# taz.de -- Sozialpsychologischer Blick auf die AfD: „Ich bin absolute Vertreterin der Brandmauer“
       
       > Sollen wir uns verstärkt um die Leute jenseits der AfD-Wähler kümmern und
       > wie geht das, Beate Küpper? Peter Unfried und Harald Welzer im Gespräch
       > mit der Sozialpsychologin für taz FUTURZWEI.
       
 (IMG) Bild: Sozialpsychologin Beate Küpper in Dortmund
       
       [1][taz FUTURZWEI]: Frau Küpper, was sagen Sie als Sozialpsychologin und
       Mitautorin der „Mitte-Studie“: Ist die Brandmauer-Strategie eine
       zukunftsfähige Strategie für die Stärkung einer breiten Mitte der
       Gesellschaft?
       
       Beate Küpper: Tja, wenn sie denn tatsächlich gefahren worden wäre, würde
       ich sagen, ja. Ich bin absolute Vertreterin der Brandmauer. Oft wird
       argumentiert: Naja, im lokalen Raum, insbesondere, wenn es um sachliche
       Themen geht, dann müssen wir miteinander arbeiten, auch mit der AfD, sonst
       sind wir gar nicht handlungsfähig. Der Bau eines neuen Schwimmbads ist
       immer so ein Beispiel. Und der zweite Grund, der vorgebracht wird: Wenn die
       vernünftige Vorschläge machen und wir auf einer Linie sind, wäre es ja
       komisch, wenn wir nicht zustimmen.
       
       Was ist das Problem? 
       
       Ich finde, beides ist nicht tragfähig. Es gibt auch die Möglichkeit, dass
       dann andere Parteien sich zusammentun, um diesen einen Sachvorschlag
       umzusetzen. Denn wir wissen, dass das eine explizite Strategie der
       äußersten Rechten ist – der AfD und nicht nur der AfD –, erst mal im
       lokalen Raum Vertrauen zu schaffen über die lokalen Beziehungen und über
       solche scheinbar politisch völlig neutralen Sachthemen wie den Bau eines
       neuen Schwimmbads. Damit werden persönliche Beziehungen und
       Vertrauensverhältnisse aufgebaut, auf die die AfD dann zurückgreifen kann.
       Deshalb ist die Brandmauer absolut wichtig. Das ist das Eine.
       
       Und das Zweite? 
       
       Wir beobachten im europäischen Raum und auch weltweit mit Blick auf die USA
       und andere Länder, dass es zu gar nichts führt, mit der äußersten Rechten
       irgendetwas zusammen zu machen, weder sich tolerieren zu lassen noch in
       Koalition zu gehen. Das führt nur dazu, dass sich insbesondere die
       konservativen Parteien zerlegen. Nicht die Linke ist das Ziel der
       Rechtspopulisten, sondern die Konservative, die eben in Teilen mit dem
       Abbau der Brandmauer liebäugelt, weil sie überschneidende Positionen zu
       sehen meint und auch, weil sie denkt, sie müsse deren Themen und Positionen
       aufgreifen, weil sonst ihre Wählerinnen und Wähler überlaufen. Die äußerste
       Rechte setzt dann immer noch eins drauf, um sich abzuheben. Damit befeuert
       man also die weitere Radikalisierung sowohl der äußersten Rechten als auch
       des Gesamtdiskurses. Das problematischste Argument ist aber, und das hören
       wir ja auch durchaus in der liberalen Demokratieforschung, zu sagen: Naja,
       wir sind doch ein offener Diskursraum und wir müssen ins Gespräch gehen.
       
       Falsch? 
       
       Es geht ja nun nicht um einen Austausch von Argumenten, sondern um
       Stimmungsmache. Und der offene Diskursraum endet an den Grenzen der
       Menschenwürde und der Menschenrechte. Ein weiterer Satz, der gerne fällt,
       vielleicht weniger aus Parteien heraus, sondern aus der Bevölkerung, ist:
       Man kann die AfD ja wählen, also ist sie eine demokratische Partei, und es
       wäre ja undemokratisch, wenn man mit der nicht spricht. Alles daran ist
       falsch. Die NSDAP konnte man auch wählen, sie wurde auch gewählt. Sie war
       trotzdem nicht demokratisch, da sind sich vermutlich alle einig. Zweiter
       Punkt: Man muss eben nicht mit allen über alles reden. Das gilt auch für
       Einladungen bei Veranstaltungen. Selbstverständlich suche ich mir da die
       Partner aus, mit denen ich vielleicht kontrovers, aber konstruktiv zu
       diskutieren hoffe und mit denen ich meine Wertvorstellungen grundsätzlich
       in Übereinstimmung bringen kann.
       
