# taz.de -- Gemeinsam gegen Staat und Standards: Demokratie in der Vertrauenskrise
       
       > Die Enttäuschung über den Staat und seine Institutionen wächst. Warum
       > „Misstrauensgemeinschaften“ die Demokratie unter Druck setzen und was
       > jetzt nötig wäre, erklärt Soziologe Aladin El-Mafaalani.
       
 (IMG) Bild: Wie können Leute wieder vertrauen, die das Vertrauen verloren haben, Aladin El-Mafaalani?
       
       [1][taz FUTURZWEI] : These: Früher haben wir Linke dem Staat, den
       Institutionen und den etablierten Parteien misstraut und heute misstrauen
       die Rechten. Wie kommt das? 
       
       Aladin El-Mafaalani: Ich kann nicht beurteilen, ob Linke wirklich dem Staat
       gegenüber misstrauisch waren. Ich denke eher, man hat ein paar Akteuren
       misstraut. Was ich aber sagen würde: Heute existiert insgesamt eine größere
       Anfälligkeit für [2][Populismus] und für Verschwörungserzählungen. Und
       davon sind sowohl Rechte als auch Linke betroffen. Dafür gibt es auch
       international Hinweise. Aber das wird im Augenblick am stärksten von
       sogenannten rechtspopulistischen Parteien mobilisiert. Wir sehen ja am
       Beispiel des [3][BSW], dass man auch mit einem linkeren Drall erfolgreich
       sein kann. Ich würde auch das BSW als Partei sehen, die Misstrauen
       kanalisiert.
       
       taz FUTURZWEI: Der Ausgangspunkt für Ihr Buch Misstrauensgemeinschaften
       war, dass Sie Bekannte oder Freunde haben, die Ihnen ihr Kind anvertrauen,
       aber nicht Ihren Ergebnissen als Wissenschaftler trauen. 
       
       El-Mafaalani: Selbst Menschen, die mich persönlich lange und gut kennen,
       haben ein generalisiertes Misstrauen gegenüber der Wissenschaft, besonders
       seit der [4][Pandemie]. Die sagen: Ich kenne Aladin sehr lange, ich weiß,
       er hat keine eigene persönliche Agenda, und trotzdem vertraue ich ihm als
       Teil des Systems nicht. Da wusste ich, dass wir echt ein Problem haben,
       denn eigentlich basiert sehr vieles darauf, dass man auch Leuten vertrauen
       muss, die man nicht persönlich kennt. Nachdem ich erstmal persönlich
       überrascht war, dachte ich, oje, das ist ein ernst zu nehmendes Problem.
       Denn die meisten Wissenschaftler wird man gar nicht kennenlernen können.
       Wie kann man da Vertrauen wiedergewinnen?
       
       taz FUTURZWEI: Sie unterscheiden zwei Arten von Vertrauen, blind und
       konstruktiv, und zwei Arten von Misstrauen, konstruktiv und destruktiv.
       Wenn ich heirate und einen Ehevertrag abschließe, ist das dann
       konstruktives Vertrauen oder destruktives Misstrauen? Und wenn ich keinen
       abschließe, ist das dann blindes Vertrauen?
       
       El-Mafaalani: Das weiß ich nicht. Ich finde es auffällig, dass sehr viele
       Menschen keinen Ehevertrag haben. Daran sieht man, dass hier umfassendes
       Vertrauen stark ausgeprägt ist. Ich vertraue meiner Partnerin und sie mir,
       und gleichzeitig wissen wir, dass, zum Beispiel, Untreue und Fremdgehen
       irgendwann im Laufe der Beziehung statistisch gesehen relativ
       wahrscheinlich sind.
       
       taz FUTURZWEI: Ein Drittel der Ehen in Deutschland wird geschieden.
       
       El-Mafaalani: Dennoch gehen die meisten davon aus, dass es nicht passiert,
       und dadurch entsteht eine große Stabilität in der Beziehung. Das ist weder
       blind noch destruktiv. Denn der Vorteil dieses Vertrauens ist deutlich
       größer als der Nachteil, würde es fehlen. Man könnte gar keine Beziehung
       mehr eingehen. Dieses Problem haben ja viele Menschen, die schlechte
       Erfahrungen gemacht haben. Deswegen würde ich sagen, in der direkten,
       unmittelbaren, persönlichen Begegnung ist der Modus des Misstrauens nicht
       sinnvoll, wenn man eine dauerhafte Kooperation möchte. Wenn es eine
       kurzfristige Kooperation ist, etwa wenn dein Versicherungsberater kommt,
       dann solltest du nicht alles glauben. Das wäre blind. Aber gar keine
       Versicherung abzuschließen, wäre auch nicht günstig. Das wäre destruktives
       Misstrauen.
       
       taz FUTURZWEI: Vertrauen ist eine zentrale Grundlage, damit liberale
       Demokratie funktionieren kann, sagen Sie. Also: Ich gehe davon aus, dass
       das schon hinhaut, obwohl ich es letztlich nicht wissen kann. Warum genau
       schwindet dieser Vertrauensvorschuss jetzt bei Leuten?
       
