# taz.de -- Proteste in Namibia und Berlin: Blutroter Wasserstoff
       
       > Das Wasserstoff-Projekt „Hyphen“ gefährdet einen Gedenkort für den
       > Völkermord an den Herero und Nama. Eine Delegation kam für Proteste nach
       > Berlin.
       
 (IMG) Bild: Marianne Ballé Moudoumbou (am Mikrofon) leitet die Menschenkette zum Schluss der Demo. Mit dabei auch Nandi Mazeingo (2.v.r.)
       
       Eine Frau, ganz in Weiß gekleidet, stimmt traditionelle Gesänge an. Sie
       verschüttet den Inhalt einer Wasserflasche auf der grauen Erde und formt
       dabei mit weiten Schritten einen Kreis um die Banner, die am Samstagmittag
       vor dem Auswärtigen Amt ausgebreitet liegen. Marianne Ballé Moudoumbou wird
       den heutigen Protest moderieren. Doch bevor die erste Rede beginnt, möchte
       sie diesen Ort rituell reinigen.
       
       Der Wasserkreis ist geschlossen. Mittlerweile haben sich etwa 40 Menschen
       im Schatten der Bäume versammelt. Ballé Moudoumbou nimmt ein weißes
       Säckchen in die Hand und verstreut Salz auf dem Boden. Es soll ein Symbol
       der Heilung sein.
       
       „Völkermord, das war deutsche Politik“, sagt sie und bezieht sich dabei auf
       den [1][Genozid an den Herero und Nama zwischen 1904 und 1908 in Namibia].
       Damals töteten deutsche Truppen etwa 80 Prozent der Herero und die Hälfte
       der Nama. [2][Allein im Konzentrationslager auf Shark Island, einer
       Halbinsel in der Lüderitzbucht, mussten 4.000 Herero und Nama sterben.]
       
       Dort in Namibia demonstrieren am Samstag zeitgleich Nachfahren der Opfer
       des deutschen Völkermords ebenfalls unter dem Motto „Hände weg von Shark
       Island“. Der Grund dafür findet sich in der Lage des Gedenkorts für das
       Konzentrationslager. Er befindet sich an der Spitze der Halbinsel, an deren
       Wurzel der Hafen von Lüderitz operiert.
       
       Was Berliner und namibische Aktivist:innen gleichermaßen aufbringt, ist
       das [3][Wasserstoffprojekt „Hyphen“]. Im Tsau-ǁKhaeb-Nationalpark, wenige
       Autominuten vom Stadtzentrum entfernt, soll auf 4.000 gepachteten
       Quadratkilometern eine Anlage zur Produktion von grünem Wasserstoff
       errichtet werden. Unter den drei Trägern des Projekts findet sich auch das
       deutsche Energieunternehmen Enertrag.
       
       Felix Henn vom Berliner Bündnis „Völkermord verjährt nicht“ warnt, der
       Hafenausbau verdecke die Sicht zwischen Stadt und Halbinsel. „Gerade der
       Blick von Shark Island nach Osten – mit freier Sicht auf den
       Sonnenuntergang – spielt für die Nama beim rituellen Trauern um ihre Ahnen
       eine zentrale Rolle.“ Maboss Ortmann von der Nama Traditional Leaders
       Association aus Namibia bestätigte diese Schilderung auf taz-Anfrage: „Der
       geplante Hafenausbau gefährdet die Unversehrtheit von Shark Island als Ort
       der Erinnerung und kulturellen Praxis.“
       
       Ein Sprecher des Unternehmens wies den Titel der Demonstration als
       „irreführend“ zurück. Auf Anfrage der taz betonte er, Shark Island stehe in
       keinem Zusammenhang mit dem Hyphen-Projekt. Der für Öl und Gas geplante
       Hafenausbau liege in staatlicher Hand, während das Hyphen-Projekt mehrere
       Kilometer westlich einen eigenen Tiefseehafen plane.
       