       Wir wollen jenseits der AfD denken, die Empirie des sinkenden
       Demokratie-System-Parteien-Medien-Vertrauens ist ja eindeutig, da ist der
       naheliegende Schluss, dass das vordringlichste Interesse der
       grundgesetzkonformen Parteien sein müsste, dieses Vertrauen
       wiederherzustellen. Und da haben Sie gar kein Rezept, das zu tun? 
       
       Die Politik versucht durchaus Dinge. Wir haben jetzt so etwas wie
       Bürgerräte, wir haben bei diversen größeren Energieprojekten inzwischen
       Bürgerbeteiligungsverfahren. Es wird ja auch geworben um das
       Wählervertrauen. Aus meiner Sicht gibt es zwei Probleme, mindestens. Das
       eine Problem ist die Art und Weise, Vertrauen wiederherzustellen. Das wird
       ja versucht, etwa in der Corona-Aufarbeitung. Das andere Problem ist: Was
       richte ich damit an bei denjenigen, die durchaus Vertrauen haben oder die
       sich Sorgen machen? Man vergrätzt die natürlich auch, wenn man zu viel
       hinter den Leuten herläuft, die ihren Vertrauensverlust in
       demokratiegefährdende Positionen und extremes Wahlverhalten übersetzen.
       
       Können Sie das anschaulich machen? 
       
       Was mache ich in der Klasse als Lehrer, als Lehrerin, wenn ich zwei, drei
       habe, die Molli machen und ich denen zu viel Aufmerksamkeit schenke? Das
       führt dazu, dass die anderen sich entweder irgendwann frustriert
       zurückziehen oder auch Molli machen, weil sie sagen, anders werde ich ja
       nicht gehört. Es ist eine zweischneidige Angelegenheit, Vertrauen
       zurückzugewinnen mit Fokussierung auf diejenigen, die sagen, ich habe das
       Vertrauen verloren.
       
       Was sind denn die zentralen Ursachen für den Vertrauensverlust, das
       Spektrum reicht ja von Corona-Politik bis Bahn? 
       
       Die starken Thesen sind immer: die Verkrustung der Demokratie als solche,
       die ökonomische Ungleichheit oder solche faktischen Dinge wie
       Daseinsvorsorge, Bahn kommt nicht, marode Brücken, Kitas,
       Gesundheitsversorgung und so.
       
       Wie steht es denn um Vertrauensverlust durch mangelnde Daseinsvorsorge? 
       
       Achtzig Prozent der Menschen sagen: In meiner Region, wo ich lebe, lebt es
       sich gut oder sogar sehr gut. Und über zwei Drittel sind auch mit der
       Daseinsvorsorge relativ zufrieden. Das hat uns angesichts der Debatten
       selbst überrascht.
       
       Gibt es da Stadt-Land-Unterschiede? 
       
       Je größer die Stadt, desto zufriedener sind die Leute insgesamt mit der
       Daseinsvorsorge. Auf dem Land im Westen sind die Leute aber insgesamt
       besonders zufrieden mit ihrem Leben, auf dem Land im Osten vergleichsweise
       weniger zufrieden, aber auch da sind die Unterschiede gar nicht so groß,
       wie man vielleicht meint. Auch die Entwicklung wird von vielen Leuten in
       ihrer Region als gar nicht so schlecht angesehen.
       
       Was schließen Sie daraus? 
       
       Wir reden ganz viel über diese maroden Dinge und punktuell kann auch jeder
       eine schöne Anekdote darüber erzählen, wo er mal wieder im Stau gestanden
       hat, weil die Brücke kaputt ist, dass die Bahn, der Facharzt ... und so
       weiter. In dem Moment, in dem man ein Problem hat, ist das sehr dominierend
       in der Wahrnehmung. Im Großen und Ganzen sind die Leute aber offenbar gar
       nicht so unzufrieden, wie man aus der allgemeinen Debatte meinen mag.
       
       Was ist mit den richtig Unzufriedenen? 
       
       Die neigen tatsächlich zu Demokratiedistanz auf ganzer Linie. Da geht es um
       mangelndes Vertrauen in das Funktionieren der Demokratie, auch in ihre
       Institutionen und Wahlen, auch um Normalisierung der AfD. Die Befragten
       neigen auch signifikant eher zu rechtsextremen Einstellungen.
       
