# taz.de -- Peter Weissenburger Der Wochenendkrimi: Das Haus, das alle kennen, und der Heimleiter tot auf der Landstraße
       
       Im Jugenderziehungsheim „Sonnenhof“ steht ein Ausflug an. Bevor es am
       frühen Morgen losgeht, werden die Jugendlichen beim Abendessen noch mal
       eingenordet. Heimleiter David Walcher (Roland Silbernagl) ist eine
       Respektsperson, geradlinig, was Regeln und Konsequenzen angeht, aber auch
       eine emotionale Stütze. Die Jungs und die anderen Betreuer schauen zu ihm
       auf.
       
       Das Abendessen dauert weniger als fünf Filmminuten, und diese fünf Minuten
       sind alles, was dieser „Tatort“ braucht, um uns das Gefühl zu geben, dass
       wir alle in diesem Haus längst kennen. Wir wissen, wer schnell ausrastet,
       wer Verantwortung übernimmt, wer das Sagen hat. Wir wissen, es gibt
       gegenseitigen Respekt, Eingeschworenheit, und dennoch traut man sich so
       ganz nicht über den Weg.
       
       Das ist die Grundstimmung, die der „Tatort“ aus Wien bis zuletzt durchhält,
       und die macht, dass es nach diesen ersten fünf Minuten schwer wäre,
       abzuschalten. Zum Ausflug am Morgen kommt es nicht. Zwei Ereignisse
       durchbrechen die Routine im „Sonnenhof“: Der 16-jährige [1][Cihan (Alperen
       Köse)] ist über Nacht weggelaufen; und Heimleiter Walcher liegt erschlagen
       auf der Landstraße.
       
       Im Krimi ist das Heim für schwer erziehbare Jugendliche ein gängiger
       Schauplatz, und [2][der gewaltbereite Teenagerjunge] eine noch gängigere
       Figur. Am Beispiel Heim und verhaltensauffälliges Kind kann man jede
       Menge erzählen: über den Nutzen von Autorität versus den Drang nach
       Freiheit, über Verantwortung, über systemisches Versagen, die
       unterfinanzierten Sozialsysteme.
       
       Genau das ist es aber, was viele Jugendheimkrimis bestens mittelmäßig
       macht: Sie wirken zuvorderst befasst mit abstrakten ethischen Fragen. Ihre
       Figuren schleifen sie zu diesem Zweck als nützliche Allegorien hinter sich
       her. Dagegen ist nichts einzuwenden. Im schlimmsten Fall gibt es
       aufstrebenden jungen Talenten Gelegenheit, sich beim Möbelwerfen vor der
       Kamera freizuspielen.
       
       Doch als die Ermittler*innen [3][Eisner und Fellner] (Harald
       Krassnitzer, Adele Neuhauser) am „Sonnenhof“ ankommen, finden sie dort
       keine Allegorien, sondern Menschen. Genauer, fünf Jungs und drei Betreuer –
       alle acht zur Nächstenliebe ebenso fähig wie zu Momenten der Grausamkeit.
       Alle gleichermaßen gewillt zu kooperieren wie sich den bohrenden Fragen der
       Polizei zu entziehen.
       
       Wobei: Das nächste Mal, wenn ich unter Mordverdacht stehe, will ich bitte
       von Bibi Fellner verhört werden. Diese Frau weiß einfach, wie man aktiv
       zuhört, wie man bei aller Professionalität mitfühlt – und dass es aber auch
       irgendwann mal Zeit ist zu schreien: „Ruhe jetzt, da kriegt man ja
       Schädelweh!“
       
       Regisseurin Katharina Mückstein entscheidet sich für konsequente
       Ambivalenz. Wie sich der Abend vor dem Tod des Heimleiters abgespielt hat,
       wird in fragmentarischen Rückblenden gezeigt, von wechselnden Perspektiven.
       Dabei stellt Mückstein die Figuren mitten in die Rückblenden hinein, lässt
       sie von dort aus erzählen. Es ist, als stünden auch wir in der unfertigen
       Realität, aus der alle Beteiligten versuchen, sich einen Reim zu machen.
       Die eine Wahrheit findet man nie raus.
       
       Den einen Täter aber dann schon noch: So viel typische Krimiauflösung darf
       sein. Aber bis dahin ist „Gegen die Zeit“ ein Film, der suchend vorangeht,
       während er unsere innere Unruhe auskostet. Für Krimifans auf der Suche nach
       einer Mischung aus Täterraten und Kammerspiel: unbedingte Empfehlung.
       
       Wien-„Tatort“: „Gegen die Zeit“, 20.15 Uhr, ARD
       
       25 Apr 2026
       
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