# taz.de -- Sterbehilfe in Belgien: Der Wille, zu sterben
> Belgien erlaubt, im Gegensatz zu Deutschland, die aktive Sterbehilfe. Wie
> ist das, Menschen in den Tod zu begleiten?
(IMG) Bild: Tödliche Dosis: Thiopental wird als Mittel in der Sterbehilfe eingesetzt
Wie ist das, einen Menschen zu töten? Catherine Roy, 68 Jahre alt, eine
drahtige Frau mit kurzen dunklen Haaren, ist Anästhesistin und
Palliativmedizinerin in einer Klinik im belgischen Lüttich. Bei der Frage
zieht sie die Augenbrauen hoch, nickt kurz und schweigt erst mal. „Die
Spritze geben, das ist schon ein Akt, sehr hart.“ Noch mal Pause, und etwas
leiser weiter: „Der Patient geht sehr schnell, sehr friedlich. Bei mir ist
da wirklich ein körperlicher Schmerz.“
Roy wird in der Folge sehr gewissenhaft über ihren Alltag berichten: Wie
umgehen mit vielen todkranken PatientInnen, deren Angehörigen und der
Möglichkeit der aktiven Sterbehilfe? In Belgien spricht man ganz
selbstverständlich von Euthanasie – in Deutschland ist der Begriff seit den
Nationalsozialisten verbrannt. Beim Gespräch mit der taz sind zwei andere
aus Roys Team dabei: die Palliativpflegerin Janine Notermans, 57, und der
Psychologe Finn Claßen, 29. Claßen stammt aus der Nähe von Köln, ihn hat es
liebesbedingt nach Belgien verschlagen. „In die Thematik musste ich mich
als Deutscher erst mal einarbeiten.“
In Deutschland gibt es [1][seit einem Bundesverfassungsgerichtsurteil von
2020 das Recht auf assistierten Suizid.] 1.200 Fälle der passiven
Sterbehilfe gab es 2025, meist über die Deutsche Gesellschaft für Humanes
Sterben (DGHS) organisiert und begleitet. Allerdings agieren Ärzte häufig
in einer Grauzone, weil die Verfassungsrichter das Recht auf passive
Sterbehilfe nicht auf eine bestimmte Gruppe von Menschen – etwa unheilbar
Kranke, wie in anderen Ländern – eingeschränkt haben. Und der [2][Versuch
des Gesetzgebers, einen einheitlichen Rahmen zu schaffen, scheiterte 2023,]
weil sich der Bundestag im Kern nicht auf die Frage der Entkriminalisierung
der Sterbehilfe einigen konnte.
## Was lässt sich lernen von Belgien?
Ein neuer politischer Anlauf ist derzeit nicht absehbar, auch wenn der
assistierte Suizid immer wieder Gerichte beschäftigt [3][– so etwa 2024,
als ein Berliner Arzt zu einer Haftstrafe verurteilt wurde.] Was ließe sich
lernen, wenn man ins Nachbarland Belgien schaut?
Belgien hat 2002 die aktive Sterbehilfe straffrei gestellt, seit 2014 sogar
ohne Altersgrenze nach unten. Damit hat ausgerechnet das mehrheitlich
katholische 11,5-Millionen-Einwohner-Land das liberalste Sterbehilfe-Gesetz
der Welt. Mittlerweile sind mehr als 4 Prozent aller Sterbefälle in Belgien
Euthanasiefälle. Das waren 2025 rund 4.500 Menschen, davon drei Viertel
über 70 Jahre alt, Männer und Frauen in etwa gleich vertreten, Tendenz seit
Jahren deutlich steigend.