       Was ist, wenn man die Bahn und die Brücken repariert kriegt? 
       
       Grundsätzlich haben wir alle eine in den letzten Jahrzehnten gestiegene
       Erwartungshaltung, wie toll und wie schnell alles funktionieren soll. Aus
       einer sozialpsychologischen Perspektive wissen wir, dass die
       Erwartungshaltung eine sehr große Rolle spielt und die Bewertung von Fakten
       damit zusammenhängt. Und jetzt kommt das große Problem.
       
       Bitte. 
       
       Was bei den Wahlergebnissen der Kommunalwahlen in NRW auffiel:
       AfD-Wählerinnen und -Wähler waren mit Abstand weniger zufrieden. Und zwar
       nicht nur bei Einwanderung, sondern auch bei Themen wie Schule und Kitas,
       Kultur, Verkehr, Wirtschaft. Die Annahme, jetzt müsste man die
       Infrastruktur verbessern und dann gewinnen die wieder Vertrauen und kommen
       wieder zurück auf den Boden der Demokratie, geht aus von der theoretischen
       Annahme, es gibt ein faktisches Problem, aber keine Lösung für das Problem,
       deshalb werden die Leute wütend, verlieren ihr Vertrauen, und dann wählen
       sie die AfD.
       
       Verbesserungen helfen da gar nichts? 
       
       Meine These ist: Der Populismus sucht und findet sich schon sein nächstes
       Problem, und wenn es der Poller für die verkehrsberuhigte Zone ist, mit dem
       ich ganz viel Wut entfachen kann. Klar gibt es faktische Probleme und klar,
       das Lösen von Problemen ist Aufgabe staatlichen Handels, aber ich fürchte,
       das hilft nicht gegen den Demokratieverdruss.
       
       Das Problematisieren von Pollern versucht in Kreuzberg die CDU. 
       
       Tja. Der Witz an Demokratie ist ja, dass das, was für die einen eine gute
       Lösung wäre, es für die anderen mitnichten ist. Die Forderung, wir müssten
       nur die Probleme besser lösen, funktioniert also nicht. Die Einzelhändler
       finden Poller in der verkehrsberuhigten Zone doof, Leute, die nicht so gut
       laufen können oder gern Auto fahren auch, und die anderen finden es schön,
       die da gern spazieren gehen wollen. Die Herausforderung in einer Demokratie
       ist ja gerade, diese unterschiedlichen Vorstellungen und Bedarfe halbwegs
       zivilisiert auszuhandeln. Und dann wird unterschätzt, dass wir ja hier
       Akteure haben, die ihren Nektar daraus saugen, dass es ein Problem gibt und
       sich das nächste Problem zur Not auch selbst erfinden. Wir erinnern uns an
       die Behauptung Donald Trumps im TV-Duell mit Kamela Harris während seiner
       Präsidentschaftsbewerbung, die Einwanderer aus Haiti essen angeblich Katzen
       und Hunde. Als das als Fake News entlarvt wurde, war die Antwort von seinem
       zukünftigen Vize J. D. Vance, er müsste notfalls „Geschichten kreieren“,
       damit sich die Medien damit beschäftigen – also könne es wahr sein.
       
       They're eating the dogs, they're eating the cats. 
       
       Was ich damit sagen will: Lasst uns doch mal ernst nehmen, was wir über
       Populismus und Propaganda seit vielen Jahren beobachten und erforschen,
       nämlich dass ein kleines Fünkchen an Unzufriedenheit aufgegriffen wird, das
       sich überall findet und das dann aufgebauscht, angeheizt und
       instrumentalisiert wird. Von daher funktioniert der Lösungsvorschlag, wir
       müssen die Probleme angehen und entsprechend lösen, in doppelter Hinsicht
       nicht, weil es erstens unterschiedliche Lösungsvorstellungen gibt und man
       zweitens Populisten damit nicht eingeholt kriegt.
       
       Es gibt nun aber doch Probleme, die liberale Demokratien nicht gelöst
       kriegen. 
       
       Ich plädiere zunächst dafür, das ernster zu nehmen, dass wir explizit
       interessierte Akteure weltweit haben, die aktiv Vertrauen untergraben und
       deren Elixier daraus besteht, zu sagen, die korrupten Eliten betrügen das
       moralisch reine Volk und die bösen Fremden bedrohen es. Daraus besteht ja
       die Kernerzählung. Dagegen kommt man mit faktischen Dingen wie Brücken
       reparieren nicht an.
       
