# taz.de -- Die Wahrheit: Deutsche, lasst euch schützen!
> Schluss mit dem linksextremistischen Change-Gedöns – Denkmalschutz für
> Deutsche ist jetzt möglich.
(IMG) Bild: Der Deutsche: Endlich für immer in Stein gemeißelt
Vergessen wir Yoga und Cannabis, vergessen wir ZDF-Vorabendserien – und wie
die Tricks zum besseren Einschlafen alle heißen. Heilung ist in Sicht!
Dafür war es auch höchste Zeit, denn so ging es nicht mehr weiter mit
diesem neurodivergenten Zappelphilipp von einer Gegenwart. Mal will sie
dies, mal das und ständig nötigt sie einen, sich mit veränderten
Gegebenheiten auseinanderzusetzen.
Nehmen wir nur mal die Straße von Hormus. Gestern ausschließlich
Petrolheads und Piraten ein Begriff. Heute, paff!, systemrelevanteste
Straße der Welt, wichtiger als Milchstraße und Sesamstraße zusammen. Oder:
KI. Gestern Kfz-Kennzeichen-Abkürzung für das beschauliche Kiel. Heute
Weltmacht, die uns versklavt. Da kann man doch irre werden, also wenn man
es nicht schon wäre.
Das Zauberwort lautet darob: Denkmalschutz. Für Menschen. „Ab sofort können
sich Deutsche unter Denkmalschutz stellen lassen.“ Mit dieser, die
strapazierte Volkspsyche massierenden Message lässt Regierungssprecher
Stefan Kornelius gerade die Medienkanäle volllaufen.
„Gott sei Dank steht der Denkmalschutz nicht unter Denkmalschutz, sonst
dürften wir nicht an ihm herumbasteln“, witzelt er. Und fährt bierernst
fort: „Schluss mit lebenslangem Lernen, Umdenken und dem ganzen
linksextremistischen Change-Gedöns. Die Bundesregierung hat kapiert, dass
die Deutschen vor allem eines wollen: ihre Ruhe. Darum bieten wir ihnen an,
sich gratis unter Denkmalschutz stellen zu lassen. Der Schutz entbindet von
der Pflicht, sich immer wieder neu anzupassen an die Erfordernisse einer
wechselhaften Gegenwart. Das Beste: Wer unter Denkmalschutz steht, darf
sich nicht verändern. Das ist dann verboten.“
## Amtsperson mit Befreiungsschlag
Einfach einen formlosen Antrag ans Denkmalschutzamt mailen (Unterschrift
nicht vergessen!), und dann kommt eine Amtsperson vorbei, um die
persönlichen Details des Antragstellenden – Aussehen, politische Haltung,
sexuelle Vorlieben etc. – zu inventarisieren. Für viele Deutsche ist das
der ersehnte Befreiungsschlag.
„Ich war kurz davor, zu erwägen, mich in einer Sudoku-Pause für dingens,
Klimaschutz, zu interessieren. Meine Enkel haben mich mit dem Thema
dermaßen genervt. Aber jetzt bin ich denkmalgeschützt. Sorry, Kinder.
Sorry, Natur“, frohlockt Rentnerin Inge Kaluschke, eine der ersten, die das
Angebot genutzt haben.
Einmal im Jahr prüft das Denkmalschutzamt, ob die betreffende Person immer
noch exakt dieselbe ist. Falls nicht, droht Knast. Die Aussicht entlockt
Kaluschke nur ein Achselzucken. „Ich und mich verändern? Wozu? Ich bin doch
nicht bekloppt!“
Deutschland rettet sich unter den Denkmalschutzschirm. Das rüttelt die
deutsche Wirtschaft wie ein Erdbeben auf. Mit dieser Veränderung, dass sich
Menschen vor Veränderungen schützen können, rechnete niemand. Der
Bundesverband der Wirtschaft fürchtet, in den Betrieben künftig „ein
Arbeiter- und Angestelltendenkmal neben dem anderen“ anzutreffen, und sieht
das Ende jeglicher Innovation made in Germany nahen.
## Druck aus dem Alltag
Verlangt die Chefin von einem Mitarbeiter, Workflow XY asap an die neue
Richtlinie XY-456-PJJH/DDC anzupassen, muss sie sich von nun an gefasst
machen auf ein: „Darf ich nicht, Chefin. Denkmalgeschützt. Frage Kollegin
Hirsel, die ist ungeschützt.“ Das nimmt Druck aus dem Berufsalltag der
Arbeitnehmerschaft. Die Gewerkschaften jubilieren. Die Ärztekammer spricht
vom wirksamsten Beruhigungsmittel seit Erfindung der Beruhigungsmittel.
Die Beauty-Szene flucht, denn denkmalgeschützten Menschen sind selbst
kleinste körperbauliche Veränderungen wie Schlauchbootlippen und
V-Line-Kinn untersagt. Die erfindungsreichen US-Konzerne wiederum wittern
neues Business. Ab kommender Woche will Apple den deutschen Markt mit
updateunfähigen iPhones fluten, Microsoft mit Windows 95-Rechnern. Die
Vorbestelllisten sollen jeweils kilometerlang sein.
„So sieht konservative, das Bewährte bewahrende Appeasement-Politik für das
21. Jahrhundert aus. Der Frühling der Reformen hat begonnen. Reformhaus
Merz liefert“, feixt Bundeskanzler Friedrich Merz. Vom Denkmalschutz bis
zur Aufnahme der Deutschen ins Unesco-Welterbe-Verzeichnis sei es jetzt nur
noch ein kleiner Schritt. Sein Vize Lars Klingbeil, Finanzminister und
SPD-Chef, ist dem Vernehmen nach „angefasst“ wegen der von Sprecher
Kornelius verwendeten Worte „linksextremistisches Change-Gedöns“.
Widerspruch ist von ihm jedoch nicht zu erwarten, im Gegenteil. Wie es
heißt, würde Klingbeil gern die gesamte SPD unter Denkmalschutz stellen,
was die Denkmalschutzgesetzerweiterung blöderweise nicht erlaubt.
Immerhin kann er sich selber denkmalschützen – und auf diese Weise die
peinigende Frage, mit welcher neuen Strategie er die siechende Partei
wiederbeleben will, amtlich abwürgen. Zack, Antrag abgeschickt. Klingbeil
grinst. So einfach kann Politik sein.
28 Apr 2026
## AUTOREN
(DIR) Frank Lorentz
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