Roy selbst war „anfangs sehr dagegen. Dafür habe ich doch nicht Medizin
studiert, habe ich mir gesagt.“ Aber sie hat bald gelernt: „Ich begleite um
die 150 Palliativpatienten pro Jahr, bei einigen wenigen können wir mit
unseren Mitteln nicht mehr helfen.“ Schwester Janine Notermans ergänzt:
„Anfangs gab es massig Gegenwind: in der Bevölkerung, auch bei Ärzten, vor
allem in der Kirche. Das Motto: Das Leben ist heilig.“
„Wir mussten uns auch im Team über längere Zeit psychologisch vorbereiten“,
sagt Roy. „Ich bin selbst gläubig, aber in Ausnahmefällen kann ich
Sterbehilfe mit meiner Ethik verantworten. Als Erstes versuchen wir immer,
die Lebensqualität zu verbessern.“ Der Moment selbst sei „in gewisser Weise
aggressiv, so direkt. Du musst noch ein letztes Mal fragen. Ja? Ja! Man
schaut sich noch in die Augen, und die Spritze wird verabreicht. Das macht
was mit einem.“
Pflegerin Notermans: „Manchmal sagen die Patienten: ‚Sie sind meine
Rettung.‘ Das trägt mich.“ Der Tod also als Rettung. „Wir gehen da sehr
ehrfürchtig dran, wir radieren kein Leben aus.“ Der junge Psychologe
Claßen: „Wir tauschen uns über jeden Patienten sehr intensiv, wertschätzend
und gewissenhaft aus, immer wieder. Und ich bin froh, mit zwei so
erfahrenen Frauen zusammenarbeiten zu dürfen.“
## Die Regeln sind strikt
Die Regeln für aktive Sterbehilfe sind strikt: Ein Sterbewilliger muss
zurechnungsfähig sein, der Wunsch wiederholt geäußert, freiwillig, überlegt
und ohne äußeren Druck entstanden sein. Vorbedingung ist zudem eine
medizinisch ausweglose Situation mit anhaltendem physischem und/oder
psychischem Leid ohne Chance auf Heilung oder Linderung. Unter bestimmten
Umständen reichen auch vorzeitige schriftliche Erklärungen von Menschen,
die später schwer dement geworden sind. Eine Handvoll solcher Fälle gibt es
jedes Jahr.
Ärzte müssen Patienten über therapeutische und palliative Möglichkeiten
informieren. Der Sterbewunsch muss schriftlich aufgesetzt und
unterschrieben sein. Danach ist ein zweiter Arzt zu konsultieren, in
manchen Situationen auch ein dritter. Und es muss „eine angemessene Zeit“,
meist ein paar Wochen, zwischen erklärtem Sterbewunsch und der Sterbehilfe
vergehen. Und: Jeder Mediziner kann einen solchen Wunsch ablehnen, sogar
jeder Apotheker den Verkauf des Medikaments. Der Wirkstoff heißt
Thiopental, ersatzweise Propofol.
Jede praktizierte Tötung auf Verlangen muss zudem einem 16-köpfigen
Ethikkomitee gemeldet werden. In 23 Jahren sind erst zwei Zweifelsfälle
bekannt geworden. Die Staatsanwaltschaft ermittelte, weil es nachträglich
formale Unklarheiten gab. Beide Verfahren wurden eingestellt.
## Keine Altersgrenze nach unten in Belgien
2014 wurde in Belgien jede Altersbeschränkung für die aktive Sterbehilfe
aufgehoben. Das sorgte erneut für hitzige Debatten. Einer der Initiatoren
war der Politiker Jean-Jacques De Gucht von den flämischen Liberalen: „Wenn
wir als Gesellschaft erkennen, dass Leiden keine Altersgrenze kennt, müssen
wir auch zurechnungsfähigen Minderjährigen die Möglichkeit bieten,
Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen“, so De Guchts Position.
Bei Minderjährigen braucht es in jedem Fall eine ausdrückliche Zustimmung
der Eltern und ein erweitertes Genehmigungsverfahren. Allein psychisches
Leid als Grund ist bei Jugendlichen ausgeschlossen. Skeptiker rechneten mit
einem Dutzend Sterbefälle bei Teenagern pro Jahr. Die Bilanz: In elf Jahren
waren es gerade mal fünf. Und bis heute waren keine Kinder unter 14 Jahren
darunter.
Bei jedem Sterbewilligen ist es anders. Aber manches ist stets gleich: „Wir
überlegen immer, wie kann man sonst helfen, lindern“, sagt Claßen, „aber so
heilig das Leben ist, so heilig ist mir der freie Wille zum Sterben.“
Palliativschwester Notermans befürchtet, der assistierte Tod werde
irgendwann ökonomisch betrachtet. Wenn eine Behandlung zu lang, zu teuer
sei, „dann heißt es vielleicht: Ach, wir haben ja noch die Spritze.“ Und es
werde jemand womöglich vorschnell zur Sterbehilfe gedrängt, um die Kassen
zu schonen.
## 100 bis 150 Euro pro Spritze
Bis November 2025 war die Sterbehilfe eine Gratisleistung der Ärzte,
seitdem ist „eine kleine Entschädigung“, so formuliert es Roy, von den
Krankenkassen vorgesehen. „Also gibt es nicht die Gefahr der
Kommerzialisierung des Aktes.“ Die Sterbewilligen müssen etwa 100 bis 150
Euro für die Spritze zahlen.