       Wir sind ja nicht nur ein Magazin für Kritik, wir sind auch ein Magazin für
       Lösungen. Was Sie uns da auseinandersetzen, verwirft vorgeschlagene
       Lösungen, also Brücken reparieren, Busse im ländlichen Raum, eine
       funktionierende Bahn. Was machen wir denn jetzt? 
       
       Ich wollte damit nicht gesagt haben, dass es keine schöne Idee ist, Brücken
       zu reparieren und Bushaltestellen -hinzustellen. Letzteres ist im Osten zum
       Teil passiert, darüber waren viele froh. Aber wissen Sie, was dann einige
       Leute auch gesagt haben? Das haben wir schon seit Jahren vergeblich gesagt,
       aber jetzt, wo wir die Flüchtlingsheime hier haben, jetzt kriegen wir eine
       Bushaltestelle. Das ist nur ein Beispiel, wie eine Verbesserung sofort zum
       nächsten Thema gemacht wird.
       
       Was hilft? 
       
       Ich würde dafür plädieren, erstmal ein paar Sachen nicht zu tun. Angefangen
       damit, der AfD eine mediale Bühne zu bieten, selbst nach ihrem verfehlten
       Einzug in den Bundestag 2013 und als sie Mitte 2015 in den Wahlumfragen
       runter war auf drei Prozent. Sich die Themen diktieren zu lassen und sie
       überproportional aufzugreifen. Es ist natürlich viel einfacher, alles auf
       die bösen Fremden zu schieben und die Grenzen dichtmachen zu wollen, als
       auf die Rentenproblematik einzugehen. Das ist billigste Sozialpsychologie:
       Such dir irgendeinen fremden Feind, auf den man alles schön abladen kann.
       Das kennen wir ja schon seit der Pest. Wir sollten auch nicht immer noch
       denken, es gehe um Argumente. Bilden wir uns denn ein, dass einer dann
       sagt: Hm, du hast recht, das stimmt, die korrupten Eliten betrügen ja gar
       nicht das Volk.
       
       Das war das Nichtmachen, was ist mit dem Machen? 
       
       Wir sind in den letzten achtzig Jahren peu à peu demokratischer geworden,
       durchaus erfolgreich, und haben dadurch, und das ist meine These, auch die
       Erwartung an Demokratie, an Mitsprache entwickelt. Wir haben uns aber auch
       eingegroovt, auch angetrieben von interessierten Akteuren, in so ein
       Gemeckere, ach, die machen doch sowieso nur Mist. Und gleichzeitig in eine
       Haltung, sich wenig zu beteiligen. Politik wird als Lieferservice
       verstanden, und ich kann mich hinsetzen, meckern und sagen, die liefern ja
       nicht das, was ich will, ungeachtet dessen, dass es eben achtzig Millionen
       mindestens etwas unterschiedliche Vorstellungen gibt. Demokratie
       funktioniert nur mit Aushandeln, Mitmachen und Verantwortung übernehmen.
       Ich finde, wir haben es ausgelassen, den Leuten, die jetzt der AfD ihre
       Stimme geben, zu sagen: Bist du dir sicher, dass du in dem Land leben
       möchtest, was wir dann kriegen, wenn du die wählst, und ist dir klar, dass
       du dann dafür auch Verantwortung trägst für das, was passiert? Gibst du mir
       deine Unterschrift, dass du bei deinem nächsten Krankenhausaufenthalt von
       keinem migrantischen Oberarzt mehr operiert, von keinem migrantischen
       Pfleger mehr gepflegt werden möchtest? Übrigens fehlen dann auch Leute, um
       die Brücke zu reparieren.
       
       Einer der wichtigen Gründe, warum wir Einwanderung brauchen. 
       
       Darüber reden wir wenig. In den Fragebögen sind es zum Teil die gleichen
       Leute die ankreuzen: Ja, gegen Fachkräftemangel sollen wir etwas tun, die
       sich aber dann ziemlich unfreundlich gegenüber Migranten äußern.
       
       Wir fassen zusammen: Die Bevölkerung und die Wähler müssen es ausbaden. Was
       ist mit den Parteien, speziell Union und SPD? Die könnten sich doch auch
       mal fragen, ob das alles auch mit ihnen was zu tun hat? 
       
