# taz.de -- Taiwan und China: Taiwans Oppositionsführerin auf „Friedensmission“ in China
       
       > Die Chefin von Taiwans Oppositionspartei KMT tritt bei ihrer Reise durch
       > China für eine radikale Annäherung Taiwans an Peking ein – mit potenziell
       > gefährlichen Folgen.
       
 (IMG) Bild: Taiwans Oppositionsführerin Cheng Li-wun bei ihrer Ankunft in Shanghai am Dienstag
       
       Als Cheng Li-wun den Yanghan Hafen bei Shanghai besichtigt und auf riesige
       Containerschiffe blickt, wird die taiwanische Oppositionspolitikerin
       emotional: „Am Himmel sollten Vögel fliegen, nicht Raketen. Im Wasser
       sollten Fische schwimmen, keine Kriegsschiffe“, sagt die 56-Jährige voller
       Pathos.
       
       Cheng ist Parteivorsitzende der nationalistischen Kuomintang (KMT) und
       befindet sich laut eigener Aussage auf einer „historischen Friedensreise“
       in der Volksrepublik China. Kritiker hingegen halten sie für eine
       „nützliche Idiotin“, die sich offenen Auges von Pekings Propaganda
       einspannen lässt. Schließlich wirbt die Juristin für eine radikale
       Annäherung mit ausgerechnet jener Regierung, die Taiwan mit militärischer
       Eroberung droht. Die KP-Führung in Peking arbeitet seit Jahrzehnten
       daraufhin, die demokratisch regierte Insel einzunehmen.
       
       Doch in den nächsten Tagen wird die Taiwanerin die freundliche Seite des
       chinesischen Staates kennenlernen. In Shanghai wurden Cheng schon die
       ökonomischen Errungenschaften des Reichs der Mitte gezeigt, danach stand
       das Mausoleum der historischen Politikerfigur Sun Yat-sen in Nanjing auf
       dem Programm. „Wir sollten zusammenarbeiten, um Versöhnung und Einheit auf
       beiden Seiten der Taiwan-Straße zu fördern und regionalen Wohlstand und
       Frieden zu schaffen“, sagte Cheng, nachdem sie einen Kranz niedergelegt
       hatte.
       
       Sun Yat-sen hatte nach dem Ende des Kaiserreiches 1912 die Republik China
       und die Partei KMT ins Leben gerufen. Letztere führt heute Cheng. Im
       Bürgerkrieg (1927-1949) kämpfte die KMT gegen die Kommunisten unter Mao
       Zedong. Als diese gewannen und 1949 in Peking die Volksrepublik China
       ausriefen, flohen die Nationalisten nach Taiwan samt der Republik China –
       heute bekannter unter dem Namen Taiwan.
       
       ## Taiwans Politik ist stark polarisiert
       
       Dort etablierte die KMT ein Militärregime, das bis Ende der 1980er mit
       eiserner Hand regierte. Die demokratische Öffnung erzwang das taiwanische
       Volk unter großen Anstrengungen und blutigen Opfern. Bis heute ist die
       Insel stark polarisiert: Die linksliberale Demokratische Fortschrittspartei
       (DPP) mit dem derzeitigen Präsidenten [1][Lai Ching-te] vertritt einen
       kritischen Kurs gegenüber Peking und [2][setzt in Sicherheitsfragen außer
       auf Washington] zunehmend auf [3][Selbstverteidigung].
       
       Derzeit wird in Taiwan heftig über ein Sonderbudget für das Militär von
       über 34 Milliarden Euro gestritten. Die DPP-Regierung möchte damit unter
       anderem Waffen von den USA kaufen. Chengs KMT blockiert das Paket jedoch
       aus Sorge, China damit unnötig zu „provozieren“.
       
       Chengs Perspektive ist erstaunlich angesichts ihres Werdegangs. Noch als
       Studentenaktivistin beschimpfte sie China als Kolonialmacht und
       befürwortete Taiwans formale Unabhängigkeit. Mittlerweile hat Cheng eine
       180-Grad-Wende hingelegt und ist auch in den eigenen Reihen umstritten.
       
       Denn auch in der KMT wird das für Freitag erwartete Treffen Chengs mit
       Chinas Partei- und Staatschef Xi Jinping arwöhnisch betrachtet. Xi bietet
       den Taiwanern eine Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche: Sobald sie eine
       Peking-freundliche Regierung wählen, stellt China den Zugang zu einem
       riesigen Absatzmarkt in Aussicht und will für gemeinsamen Wohlstand sorgen.
       Andernfalls werde der demokratische Inselstaat den militärischen Zorn der
       Volksrepublik zu spüren bekommen.
       
       [4][Diesen erlebt die Insel schon seit Jahren fast täglich], wenn auch
       meist taktisch dosiert. [5][Regelmäßig entsendet China Dutzende
       Kampfflugzeuge, die um Taiwan kreisen.] Auch während Chengs Besuch hat
       Peking seine Militäraktivität nicht eingestellt. So teilte Taiwans
       Verteidigungsministerium am Morgen des 9. April mit, dass es allein in den
       24 Stunden zuvor sechs chinesische Militärflugzeuge und acht Kriegsschiffe
       rund um die Insel registriert habe. „Cheng Li-wun ist seit zwei Tagen auf
       ihrer Reise, und die chinesischen Kommunisten halten Taiwan weiterhin das
       Messer an die Kehle“, schrieb die DPP-Abgeordnete Michelle Lin auf ihrer
       Facebook-Seite.
       
       9 Apr 2026
       
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