       El-Mafaalani: Die letzten Studien haben gezeigt, dass eigentlich nur die
       Hälfte der Bevölkerung sagt, dass die Demokratie im Augenblick alles in
       allem gut funktioniert. Das ist tatsächlich eine starke Problemwahrnehmung.
       Etwa ein Drittel hat eine Anfälligkeit für Populismus und
       Verschwörungsideologie. Vertrauen ist übrigens nicht nur wichtig für
       Politik, sondern für sehr viele Bereiche. Das ist das Besondere an
       modernen, komplexen Gesellschaften und die Grundlage für Demokratie und
       eine funktionierende [5][Marktwirtschaft]: Man muss Akteuren vertrauen, die
       man nicht persönlich kennenlernen wird. Und man muss auf Kontrolle
       verzichten, und zwar auch deshalb, weil man selbst überhaupt keine
       Kontrolle leisten kann.
       
       taz FUTURZWEI: Heißt konkret?
       
       El-Mafaalani: Kann der Arzt seinen Job, kann der Pilot seinen Job? Darauf
       muss man vertrauen. Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama hat schon
       vor Jahrzehnten beschrieben, dass vertrauensstarke Kulturen auch ökonomisch
       erfolgreicher wurden, weil die Marktwirtschaft sich stärker durchsetzen
       konnte, da man innovativer und risikobereiter war und nicht die hohen
       Kosten von vertrauensarmen Kulturen hatte, die permanent kontrollieren und
       aufgrund von Misstrauen bestimmte Kooperationen und Risiken nicht eingehen.
       
       taz FUTURZWEI: Vertrauen ist also Verzicht auf Kontrolle oder Unmöglichkeit
       der Kontrolle. Jetzt gibt es aber doch dieses tolle Sprichwort: Vertrauen
       ist gut, Kontrolle ist besser. Ist das falsch?
       
       El-Mafaalani: Vertrauen ist besser, aber es muss natürlich funktionieren.
       Deswegen braucht man im Prinzip beides. Würden alle allen vertrauen, dann
       bräuchten wir praktisch kaum noch Polizei, kaum noch Gerichte, kaum noch
       all diese anderen Institutionen, die kontrollieren. Das ist aber ein sehr
       unrealistisches Szenario. Da wir aber in einer sehr komplexen Gesellschaft
       leben, stellt sich die Frage: Wie will man eigentlich kontrollieren, und
       wie wird kontrolliert? Der Bürger kann die Reinheit seiner Lebensmittel
       nicht kontrollieren, das nur mal als Beispiel. Da hat die moderne
       Gesellschaft etwas Geniales gemacht, die Systeme haben ihre eigenen
       Kontrollmechanismen, wie Armin Nassehi immer betont.
       
       taz FUTURZWEI: Die systemtheoretische Perspektive?
       
       El-Mafaalani: Genau. Es gibt kein Zentrum mehr in der Gesellschaft, das
       alles kontrolliert, sondern jedes System ist weitgehend autonom und selbst
       für Kontrolle zuständig. Innerhalb der Lebensmittelindustrie gibt es
       Lebensmittelkontrolleure. Innerhalb der Wissenschaft kontrollieren sich die
       Wissenschaftler gegenseitig, indem sie die Arbeit der Kollegen begutachten
       und kritisieren. Will man ein Gerichtsurteil verändern, muss man an ein
       anderes Gericht. Und wenn einem irgendein Gesetz missfällt, braucht es eine
       andere politische Mehrheit, um es zu ändern. Das heißt, es wird eigentlich
       immer nur innerhalb der Systeme überprüft, verändert, kontrolliert. In
       jedem System sind also Misstrauensstrukturen integriert.
       
       taz FUTURZWEI: Denen muss man aber auch vertrauen.
       
       El-Mafaalani: Richtig. Es gibt in allen Systemen misstrauische Berufe, und
       diese misstrauischen Berufe leben davon, dass man ihnen vertraut. Und
       deswegen ermitteln wir nicht selbst Täter, sondern vertrauen darauf, dass
       die Kriminalpolizei von Berufs wegen misstrauisch ist und das übernimmt.
       Aber wir entwickeln uns in vielen Bereichen in eine Richtung, in der das
       zunehmend nicht mehr gewährleistet ist. In einer liberalen Demokratie sind
       die Wissenschaft, der Journalismus und das Rechtssystem besonders wichtige
       Systeme. Die Lebensmittelversorgung ist in jedem politischen System der
       Welt existenziell wichtig, das gilt für [6][China] gleichermaßen wie für
       Deutschland.
       
       taz FUTURZWEI: Deshalb werden Wissenschaft, Medien und Rechtssystem auch
       von Rechtspopulisten strategisch angegriffen. Aber was bringt destruktives
       Misstrauen den Leuten?
       
