# taz.de -- Das Blatt hat sich gewendet!
       
       > Mit der Seitenwende hat die taz etwas gewagt, was sich zuvor keine
       > überregionale Tageszeitung getraut hat. Dass das ein Erfolg ist,
       > verdanken wir auch Ihrem Vertrauen. Ein Lagebericht
       
 (IMG) Bild: Etwa 89% haben zur Seitenwende gesagt: Ja, ich will!
       
       Von Andreas Marggraf
       
       Anfang November, etwa zwei Wochen nachdem wir die werktägliche taz nicht
       mehr druckten, war ich zum Vertriebstag des BDZV, dem Bundesverband der
       Digital Publisher und Zeitungsverleger, eingeladen. „Wie lief sie denn,
       eure Seitenwende?“, wollte dort die gesamte deutsche Verlagsbranche von mir
       wissen. Ich darf als Geschäftsführer der taz ein medienhistorisches Projekt
       begleiten: die Umstellung einer überregionalen Tageszeitung auf eine rein
       digitale werktägliche Ausgabe. Diesen Schritt hatte bis dahin keine andere
       Zeitung gewagt.
       
       Die entscheidende Frage konnte ich damals noch nicht sicher beantworten:
       Wie viele unserer Leser*innen würden diesen Weg wirklich mitgehen?
       Heute, knapp ein halbes Jahr und über hundert rein digitale
       Erscheinungstage später, kann ich es besser. Und die Antwort ist
       überwältigend:
       
       89 Prozent unserer 14.588 täglichen Printabonnent*innen, die wir im Oktober
       2025 zählten, sind mitgekommen. Wir hatten vorsichtig mit 70 Prozent
       kalkuliert. Selbst die 81 Prozent, die in einer früheren Befragung ihre
       Absicht ausdrückten, mit ins Digitale zu wechseln, waren für uns keine
       Garantie. Aber Sie, unsere Abonnent*innen und Genoss*innen haben
       diese Zahl nicht nur bestätigt, sondern übertroffen.
       
       Das ist für uns ein politisches Signal. Denn die Seitenwende war nie ein
       reines Technikprojekt. Sie war eine Vertrauensfrage. Wir haben früh,
       bereits 2018, angekündigt, dass wir das Drucken werktags einstellen würden,
       weil die Kosten für Druck und Vertrieb langfristig nicht wirtschaftlich
       sein würden. Wir haben mit Ihnen darüber diskutiert, erklärt, gestritten,
       zugehört. Auf Genossenschaftsversammlungen, auf einer Städtetour, am
       Telefon, per Mail. Wir haben Lesegeräte verschickt, Hilfestellungen
       organisiert. Uns war es sehr wichtig, die Sorgen und Wünsche unserer
       Abonnent*innen ernst zu nehmen.
       
       Manche fragten: Kann das Ritual des morgendlichen Zeitungslesens digital
       fortbestehen? Andere sorgten sich um Gefangenenabos oder darum, ob sie mit
       der Technik zurechtkommen. Wieder andere waren schlicht skeptisch. Was uns
       letztlich getragen hat, war Ihr Vertrauen. Das Vertrauen, dass wir diesen
       Schritt nicht aus modischer Digitalbegeisterung gehen, sondern aus
       Verantwortung für die Zukunft der taz.
       
       Dieses Vertrauen zeigt sich ganz konkret darin, dass die meisten
       Abonnent*innen – nämlich 70 Prozent – mit einem Kombiabo dabei geblieben
       sind. Und darin, dass 95 Prozent den Preis für ihr Abo nicht verändert
       haben, obwohl im Rahmen unseres solidarischen Preismodells der Umstieg auf
       einen niedrigeren Preis möglich ist.
       
       Über die Jahre haben wir immer wieder erklärt, dass wir Druck- und
       Vertriebskosten sparen müssen, um den unabhängigen Journalismus finanzieren
       zu können, den wir leisten und hatten uns daher entschieden, den Preis für
       das Kombiabo nicht anzupassen.
       
       Das Vertrauen zeigt sich auch in 1.900 Menschen, die nicht digital lesen
       wollen, uns aber mit einem wochentaz-Abo treu bleiben. Oder in Leser*innen,
       die uns schreiben, dass sie sich das Digitale nie zugetraut hätten – und
       nun sogar Gefallen daran finden.
       
       Und auch darin, dass einige der 1.600 Abonnent*innen, die ihr Abo zur
       Seitenwende gekündigt hatten, wieder zurückgekommen sind. Über 1.300
       Leser*innen haben zudem von dem Angebot Gebrauch gemacht, Le Monde
       diplomatique weiterhin gedruckt zu erhalten. In all dem sehen wir eine
       große Wertschätzung für den taz-Journalismus.
       
       Und auch für die weit unter Tarif bezahlten Mitarbeitenden der taz, denen
       wir aufgrund des Erfolgs der Seitenwende in diesem Jahr eine etwas höhere
       Lohnerhöhung als üblich zahlen können.
       
       Klar gibt es auch Leser*innen, die nach einigen Wochen Seitenwende merken,
       dass sie mit dem digitalen Lesen doch nicht zurechtkommen und auf ein
       wochentaz-Abo umstellen oder kündigen.
       
       Es gibt – erwartungsgemäß – noch viel Bewegung in den Zahlen, womit
       tagtäglich viele Mitarbeitende in der Zeitung beschäftigt sind. Vor allem
       die Aboabteilung hat mit der Aboumstellung sehr viel Arbeit. Kombiniert mit
       weiter bestehenden Zustellproblemen der wochentaz und der dringend nötig
       gewordenen Einführung einer neuen Abosoftware hat dies leider zu einer
       starken Überlastung der Abomitarbeiter*innen geführt.
       
       Wir sind dem Team extrem dankbar für seine trotzdem hochmotivierte und
       professionelle Arbeit. Unser Dank gilt auch unseren Abonnent*innen für
       Ihre Geduld und Solidarität.
       
       Die Seitenwende hat nicht nur in der Branche für Aufmerksamkeit gesorgt.
       Sie hat auch neue Leser*innen angezogen. Viele haben seit letztem
       Oktober ein Probeabo abgeschlossen – und sind geblieben. Das zeigt:
       Unabhängiger, kritischer Journalismus wird gebraucht. Gerade in diesen
       Zeiten.
       
       Als ich also im November vor den Verlegern stand, schauten sie alle auf
       mich. Heute würde ich sagen: Sie hätten auf Sie schauen sollen, auf unsere
       Abonnent*innen und Genoss*innen.
       
       Denn während viele Häuser darüber diskutieren, wie man Leser*innen hält,
       haben Sie gezeigt, was möglich ist, wenn eine Zeitung zu einem
       solidarischen Projekt wird, das eben auch in turbulenten Zeiten gemeinsam
       getragen wird.
       
       Die taz gehört ihren Genoss*innen und sie gehört allen Leser*innen. Nur
       so wird sie zu einem tragfähigen Modell für die Zukunft. Unsere Botschaft
       nach innen wie nach außen lautet deshalb: Transformation gelingt, wenn
       Vertrauen da ist. Und Vertrauen entsteht, wenn man Verantwortung teilt.
       
       Wir gehen nun nach der Seitenwende gestärkt in dieses Jahr – nicht, weil
       alles einfacher geworden ist, sondern weil wir wissen, dass wir diesen Weg
       gemeinsam gehen.
       
       Und daher wünsche ich mir: Bleiben Sie dabei, empfehlen Sie uns weiter,
       denn die nächste Herausforderung kommt sicherlich bald. Danke für Ihr
       Vertrauen.
       
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       11 Apr 2026
       
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