       Fragen die sich ja dauernd. Bei der These mit den abgehobenen Eliten gehen
       die Alarmanlagen an bei mir. Da spielen wir den Populisten in die Hände.
       Und nochmal: Ja, sicher können Parteien Dinge besser machen, aber der
       Aufstieg der äußersten Rechten lag weder an Merkel noch der Ampel noch
       jetzt an der großen Koalition – der ist ja, wie gesagt, kein allein
       deutsches Phänomen. Richtig ist: Der weltweite Aufstieg der äußersten
       Rechten hat sich parallel zur weltweiten Demokratisierung vollzogen. War
       die deshalb ein Fehler? Nein. Sind dabei soziale Milieus übergangen worden?
       Jein – ärmere und weniger gut gebildete Teile hätten mehr mitgenommen
       werden müssen. Aber die sind für den Aufstieg der äußersten Rechte nur sehr
       bedingt verantwortlich, die gehen oft gar nicht zur Wahl. Ja, wer früher
       automatisch das größte Schnitzel bekommen hat, muss das jetzt aufwendiger
       rechtfertigen und fürchtet um seine Pfründe.
       
       Die einen sagen, man müsse sich um die AfD-Wähler kümmern. Die anderen
       sagen: Kümmert euch, um die, die nicht AfD wählen. Um wen soll ich mich
       denn jetzt kümmern? 
       
       Ich setze einen drauf und sage: Vielleicht kümmert man sich auch mal um
       die, die unmittelbar bedroht werden durch die AfD. Das sind nämlich auch
       nicht so wenige. Das sind all diejenigen, die aus irgendwelchen Gründen als
       fremd, anders, unnormal gelten. Und es sind auch diejenigen, die sich für
       die Demokratie engagieren. Wir haben gerade ein Projekt laufen namens
       Beware! Dafür haben wir über fünfhundert Leute aus der demokratischen
       Zivilgesellschaft befragt. Sie stehen sozusagen an der Front gegen den
       Rechtsextremismus und das ziemlich ungeschützt. Es ist erschreckend, was
       diese Engagierten an Bedrohung abkriegen. Von eingeschmissenen
       Fensterscheiben bis zu persönlicher Gewalt. Wenn sie dann noch eine
       migrantische junge Frau sind und sich -demokratisch -engagieren, dann
       kriegen sie es besonders fies ab. Das wird einfach so hingenommen und
       weggeschluckt. Das sind Leute, die für wenig Geld oder ehrenamtlich und
       aktivistisch den Kopf hinhalten, tapfer mit der Lokalbevölkerung reden und
       Dinge machen, also auch dazu beitragen, Vertrauen herzustellen. Gerade im
       Osten braucht das viel Mut.
       
       Nun haben Westler oft die Vorstellung, der Osten sei das Problem. Das gibt
       Ihre Untersuchung nicht her? 
       
       Das gibt unsere Untersuchung nur bedingt her, was rechtsextreme
       Einstellungen betrifft. Ein geschlossen rechtsextremes Weltbild gibt es bei
       Ostdeutschen tatsächlich auf den ersten Blick etwas häufiger als bei den
       Westdeutschen, der Unterschied ist aber nicht signifikant und wenn man sich
       den Graubereich anguckt, ist da kein so großer Unterschied mehr. Auch wenn
       es überraschen mag – Ost und West sind sich in vielerlei Hinsicht
       erstaunlich ähnlich, was die Haltung zu Demokratie betrifft. Und auch im
       Osten sind die meisten Menschen recht zufrieden mit ihrem persönlichen
       Leben und dem Leben in der eigenen Region, auch hier ist der Unterschied
       nicht so sehr groß, das hatte ich schon erwähnt.
       
       Was ist mit Vertrauen in die Demokratie? 
       
       Selbst da ist gar nicht so ein großer Unterschied, wie man vielleicht
       annehmen würde. Die Ostdeutschen bescheinigen der Demokratie allerdings
       seltener, „im Großen und Ganzen ganz gut zu funktionieren“, erleben die
       Demokratie als weniger funktionierend und sagen weniger häufig, die
       Demokratie sei gerecht. Bei Demokratievertrauen, Problemlösen, generellem
       Funktionieren und auch politischer Machtlosigkeit ist kein großer
       Unterschied. Auch das Gefühl politischer Machtlosigkeit ist unter
       Ostdeutschen etwas weiter verbreitet. Aber was in den Analysen der
       Mitte-Studie vor allem auffällt: Im Osten neigen deutlich mehr Befragte
       dazu, die AfD zu normalisieren, sie etwa für eine „Partei wie jede andere“
       zu halten, ungeachtet der Tatsache, dass sie gerade im Osten besonders
       radikal und klar völkisch-rechtsextrem ist.
       