       Henn wendet ein, dass Enertrag es sich zu einfach mache, zu behaupten, es
       hätte mit dem Hafenausbau nichts zu tun. „Der ist Teil einer
       Infrastrukturentwicklung in der Region, die auf Exporte setzt.“ Das
       Hyphen-Projekt sei ein Antreiber dieser Dynamik und profitiere von der
       Infrastruktur, die geschaffen werden solle. Zudem drohe die geplante
       Erweiterung des Hafens, die ungeborgenen Überreste von Opfern der Nama und
       Ovaherero zu zerstören, die sich wahrscheinlich noch in den umliegenden
       Gewässern befänden. „Jeder Denkmalschützer würde sagen: Man kann keinen
       riesigen Hafen und eine Mauer bauen und behaupten, der Ort bleibe dadurch
       unberührt.“
       
       ## Die Anerkennung von Völkermord
       
       Zwischen den Demobannern vor dem Auswärtigen Amt steht Nandi Mazeingo,
       Vorsitzender der Ovaherero Genocide Foundation. Er ist eigens aus Namibia
       angereist und kritisiert die bisherigen Verhandlungen zwischen Berlin und
       seiner Regierung über den Umgang mit dem Genozid scharf. [4][Namibias
       Präsidentin Netumbo Nandi-Ndaitwah hatte am 8. April auf einer
       Nationalversammlung angekündigt, dass sich die Verhandlungen zwischen der
       Hauptstadt Windhoek und Deutschland dem Ende näherten.] Eine „Joint
       Declaration“ beider Regierungen soll den Rahmen für eine abschließende
       Versöhnung bilden, indem Deutschland seine historische Schuld und sich zu
       Zahlungen bereit erklärt.
       
       Dazu sagt Mazeingo: „Ich möchte überhaupt keine Zeit damit verbringen, über
       diese Joint Declaration zu sprechen.“ Ein Prozess, der ohne legitime
       Vertreter der betroffenen Gemeinschaften geführt worden sei, habe für ihn
       keine Relevanz. Ortmann ergänzt: „Alles, was über uns ohne uns entschieden
       wird, richtet sich gegen uns.“ Sein Verein fordert eine Neuverhandlung und
       eine umfassende Wiedergutmachung für den Völkermord.
       
       Das Auswärtige Amt verweist auf den vertraulichen Austausch mit der
       namibischen Regierung, die auch Vertreter der Herero und Nama umfasst. Eine
       Sprecherin sagte der taz, die Regierung habe die damaligen Taten bereits
       als Völkermord bezeichnet. „Die Bundesregierung bekennt sich zur
       moralischen und politischen Verantwortung Deutschlands dafür.“
       
       Die Übernahme dieser Verantwortung spricht Elisabeth Kaneza von Amnesty
       International der Bundesregierung in ihrer Rede ab. Trotz der Anerkennung
       als Völkermord seien keine angemessenen Konsequenzen gezogen worden.
       [5][Tatsächlich fließen bisher keine offiziellen Reparationen.] Stattdessen
       möchte Deutschland Wiederaufbauhilfe auf freiwilliger Basis zahlen.
       
       ## Deutschland kein Erinnerungsweltmeister
       
       Charlotte Neuhäuser von den Linken ist die einzige Berufspolitikerin, die
       bei der Demo spricht. „Euer Schmerz und eure Wut sind angebracht“, sagt sie
       an die Nachfahren der Betroffenen gerichtet. Entwicklungshilfe sei keine
       Wiedergutmachung, kein Schuldeingeständnis. Man wisse durch die
       psychologische Forschung, dass Traumata durch Gewalt, Mord und Verfolgung
       über Generationen hinweg vererbt werden. „Völkermord verjährt nicht, und
       deshalb ist euer Schmerz auch nach 100 Jahren nicht verjährt.“
       
       Dann geht sie auf etwas ein, das Mazeingo bereits in seiner Ansprache
       kritisiert hat: die deutsche Schulbildung über den Kolonialismus im
       heutigen Namibia. „Heute sehen wir einmal mehr, dass Deutschland den Titel
       ‚Erinnerungsweltmeister‘ nicht verdient hat“, resümiert Neuhäuser. „Wo
       kommt unser Wohlstand eigentlich her? Welches Blut klebt an unseren Händen?
       Welche geraubten Schätze präsentieren wir stolz in unseren Museen?“
       
       Vor dem Humboldt Forum, dem wohl namhaftesten dieser Museen, liegt die
       zweite Etappe der Demonstration. Dort spricht der Künstler Fogha Mc
       Cornilius Refem als einer von vier Rednerinnen und Rednern. Er zeigt auf
       die Museumsfassade hinter sich, während er die Demonstrierenden ansieht. Er
       sei „sick of colonisation“ Das Humboldt Forum bezeichnet er als einen
       teuren „load of bullshit“.
       