Das Gesetz verlangt keinen belgischen Pass oder Wohnsitz. Im Süden, bei
Mons, kommen auch Franzosen zum Sterben über die Grenze, 2025 waren es 110
von insgesamt 123 AusländerInnen, die zu diesem Zweck nach Belgien kamen.
Auch Roy erlebte „immer mal wieder Anfragen. Ich habe mal einen Vortrag in
Deutschland gehalten, am nächsten Tag stand das Telefon nicht still. Aber
wir haben uns geschworen: kein Sterbe-Tourismus.“
Man kann nicht einfach das Krankenhaus aufsuchen und um Sterbehilfe bitten.
Ohne eine lange Begleitung geht nichts. Psychologe Claßen erklärt: „Wenn
jemand aus Hamburg anruft, macht das ethisch keinen Sinn zu sagen, dann
kommen Sie mal vorbei … Wir kennen die Krankengeschichte und den Verlauf ja
nicht. Man muss jemanden lange intensiv begleiten.“
In vielen Ländern ist die Tötung auf Verlangen strafbewehrt: Bis zu fünf
Jahre Haft gibt es für aktive Sterbehilfe in Deutschland und Österreich. In
Großbritannien wird Euthanasie sogar mit Mord gleichgesetzt.
Auch in Belgien ist das Thema nicht tabufrei. Schon das Krankenhausteam in
Lüttich zu finden, war kompliziert. Jemanden, der nachträglich über
Sterbehilfe bei nächsten Angehörigen sprechen will? Erst recht schwierig.
Alle Kontakte in Belgien, auch große Arztpraxen, zusammen mehr als ein
Dutzend, winkten ab: Man wisse niemanden … Nein, keine Ahnung … Andere
antworteten erst gar nicht auf die taz-Anfrage. Zufallspech, Scham,
Selbstschutz? Erst die Anfrage bei einer Palliativhilfe half weiter.
## Die Geschichte von „Opa Dieter“
Von dort kam auch der Kontakt zur Familie Kehl. Die Kehls wohnen mit drei
Generationen in einem großen Haus mit Garten in der Eupener Unterstadt am
Rand der vorbeirauschenden belgischen Weser: Witwe Claudia (65), früher
Frisörin, Tochter Hannah (40) mit ihrem Mann, Hannahs Bruder Tim und dessen
Frau. Hannahs Kinder, acht und elf Jahre alt, hören unserem Gespräch,
weitgehend ins Spielen versunken, gelegentlich zu. „Die wissen über alles
Bescheid mit Opa Dieter“, sagt Oma Claudia.
„Opa Dieter“ entschied sich 2015 für Sterbehilfe. „Wir haben eine
vererbliche ALS-Krankheit in der Familie“, berichtet Lehrerin Hannah. „Mein
Vater bekam die erste Diagnose, da war ich 15, also vor 25 Jahren.“ Er war
gerade Anfang 40. Höchstens fünf Jahre, hätten die Ärzte gesagt, „aber er
hat durch seinen Kampfgeist über 15 Jahre durchgehalten.“ Das letzte Jahr,
2013/14, habe er fast bewegungslos im Rollstuhl verbracht.
Die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine unheilbare Nervenerkrankung
mit fortschreitenden Muskellähmungen. Bei manchen beginnt das
Muskelversagen im Mund, sodass sie nicht mehr schlucken können, bei anderen
sind es die Beine, bei Dieter Kehl waren es die Arme.
Hannah Kehl: „Papa war wirklich ein Phänomen, nie verbittert oder
aggressiv. Den Rollstuhl hat er zuletzt mit dem Mund bedient. Aber er hatte
oft Panik. Seine größte Angst war es, zu ersticken.“ Zuletzt habe er nur
noch bewegungslos mit Sauerstoffmaske da gesessen. Die Mutter: „Ich habe an
dem Sterbewunsch lange geknabbert, aber letztlich akzeptiert. Ich habe ja
gesehen, wie sehr er sich quälte im letzten Jahr.“
## „Halt, das geht jetzt nicht, habe ich gedacht“
Ihr Mann, erzählt Claudia Kehl, habe am Tag X vorher unbedingt noch duschen
wollen, „alles piekfein und ordentlich. Als wäre es ein normaler Tag.“ Der
Moment, die Spritze: „Es geht schnell, hieß es“, sagt Hannah, „ich dachte,
eine Minute oder zwei. Und dann waren es nur Sekunden. Halt, das geht jetzt
nicht, hab ich gedacht. Ich wollte eigentlich noch was sagen …“ Was? Sie
zögert. „Dass er der beste Papa der Welt war, dass ich unwahrscheinlich
stolz auf ihn war, ja …“
„Danach“, sagt Hannah, „sind wir von einem Psychologenteam aufgefangen
worden. Es kam die schlimmste Nacht meines Lebens. Der Schmerz war so
stark. Der Gedanke, die Mama ist jetzt Witwe …“
Die Kirche in Belgien wehrte sich lange heftig gegen die aktive
Sterbehilfe, bis hin zum aktiven Widerstand: Im katholischen Seniorenheim
im flämischen Diest war 2011 alles vorbereitet für eine 74-Jährige mit
Krebs im Endstadium. Dann ließ das Haus den Sterbehilfe-Arzt kurzerhand
nicht hinein. Die Frau musste in die Wohnung der Tochter gebracht werden,
der Abschiedsprozess ein zweites Mal eingeleitet werden – eine unnötige
Belastung.