       Wie kommt das? 
       
       Aus einer sozialpsychologischen Perspektive hat das zwei Gründe: erstens
       die Offenheit für verschiedene Parteiangebote, wegen der geringeren
       Parteibindung im Osten. Aber auch geringere Scheu, die AfD zu wählen, wenn
       das als normal gilt, weil das einfach alle machen. Raj Kollmorgen, ein
       Kollege der sich im Osten deutlich besser auskennt als ich, hat in der
       Mitte-Studie dazu gesagt: Es gibt auf der einen Seite diese hohe
       Erwartungshaltung an den Staat und auf der anderen Seite auch dieses
       durchaus Avantgardistische „wir haben gemerkt, man muss nur ordentlich
       protestieren, dann kann man auch was ändern“. Aber wenn wir dauernd sagen,
       die Leute, die die AfD wählen, sind ja nicht rechtsextrem, die wollen nur
       protestieren, dann muss man sagen, seit wann ist denn Protest unpolitisch?
       Inzwischen sind wir aber leider schon eine Stufe weiter.
       
       Nämlich? 
       
       Wir sind an einem Punkt, an dem etliche sagen: Na und? Dann bin ich halt
       rechtsextrem. Lehrer im Osten berichten das übrigens auch von ihren
       Schülern, sie dominieren inzwischen ganze Klassen und sind eine große
       Bedrohung für all die anderen Jugendlichen, die dabei nicht mitmachen
       wollen. Mancherorts heißt es inzwischen auch schon, wir sind ja froh, wenn
       die die AfD wählen, bei uns ist der rechtsextreme Dritte Weg ganz stark.
       
       To wrap it up: Was empfehlen Sie zu Stabilisierung der
       liberal-emanzipatorischen Gesellschaft? 
       
       Wenn ich meine Zahlen anschaue, dann sehe ich, dass sich 70 Prozent Sorgen
       machen wegen des Anstiegs des Rechtsextremismus und 76 Prozent doch klar
       auf der demokratischen Seite sind, noch nicht mal im Graubereich. Das sind
       drei Viertel. Es ist zentral, deren Vertrauen nicht zu verspielen, in dem
       man zu sehr auf die Schreihälse zugeht. Vor allem auch wichtig ist der
       Umgang mit Leuten, die im Graubereich sind.
       
       Wie kann dieser Umgang aussehen? 
       
       Auf die zugehen, mitnehmen und einbinden, auch über klassische
       Beziehungsarbeit und gemeinsam überlegen, was lässt sich konstruktiv aus
       deiner Sicht ändern und wie kannst und willst du dabei mitmachen? Und auch
       rückfragen, in welcher Welt sie selbst gern leben möchten: Bist du sicher,
       dass du in so einer Welt leben möchtest, wie es die AfD im Angebot hat, in
       der es lebenswertes und unwertes Leben gibt? Brutal gesagt: Spätestens wenn
       du oder gar dein Kind im Rollstuhl sitzt, willst Du das ganz sicher nicht.
       
       Das würden Sie so sagen? 
       
       Es geht darum, die Leute mitzunehmen in einen Gedankengang, und zwar
       empathisch, nicht konfrontativ, aber ihnen dabei eine Chance zu geben,
       gesichtswahrend nochmal darüber nachzudenken. Da kriegt man nicht den
       ganzen Graubereich, aber einen Teil kriegt man schon. Und auch in den
       ostdeutschen Dörfern haben wir fünfzig Prozent, die nicht die AfD wählen,
       sondern die unter besonders schwierigen Umständen an der demokratischen
       Gestaltung ihrer Gemeinde arbeiten. Und die haben Angst. Sie brauchen ganz
       dringend mehr Aufmerksamkeit und mehr Unterstützung. Und es braucht mehr
       Aufmerksamkeit für das, was eben auch funktioniert, als Ausgangspunkt für
       eine positive Zukunftserzählung.
       
       🐾 Lesen Sie weiter: Dieser Artikel erschien zuerst in der neuen Ausgabe
       unseres taz-Magazins FUTURZWEI N°36 mit dem Titelthema „Die AfD
       interessiert uns nicht“. Jetzt bestellen im [2][taz Shop].
       
       28 Apr 2026
       
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