# taz.de -- Kulturstaatsminister im Kulturkampf: Noch ein Laden auf der Liste
> Auch der linke Hamburger Schanzenbuchladen ist vom Verfassungsschutz
> durchleuchtet worden. Die AfD hatte im Bundestag nachgefragt.
(IMG) Bild: Lange linke Tradition: Peter Haß, einer der Gründer der Buchhandlung in der Schanze, 2009
Schon mehrmals ist der Schanzenbuchladen im Hamburger Schulterblatt mit dem
Deutschen Buchhandlungspreis als „Ort der Kultur“ ausgezeichnet worden. Die
Auszeichnungen hängen gut sichtbar am linken Schaufensterrand des Ladens im
Hamburger Schulterblatt, ganz in der Nähe des autonomen Kulturzentrums Rote
Flora.
Bei einer erneuten Bewerbung dürfte das hinter dem Buchlanden stehende
Kollektiv allerdings leer ausgehen. Denn Wolfram Weimer, parteiloser
Kulturstaatsminister des Bundes, hatte vor der diesjährigen Verleihung des
Buchhandlungspreises [1][Buchläden auf ihre Verfassungstreue überprüfen
lassen].
War es die AfD, die Weimer auf diese Idee gebracht hat? Das legt eine
Antwort seines Staatssekretärs Christoph de Vries auf eine Anfrage zur
Schanzenbuchhandlung im Bundestag nahe.
Die AfD hatte im Herbst wissen wollen, ob der Bundesregierung bekannt sei,
„dass diese Buchhandlung mit hoher Wahrscheinlichkeit enge Verbindungen zur
linksextremistischen Szene unterhält bzw. diese unterstützt“ und ob sie aus
Bundesmitteln gefördert werde.
## Geld aus dem Kulturhaushalt
In seiner Antwort teilte der Staatssekretär, der von der Hamburger CDU
kommt, mit, die Buchhandlung sei dreimal, zuletzt 2021, ausgezeichnet
worden und habe jeweils 7.000 Euro bekommen. Das Geld stamme aus dem
Kulturhaushalt.
Und dann [2][folgen zwei Sätze], die es in sich haben: „Über die Auswahl
der Preisträger entscheidet eine unabhängige Jury“, und direkt daran
anschließend: „Wegen der dem Bundesamt für Verfassungsschutz vorliegenden
Erkenntnisse wird die ‚Buchhandlung im Schanzenviertel‘ keine weiteren
Bundesmittel erhalten.“
Das bedeutet im Klartext: Wenn eine Jury die Buchhandlung noch einmal
auszeichnen wollte – sie bekäme den Preis nicht aufgrund des Vetos der
geldgebenden Behörde, Unabhängigkeit hin oder her.
## „Verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“
Bei drei anderen Buchhandlungen in Bremen, Göttingen und Berlin, die die
Jury dieses Jahr ausgewählt hat, ist genau das jetzt auch geschehen. Wie
Anfang März bekannt wurde, hatte der Kulturstaatsminister sie von der
Auszeichnungsliste gestrichen – mit dem Verweis auf
„verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“, deren Inhalte ihm nach eigenem
Bekunden nicht bekannt sind.
Das Kollektiv des Schanzenbuchladens, der dieses Jahr nicht für den Preis
ausgewählt worden war, erfuhr erst kürzlich davon, ebenfalls im Visier des
Verfassungsschutzes zu sein. Warum, weiß es allerdings ebenso wenig wie die
Inhaber:innen der anderen drei Buchläden. Keiner wird in den
Verfassungsschutzberichten der Länder als Beobachtungsobjekt geführt.
Im Schaufenster des vor 47 Jahren gegründeten Schanzenbuchladens liegen
Bücher wie Tomer Gardis „Liefern“ über die Ausbeutung bei Lieferdiensten
oder Eva von Redeckers „Dieser Drang nach Härte – Über den neuen
Faschismus“. Im Eingangsbereich, gleich hinter der Ladentür, stapeln sich
Sachbücher zu Kapital, Kolonialismus, Gender und Repression.
Gleich neben der Kasse liegen antifaschistische Magazine aus. Im
Literaturbereich hängt ein Plakat aus der Pandemiezeit, drei vermummte
Tiere schauen einen an: „Wer hamstert, ist zu faul zum Plündern.
Solidarität statt Panik“, steht da.
## Postadresse für die Rote Flora
Der Buchladen macht aus seiner politischen Haltung kein Geheimnis. „Wir
sind Teil der linken Bewegung, mit all ihren Ambivalenzen und Konflikten“,
sagt Ulrike Steinwarder vom Ladenkollektiv. Die Rote Flora, aber auch
andere Projekte würden den Schanzenbuchladen als Postadresse angeben. Sie
seien auch Treff- und Verteilort für Informationen, Veranstaltungen,
Plakate und Aufrufe, erzählt Jutta Lux, die auch zum Buchladenkollektiv
gehört.
Die anderen drei Buchläden haben gegen die Preisaberkennung sowie den
Datenaustausch zwischen Bundeskulturministerium und Bundesverfassungsschutz
[3][geklagt]. Der Vorgang sende „an jede Buchhandlung, jeden Verlag, jede
Kultureinrichtung in diesem Land die Botschaft: Pass auf, was du ins
Schaufenster stellst. Überleg dir, wen du einlädst. Halt dich zurück, wenn
du Fördergelder beantragst“, heißt es in einer Pressemitteilung ihrer
Anwält:innen.
„Diese Vorgänge sind mehr und mehr ein rechter Kulturkampf“, sagt
Steinwarder. Die AfD müsse gar nicht mehr selbst regieren. In der
Schanzenbuchhandlung freuen sie sich aber über den „großen solidarischen
Zuspruch“, den die anderen Buchläden erfahren. [4][Die Soli-Kampagne heißt
„Lesen hilft“.]
23 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Wolfram-Weimer-und-die-Buchbranche/!6157097
(DIR) [2] https://dserver.bundestag.de/btd/21/028/2102876.pdf
(DIR) [3] /Gecancelte-Buchhandlungen-wehren-sich/!6160324
(DIR) [4] https://lesen-hilft.org/
## AUTOREN
(DIR) Andreas Speit
## TAGS
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