk versteht sich, sondern von den vielen alten Freunden im
Parlament. Ambros Waibel
20 Sep 2021
## LINKS
(DIR) [1] https://www.antimafiaduemila.com/home/mafie-news/261-cronaca/85780-gli-auguri-mal-digeriti-a-dell-utri-sul-corriere-cdr-chi-gestisce-le-pagine-faccia-piu-attenzione.html
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