# taz.de -- Nachruf auf Schauspieler Mario Adorf: Die Gegenspieler lagen ihm
> Der Schauspieler Mario Adorf spielte keine Rollen, sondern
> Schlüsselrollen. Sogar Mördern konnte er Würde und Verletzlichkeit
> verleihen. Ein Nachruf.
(IMG) Bild: Offenes Gesicht, bewegliche Augenbrauen: Mario Adorf 1996 im Thalia-Theater in Hamburg
Ein angeblicher Serienmörder, dessen Handeln im Nazi-Deutschland verwurzelt
ist, in „Nachts, wenn der Teufel kam“. Ein Zuhälter, der die
Wirtschaftswunderzeit dekonstruiert, in „Das Mädchen Rosemarie“. Ein
Schachweltmeister in der postmodernen Stefan-Zweig-Verfilmung
„Schachnovelle“.
Ein tölpeliger [1][Neo-Westernheld umgeben von Wüste in Roland Klicks
„Deadlock“]. Kommissar Beizmenne in der Böll-Adaption „Die verlorene Ehre
der Katharina Blum“, Alfred Matzerath in „Die Blechtrommel“, der
RAF-Episodenfilm „Deutschland im Herbst“ – und Haffenloher, dem als so
anrührenden wie schmierigen Kölner Selfmademann das Entrée in die
hermetische Münchner Schickeria verweigert wird, was in der
80er-Jahre-Neoliberalismusserie [2][„Kir Royal“ in einen unvergesslichen
Satz mündet: „Ich scheiß dich zu mit meinem Geld“].
Der am Mittwoch mit 95 Jahren in Paris verstorbene Mario Adorf spielte
keine Rollen, sondern Schlüsselrollen. 1930 als uneheliches Kind in Zürich
geboren und in der Eifel aufgewachsen, war er ein Tausendsassa. Sein
Studium ließ er zugunsten einer Schauspielausbildung in München sausen und
bediente hernach ein Repertoire, das Deutschlands Entwicklung
widerspiegelt.
In einer Zeit, in der Vergangenheitskritik ängstlich und mit Vorbehalten
vorgebracht wurde, übernahm er mit Vorliebe die komplexen Figuren der
Gegenspieler und Verlierer. Nicht mal vor dem Mord an Winnetous Schwester
Nscho-Tschi schreckte er als fieser Santer (in „Winnetou 1“) zurück – und
brachte damit eine ganze Generation gegen sich auf.
## Haptische Menschlichkeit
Dabei bereicherte er sämtliche Charaktere um eine ihm eigene, haptische
Menschlichkeit: Wenn er als Einsiedler in „Deadlock“, der sich als
radikaler Schnitt sowohl mit den Menschenrechtskämpfen der 68er als auch
mit den Friedenspredigten der Hippies lesen lässt, einer jungen Geisel
(Marquard Bohm) als fernes Echo der deutschen Obrigkeitshörigkeit trotzig
erklärt: „Ich habe Polizeigewalt hier!“, dann fühlt man darin die Isolation
und Verlorenheit des Ausgestoßenen.
An dem von Robert Siodmak 1957 als Abrechnung mit den Gräueln der Nazis
inszenierten Drama „Nachts, wenn der Teufel kam“, das für Adorf der
Durchbruch wurde, kritisierte er, dass „die Schlüsselszene“
herausgeschnitten worden sei, nämlich jene, die „die Verbrechen des kranken
Mörders Bruno mit dem großangelegten Vernichtungsprogramm des
Nationalsozialismus konfrontiert“. [3][Der historische Bruno Lüdke war,
anders als im Film dargestellt, kein Mörder], ihm wurden die Morde
angehängt.
Adorf, dessen bereits in jungen Jahren wuchtiger Leib seine Leinwandpräsenz
stärkte und einen aufregenden Kontrast zu seinem offenen, lesbaren Gesicht
mit den beweglichen Augenbrauen darstellte, verlieh ihm eine Würde und
Verletzlichkeit, die man bei filmischen Interpretationen des „Bösen“ selten
fand. Im höheren Alter reflektierten seine Charaktere in
90er-Jahre-Produktionen wie „Der Schattenmann“ oder „Der große Bellheim“
patriarchale Machtstrukturen, lange bevor der Begriff „toxische
Männlichkeit“ im aktiven Wortschatz der Gesellschaft angekommen war.
Aufgeschlossen erzählte er in einem Dokumentarfilm mit dem pragmatischen
Titel „Es hätte schlimmer kommen können“ von seinem Verhältnis zu jenen
Filmfiguren.
[4][Mario Adorf, der zweimal verheiratet war und eine Tochter hat, spielte
in deutschen und vielen italienischen Filmen] – Italien war lange Zeit
seine Herzens- und Wahlheimat –, international arbeitete er etwa mit Billy
Wilder, Claude Chabrol und Bille August. Als er 2002 auf der Berlinale zu
Gast war, wartete er an einem Februartag an einer Bartheke am Potsdamer
Platz auf einen Termin und summte dabei leise und selbstvergessen in sich
hinein. Wahrscheinlich, nicht ganz sicher, einen Song von „Can“.
9 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jenni Zylka
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