# taz.de -- tazđŸŸthema: Keine Lust auf Blabla
       
       > Als SĂ€ugling kam Farhad Samadzada alias Farhot aus Afghanistan nach
       > Hamburg. Er wurde Musiker, Produzent und Labelchef (Kabul Fire Records),
       > ist damit sehr erfolgreich. Doch er sucht noch immer die „unfassbare
       > Musik“
       
 (IMG) Bild: „Ich will ĂŒberall hin“, sagt Farhot – und meint die große weite Welt der Sounds
       
       Von Jan Paersch
       
       Kaum hat man das Studio betreten, kommt schon die Frage: „Willst du was
       trinken? Willst du Musik hören?“
       
       Farhot wartet die Antwort nicht ab. Er startet den Track, an dem er gerade
       arbeitet. Schwere BĂ€sse rollen durch den Raum. Farhot – Cap, gestutzter
       Vollbart, bequeme Klamotten – lĂ€sst sich in einen Ledersessel fallen,
       serviert Cashewkerne und Limonade. Kann losgehen, das Interview.
       
       Farhad Samadzada heißt er eigentlich. Der KĂŒnstlername Farhot kommt der
       Aussprache seines Vornamens am nÀchsten. Seit den Nullerjahren ist der
       Hamburger ein weltweit anerkannter Rapproduzent, hat Beats fĂŒr
       internationale GrĂ¶ĂŸen wie Nas und Talib Kweli gebaut. [1][Mit Haftbefehls
       Hit] „Chabos wissen, wer der Babo ist“ verdiente er dann 2012 gutes Geld.
       Die Fantastischen Vier, Marteria, Haiyti – ĂŒberall dort, wo heftige
       zerhackte Drums und verfremdete Gesangssamples gefragt waren, hatte Farhot
       die Finger am Regler.
       
       Doch die Auftragsarbeiten fĂŒr große Musiklabels ermĂŒdeten den Beatbastler
       zunehmend. Schon sein SolodebĂŒtalbum aus dem Jahr 2013, veröffentlicht auf
       dem eigenen Label Kabul Fire, zeigte Farhot deutlich verspielter, sanfter,
       mit Elementen aus Dub, Jazz und Funk, Samples aus afghanischen Filmen und
       Gast-Features. Mit dem international beachteten [2][„Kabul Fire Volume 2“]
       emanzipierte er sich 2021 endgĂŒltig – Kabul Fire war zur Marke geworden.
       
       „Ich mache lieber alleine Musik“, sagt Farhot heute. „Ich treffe die
       Entscheidungen. Niemand ist involviert außer den Musikern. Siriusmo aus
       Berlin, Silvan Strauss und Alex Eckert – mit denen habe ich viel lieber zu
       tun als mit Leuten, die nur Karriere machen wollen“.
       
       Gitarrist Eckert und Schlagzeuger Strauss sind ein gutes Match fĂŒr den
       Produzenten Farhot: nach allen Seiten offene Typen, studierte Jazzmusiker,
       die sich im HipHop mindestens genauso wohlfĂŒhlen. Eckert und Strauss sind
       auf fast allen Kabul-Fire-Releases aus den vergangenen zwei Jahren zu
       hören. Der Drummer („Er liebt Musik durch und durch, spielt immer mit einem
       LĂ€cheln“) gehört auch zu Farhots Liveband, die am 9. Mai im Berliner
       Gretchen auftritt.
       
       „Kabul Fire ist ein Spezialistenlabel“, sagt Farhot. „Bei uns wird nichts
       veröffentlicht, nur weil es gerade gefragt ist. Das langweilt mich zu
       sehr.“
       
       „Trust the Producer“ steht in großen Lettern ĂŒber dem Kabul-Fire-Shop auf
       der Plattform Bandcamp. Farhot ist Beatbastler und Labelchef, obendrein
       immer auf der Suche nach neuen Produzententalenten. „Ich möchte eine BĂŒhne
       schaffen fĂŒr Leute, die keine Lust auf Blabla haben, aber unfassbare Mucke
       machen.“
       
       Alex Eckert ist so ein Kreativer. KĂŒrzlich brachte er zum persischen
       Neujahrsfest die EP „NOWROZ 1405“ heraus – als Gitarrist des afghanischen
       Singer/Songwriters Khalid Warda. Unter dem Alias Calid hat Warda eine
       grandios minimalistische EP veröffentlicht, jahrhundertealte afghanische
       Songs, ganz nah und unperfekt aufgenommen, nur mit Gitarre, Bass und
       sachter Perkussion.
       