       Ein Pressesprecher des Humboldt Forums betont, dass die Auseinandersetzung
       mit Kolonialismus in Zusammenarbeit mit Betroffenen seit der Eröffnung ein
       zentraler Bestandteil ihrer Arbeit sei. „Aktuell thematisiert die
       Ausstellung [6][‚Ansichtssache(n)‘] deutsche Kolonialherrschaft umfassend,
       darunter auch die Gewaltgeschichte in Namibia.“ Man sei offen für weitere
       Gespräche.
       
       ## Grüner Export, lokaler Notstand
       
       Angekommen an der letzten Etappe vor dem Enertrag-Bürogebäude in der
       Rosenthaler Straße erinnert Tsafrir Cohen, Geschäftsführer der Stiftung
       Medico International, in seiner Rede an die historische Brutalität der
       Kolonialzeit. Er zitiert aus dem damaligen [7][Vernichtungsbefehl des
       Generals Lothar von Trotha]: „Jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder
       ohne Vieh wird erschossen. Ich nehme keine Weiber und keine Kinder mehr
       auf, treibe sie zurück zu ihrem Volk oder lasse auch auf sie schießen.“
       Gefangene in Shark Island seien damals gezwungen worden, die Schädel ihrer
       eigenen Verwandten zu kochen und mit Glasscherben von Fleischresten zu
       befreien, um sie für sogenannte „Rassenforschung“ nach Deutschland zu
       schicken.
       
       Heute leide Namibia unter extremer Wassernot, die Regierung habe sogar den
       nationalen Wassernotstand ausgerufen. Doch die deutsche Industrie plane mit
       an Projekten in Namibia, die vor allem dem Export dienen. „Das ist
       verbrecherisch“, so Cohen. „Dieser Wasserstoff wird niemals grün sein,
       sondern blutrot.“
       
       Aaron Alexandre Cuyugan von der Initiative „Neue Ökonomie“ mahnt, dass
       Profit nicht auf Land entstehen dürfe, das den Nama geraubt worden sei. Das
       Wasserstoffprojekt sei lediglich eine Fortsetzung kolonialer Strukturen.
       Während Enertrag von „lokaler Wertschöpfung“ spricht, warnt auch Henn vom
       Bündnis „Völkermord verjährt nicht“ vor den wirtschaftlichen Folgen.
       Namibia sei mit 24 Prozent am Projekt beteiligt und bereits massiv
       überschuldet. Wenn „Hyphen“ schieflaufe, drohe ein Fiasko für den
       Staatshaushalt. Bei den Jobs, die für Einheimische entstehen könnten, sei
       zudem zweifelhaft, wie langfristig und gut bezahlt diese tatsächlich sein
       würden.
       
       Zum Abschluss formen die Demonstrierenden mit einer Menschenkette einen
       Kreis. Es wird still. Auf Aufforderung von Ballé Moudoumbou legen die
       Teilnehmenden ihre Hände auf den Boden. Eine Geste der Verbundenheit mit
       der Erde, die auch in Lüderitz stattfinden soll. Die Demonstrierenden
       halten kurz inne, dann springen sie gleichzeitig auf und reißen die Arme in
       die Luft. Immer wieder rufen sie: „Hands off Shark Island!“
       
       13 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Genozidgedenken-in-Namibia/!6145229
 (DIR) [2] /Archaeologin-ueber-koloniale-KZs/!5960709
 (DIR) [3] /Staatssekretaer-zum-H2-Projekt-in-Namibia/!6045587
 (DIR) [4] https://www.namibian.com.na/genocide-issue-nearly-finalised-nandi-ndaitwah/?fbclid=IwZXh0bgNhZW0CMTEAc3J0YwZhcHBfaWQKNjYyODU2ODM3OQABHmbtkloDx-gn4t1DRc3vIDl4TvpYsmKqbHQ5ddlmA4HiO7wJrVHgN7mZ3PDT_aem_FZglebvBLiWimZuA2cJDqQ
 (DIR) [5] https://www.tagesschau.de/inland/deutschland-kolonialzeit-aufarbeitung-100.html
 (DIR) [6] https://www.humboldtforum.org/de/programm/dauerangebot/ausstellung/ansichtssachen-49344/
 (DIR) [7] /VERNICHTUNGSBEFEHL/!808930/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Pauline Cruse
       
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