Ein Zivilgericht in Leuven entschied danach, das Pflegeheim hätte sich
nicht in die Beziehung zwischen der Patientin und dem Arzt einmischen
dürfen. Der Heimträger wurde zu 6.000 Euro Schadenersatz verurteilt.
## Die Haltung der Kirche hat sich gewandelt
Die Haltung der Kirche, sagt die Medizinerin Roy, habe sich inzwischen
deutlich geändert. „Der Bischof aus Lüttich hat das jetzt offiziell
abgesegnet: Wenn es der Wunsch ist, zu sterben, dann gehen wir den Weg bis
zum Ende mit.“ In einer Erklärung der Bischöfe hieß es ausdrücklich noch
2002, Euthanasie sei „ein Rückschritt für die Zivilisation“, 2019 ließen
sie wissen: „Wir respektieren die Gesetze, die in einem Rechtsstaat
verabschiedet werden.“
Bei Roys erster Patientin, 2013, habe es vorher „besonders viele Gespräche
gegeben, auch mit einem Priester. Die Frau ist mir noch um den Hals
gefallen kurz davor und hat sich bedankt. Da wusste ich, es ist richtig
so.“ Kein Fall ist wie der andere: Eine Patientin wollte vorher noch die
Kommunion. Als Roy kam, habe sie gesagt: „Nee, ich hab es doch überlegt,
lieber keine Kommunion, nicht dass da noch wer böse ist auf mich.“ Ein
anderes Mal sollte es häusliche Sterbehilfe geben. Veto des Ehemannes:
„Wenn das hier zu Hause passiert, verkaufe ich das Haus. Hier lebe ich
nicht weiter.“
Und ja, Sterbehilfe kann auch bizarre Momente haben. Roy: „Einmal habe ich
danach die Familie allein gelassen, bin dann zurück, alle weinten.
Plötzlich bimmelte ein Handy auf dem Tisch: „Anruf Jesus“ stand auf dem
Display. Ich denk, huch, weiß der schon Bescheid? Aber Jesus hieß nur der
Freund der Tochter.“
## Mit 32 die Diagnose Brustkrebs
Im südbelgischen Eifelstädtchen St. Vith leben die Eheleute Fassbender in
einem kleinen schmucken Reihenhaus. Monika Fassbender, 69, früher
Kundenberaterin bei einer Krankenkasse, spricht über die Krankengeschichte
ihrer Tochter. „Svenja bekam mit 32 die Diagnose Brustkrebs.“ 2016 war das.
Die schlanke Frau atmet tief durch. „Svenja hatte direkt Metastasen in der
Leber. Ihr wurde gleich sehr klar gesagt, dass sie an dieser Krankheit
sterben wird.“ Es folgten Chemo, ein Auf und Ab, immer Sorgen, neue
befallene Körperteile. „Aber sie ist immer noch gern als Erzieherin
arbeiten gegangen. Und hat immer gesagt, ich werde weiterkämpfen. Und
gleich dazu: Wenn es nicht mehr geht, will ich Euthanasie.“
Irgendwann im Jahr 2019, drei Jahre später, hatte die Tochter einen
epileptischen Anfall, der Notarzt kam. „Sie hatte Metastasen im Kopf, die
geblutet haben.“ Die junge Frau bekam die Ansage, es würden ihr kaum mehr
als „noch ein oder zwei Wochen bleiben“. Svenja zog zu den Eltern in die
beengte Wohnung. Nachbarn halfen bei der Hausarbeit, kochten abwechselnd
jeden Tag. Der Hausarzt befand: „Nach den Bildern von ihrem Kopf müsste sie
längst tot sein.“ Svenja bekam Besuch vom Bestatter, „hat mit dem die
eigene Totenmesse besprochen, wer was sagen soll, wer Lieder aussuchen
soll“. Der Eifelaner Klang der Fassbenders nimmt dem Thema etwas Schwere.
