# taz.de -- Deutsch-dänisches Roman-Debüt: Die Gegenwart ist ein Archiv
> Marie-Louise Monrad Møllers neuer Roman „Viel wichtiger ist jetzt die
> Gegenwart“ erzählt eindrucksvoll nüchtern vom Sterben im Norden. Und vom
> Erinnern.
(IMG) Bild: Ein Blick auf die Förde – und schon tauchen Erinnerungen auf
Die Menschen suchen ihren Rat. Sie bitten die Pastorin, die die Erzählerin
des Romans nur mit Du anspricht, um Unterstützung bei Eheproblemen,
Krankheit, im Todesfall, laden sie zu ihren Geburtstagen ein. Sie erzählen
ihr einfach von ihren Nöten und Sorgen. Die Pastorin ist für alle da. Fährt
sie durch den Ort voller Klinkerbauten, winken ihr die
Dorfbewohner:innen zu, fahren zur Seite, halten an.
Marie-Louise Monrad Møller baut zu Beginn ihres Romandebüts „Viel wichtiger
ist jetzt die Gegenwart“ eine überlebensgroße Figur ihrer Mutter auf. Eine
Frau, die sich um die Kranken sorgt, trauernden Familien Trost spendet,
zuhört. Sie steht niemals still, nimmt selten Urlaub. Kurz nachdem sie in
den Ruhestand geht, erhält sie die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs im
fortgeschrittenen Stadium.
Die namenlose Ich-Erzählerin ist die älteste Tochter der Pastorin, Anfang
dreißig, aufgewachsen als [1][Teil der dänischen Minderheit in
Südschleswig]. Sie lebt fürs Studium in der Schweiz und fährt in die alte
Heimat, um mit ihrer Schwester und dem Vater für die Mutter da zu sein.
Die Geschichte umfasst knapp ein Jahr, in dem die Krankheit ihren Lauf
nimmt. Der Krebs ist dabei immer präsent, Thema des Buches ist aber die
vielschichtige Trauer der Erzählerin sowie die komplizierte
Familiengeschichte und -dynamik, die sich nach und nach entfaltet.
## Erinnerung zerstört die Perfektion
Das Buch wechselt zwischen der Gegenwart der Krankheit und Episoden aus der
Vergangenheit der Erzählerin ab. Immer wieder lösen Ereignisse – das
Ankommen zu Hause, ein Duft, der Blick auf die Förde – kleine Erinnerungen
an Kindheit und Jugend aus. Diese verzerren das zu Beginn gezeichnete Bild
der perfekten, immer Heels tragenden Pastorin.
Eine Mutter, die bisweilen überfordert ist, ausrastet, sich einschließt.
Die vergisst, ihre Kinder abzuholen, oder sie zu früh bringt. Die ihre
Tochter als Nutte beschimpft, weil diese sich schminkt. Die Erzählerin
kämpft mit dieser Spannung, genauso, wie es die Autorin Monrad Møller im
echten Leben tat.
Das Buch ist eine fiktionalisierte Version dieses Lebens. Monrad Møller
fehlten in jener Zeit Erzählungen, die all die Widersprüchlichkeiten des
Trauerns aufzeigten, vor allem in einer Situation, wo die Betrauerte noch
am Leben ist.
Sie versucht die Feinheiten solch einer Situation einzufangen: „Die
minimalen Schwankungen und Veränderungen, die ich an dir und an mir und an
meinem Vater und meiner Schwester bemerke, lassen sich schwer in Worte
fassen. Es sind Schwankungen, die Stoff für Romane böten“.
## Mit Landschaft verwoben
Die Erinnerungen und die feinen Beziehungskonstellationen der Gegenwart
verweben sich mit der Landschaft, die die Erzählerin so gut kennt. Früher
wollte sie nur weg von dort, jetzt findet sie nicht so recht einen Ort: in
der Schweiz, in Nürnberg bei Partner Felix, in Leipzig, wo sie früher
studiert hat?
Immer wieder zieht es sie zu ihrer Mutter, verbringt sie viel Zeit mit ihr
und für sie. Ihr Leben steht still, ihre Romanprojekte ebenfalls – wie kann
sie in solch einer Situation ans Schreiben denken?
Und doch ist das Schreiben ständiger Begleiter. Sie sammelt die
Erinnerungen und die Zeit der Krankheit, ganz als ob sie das Erlebte für
sich und die Mutter archivieren wollte. Viel wichtiger ist jetzt die
Gegenwart, ist eine Erkenntnis der Erzählerin: die Mutter lebt noch, genieß
den Moment, denk nicht nach vorne oder zurück – allerdings kann sie nicht
vom Sammeln lassen.
[2][Erzählen bedeutet Erinnern.] Und Erinnern bedeutet über sich und andere
zu reflektieren, sich in Beziehung zu setzen. Gegen Ende des Buches gehen
Tochter und Mutter spazieren und die Erzählerin findet „sich in einer
vorweggenommenen Erinnerung“ wieder und will „zugleich den Moment
festhalten“.
Diese Spannung von Erinnerung und Gegenwart zeichnet auch das Buch als
Ganzes aus. Hieraus entwickelt die Autorin ein beeindruckend feinfühliges
Porträt der trauernden Erzählerin und ihrer Beziehung nicht nur zu ihrer
Mutter, sondern auch zu sich selbst und dem Ort, wo sie aufgewachsen ist.
5 Jun 2026
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