       An Afghanistan hat Farhot keine Erinnerungen. Farhad Samadzada wurde 1982
       in Kabul geboren; bereits als SĂ€ugling kam er nach Hamburg. Seine Familie
       floh mit professionellen Fluchthelfern aus dem Land, das zwischen 1979 und
       1989 von der Sowjetunion besetzt war. „Wir gehörten zu den wenigen
       GlĂŒcklichen, die es rausgeschafft haben.“
       
       Farhot wuchs im Hamburger Stadtteil Neuwiedenthal auf, fernab von den
       PlattenlÀden St. Paulis, die ihn als Teenager anzogen. Heute hat er dort
       sein Studio, mitten im Karolinenviertel, zwischen dem Bunker und dem
       SchlachthofgelÀnde. Wenig Tageslicht dringt in den kleinen Raum, ein paar
       Meter entfernt rauscht alle paar Minuten die U-Bahnlinie 3 vorbei.
       
       Hier hat er frĂŒher nĂ€chtelang seine Songs gebaut. Die Zeiten sind vorbei:
       Vaterpflichten. Farhot hat einen Sohn im Kita-Alter. Doch er ist
       optimistisch, dass er bald wieder mehr Zeit zum Musikmachen hat. „Das kommt
       hoffentlich wieder“, sagt er.
       
       Als Teenager legte Farhot HipHop und R&B auf Partys auf. Nach dem
       Zivildienst begann er ein BWL-Studium, das er bald wieder abbrach („So
       unglĂŒcklich bin ich im Leben nie wieder gewesen“). [3][2002 traf er die
       SoulsĂ€ngerin Nneka], produzierte ihr Album und fuhr mit auf Konzerte. „Im
       Tourbus wurde ich mit Jazz gequÀlt. Ich habe das damals nur als Gedudel
       wahrgenommen. Heute ist das fĂŒr mich ein Genre, aus dem ich viel
       Inspiration ziehe.“
       
       Farhots Songs als „Collage“ oder gar „Mashup“ zu bezeichnen, trifft ihren
       Kern nicht. In jedem ZweiminutenstĂŒck steckt wochen-, gar monatelange
       Arbeit; Farhot verfremdet, addiert und subtrahiert Elemente, bis völlig
       Neues entsteht.
       
       Kunstvoll und kaum merklich fließen die verschiedensten Stile ineinander,
       treffen Tablarhythmen auf arabische Flöten, Zeilen der Schriftstellerin
       Moshtari Hilal auf Synthies und bluesige Pianoakkorde.
       
       Ein neues Album namens „Kabul Fire 3“ will Farhot noch 2026 fertigstellen.
       Sein Konzert im Gretchen mit Silvan Strauss und Saxophonist Webster ist fĂŒr
       Farhot ein Warmspielen dafĂŒr. Gleichzeitig stehen Songs der 2025er EP
       „Raqs“ auf der Setlist.
       
       In der persischen Sprache Dari bedeutet der Titel „Tanz“. Und tatsĂ€chlich
       ist es deutlich tanzbarer als die „Kabul Fire“-Alben; mit Disco-House-Beats
       und flirrenden Keyboards. Dazu GesÀnge aus Dschibouti, Samples aus
       arabischen LĂ€ndern, von Somalia bis Libanon.
       
       Frage: Wird seine Musik internationaler? „War sie immer schon.“
       
       Aber noch mehr als zuvor? „Genau da will ich hin. Ich will ĂŒberall hin.“
       
       Farhot auf Bandcamp: farhot.bandcamp.com | live:
       
       9. Mai: Berlin, Gretchen, 6. Juni: OsnabrĂŒck, Morgenland Festival
       
       2 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /!6129875&SuchRahmen=Print
 (DIR) [2] https://farhot.bandcamp.com/album/kabul-fire-vol-2
 (DIR) [3] https://www.instagram.com/nnekaworld/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jan Paersch
       
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