Nach sechs Wochen ging es nicht mehr. Der Hausarzt schlug ein Hospiz vor.
„Erst fühlte es sich für mich so falsch an: Ich gebe mein Kind weg, obwohl
es mich doch braucht!“ Der Arzt habe gesagt: „Frau Fassbender, machen Sie
das. Sonst liegen Sie auch bald flach.“ Monika Fassbender bezog ein
Gästezimmer im Hospiz. „Das war eine Topversorgung. Hospiz war die beste
Entscheidung, die wir treffen konnten.“
Svenja war leidenschaftlicher Fußballfan. Vater und Tochter fuhren immer zu
Spielen der belgischen Nationalelf. Einmal sind sie zu acht in einem
kleinen Bus inklusive Chauffeur und der Hospiz-Ärztin nach Brüssel
gefahren. Belgien hat gewonnen an dem Abend.
## „Mama, ich kann nicht mehr“
Bald danach habe Svenja gesagt: „Mama, ich kann nicht mehr. Ich will
endlich sterben. Im Hospiz wurde sie dann sediert, sie schlief, das machte
es einfacher. Wir waren alle dabei, bis auf meinen Mann, der konnte das
nicht.“ Er will auch heute nicht mit der Presse reden.
Merkt man den Moment denn? „Ja.“ Obwohl sie doch tief schlief? „Es ist wie
ein letztes kurzes Zucken. Uns brauchte niemand zu sagen, jetzt ist sie
tot. Wir haben es alle gesehen.“ Sie schweigt einen Moment. „Mit dem
Gedanken, dass eine Tochter nicht mehr da ist, geht man jeden Tag ins Bett
und steht damit auf. Und mein Mann geht fast jeden Tag zum Friedhof.“
Svenjas heute 15-jährige Tochter, damals 8, weiß nichts vom Freitod ihrer
Mutter, sie soll erst später davon erfahren. Die Eltern Fassbender sind
sehr katholisch. Der Glaube stehe der Sterbehilfe nicht entgegen, sagt die
Mutter. „Für mich gibt es nur den liebenden Gott. Und der will nicht, dass
wir leiden.“ Aber heißt es nicht, nur Gott darf Leben nehmen? „Das ist
Korinthenkackerei.“
## Der Hausarzt kam in der Mittagspause
Nicht immer geht es geschmeidig und würdevoll. Einmal, erzählt Roy, wollte
ein austherapierter Patient aus dem Krankenhaus nach Hause, um dort zu
sterben. „Da kam der Hausarzt in der Mittagspause angefegt, fragte nach den
Papieren, hat die Spritze rausgeholt, und zack. In zehn Minuten war alles
vorbei. Und alle waren massiv geschockt.“ Psychologe Finn Claßen: „Das kann
man nicht machen. Die Vorarbeit ist so wichtig, die Begleitung.“ Schwester
Notermans: „Es muss so viel an die Ummantelung gedacht werden.“
Catherine Roy hat in zwölf Jahren fünfmal Sterbehilfe geleistet. „Ich helfe
mir jetzt damit, das Mittel in den Tropf zu geben, den Hahn aufzudrehen,
mich dann diskret zurückzuziehen und den Patienten mit Familie allein zu
lassen.“ Das sei für sie leichter, als aktiv die Spritze selbst zu setzen.
Und alles passiert immer morgens, sagt sie, damit es hinter einem liegt und
damit der Patient nicht lange warten muss. „An so einem Tag mache ich
nichts anderes mehr.“
Monika Fassbender sagt heute: „Svenjas Entschluss habe ich nie infrage
gestellt. Aber jeden Tag genossen, an dem ich noch stundenlang ihre Hand
halten konnte.“ Manche Leute fragten sie heute noch, „wie hast du das
ausgehalten? Oder sie wechseln die Straßenseite, weil sie nicht wissen, was
sie sagen sollen“. Aber die Trauer, sagt Monika Fassbender, „wäre genauso
gewesen ohne diesen Schlussakkord“.
* Alle Namen wurden auf Wunsch der Betroffenen geändert.
6 May 2026
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(DIR) Bernd Müllender
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