       El-Mafaalani: Durch digitale Medien sind misstrauische Leute erstmals in
       der Lage, untereinander Kooperationen einzugehen. Und jetzt passiert etwas
       Interessantes: Misstrauische Menschen vertrauen anderen misstrauischen
       Menschen und bilden Misstrauensgemeinschaften. Es kommt zu
       Vergemeinschaftung auf der Grundlage von geteiltem Misstrauen. Aus der
       anstrengenden Lebensführung des einzelnen Misstrauenden entsteht jetzt ein
       Team.
       
       taz FUTURZWEI: Eine Misstrauensgemeinschaft, wie Sie das nennen.
       
       El-Mafaalani: Ja, und diese Vergemeinschaftung ist auf Feindschaft
       ausgerichtet. Sie richtet sich gegen die etablierten gesellschaftlichen
       Systeme und auch gegen die Demokratie. Die politische Kanalisierung wird
       durch die „Alternative für Deutschland“ gemacht. Und die Kommunikation
       läuft über alternative Medien. Das Interessante ist, dass sich nicht nur in
       der Politik, sondern in allen gesellschaftlichen Bereichen
       Alternativstrukturen aus Misstrauen entwickelt haben.
       
       taz FUTURZWEI: Medien, klar. Was noch?
       
       El-Mafaalani: Das geht bis hin zu Geld. Kryptowährung entsteht mit dem
       [7][Bitcoin] im Jahr der Finanzkrise, und im Protokoll zum Bitcoin steht,
       dass es eine trustless structure sein soll, also eine alternative und
       digitale Form des Geldes, das angeblich ohne Vertrauen in Zentralbanken,
       Staaten und so weiter auskommt. Alle anderen Kryptowährungen folgen ein
       bisschen dieser Idee. Die Alternativstrukturen sind immer digital. Es ist
       folgerichtig, dass die [8][AfD] heute die stärkste Partei im digitalen Raum
       ist.
       
       taz FUTURZWEI: Inwiefern?
       
       El-Mafaalani: Die Digitalisierung ist nicht ursächlich für das Misstrauen,
       aber ohne die digitale Infrastruktur hätte es diese Misstrauensstrukturen
       so nicht geben können. Es ist eine interessante Frage, ob die von Ihnen
       eingangs erwähnten linken Alternativen aus den 70er- und 80er-Jahren auch
       die Demokratie herausgefordert hätten, wenn es die Möglichkeit digitaler
       Gegeninfrastrukturen gegeben hätte.
       
       taz FUTURZWEI: Man hat aus Misstrauen gegen Mehrheitsgesellschaft, Politik
       und Medien alternative Parteien und alternative Zeitungen gegründet, die
       Grünen und die taz. Die Pointe ist doch, dass wir die Alternativen waren
       und jetzt sind die anderen die Alternativen.
       
       El-Mafaalani: Richtig, aber die Alternativen, die Sie beschreiben, sind
       Alternativen, die im Prinzip in die etablierten Strukturen –integriert sind
       oder sogar von Anfang an in diesen etablierten –Strukturen gearbeitet
       haben. Es wurde eine Zeitung gegründet, die dann aber
       journalistisch-professionell gearbeitet hat. Der Begriff Alternative oder
       alternativ wird heute anders verwendet als früher.
       
       taz FUTURZWEI: Was ist der Unterschied?
       
       El-Mafaalani: Vieles von dem, was sich mit dem Begriff Alternative heute
       etabliert hat, missachtet die Standards. Alternative Fakten sind explizit
       Fakten jenseits der wissenschaftlichen Standards. Unabhängig von rechts
       oder links ist der digitale Raum dazu geeignet, eine große Reichweite zu
       erzielen, ohne professionell zu sein, ohne große finanzielle
       Rahmenbedingungen zu haben und auch weitgehend ohne Expertise. Letzteres
       ist der Grund, warum ich mir besonders Sorgen mache.
       
       taz FUTURZWEI: Können Sie das ausführen?
       
       El-Mafaalani: Menschen vertrauen anderen Personen allein oder hauptsächlich
       aufgrund des gemeinsam geteilten Misstrauens. Deswegen heißt es auch
       Misstrauensgemeinschaft: Man beurteilt die anderen Leute nicht anhand von
       Kompetenzen, sondern anhand einer geteilten Zugehörigkeit. Man wird eine
       Art Team, das gegen die etablierten professionellen Systeme gerichtet ist.
       
       taz FUTURZWEI: Die AfD muss demnach auch nichts „können“, außer die anderen
       schlimm zu finden?
       
       El-Mafaalani: Wenn meine Analyse stimmt, dann würde eine regierende AfD
       eben nicht entzaubert durch schlechtes Regieren und dann abgewählt,
       zumindest nicht von diesen Misstrauensgemeinschaften. Es reicht dann schon,
       die eigenen Leute zu repräsentieren und das Misstrauen zu demonstrieren.
       Misstrauen wird durch Populisten ja im wahrsten Wortsinn verkörpert.
       
       taz FUTURZWEI: Miserables Regieren hätte keinerlei Folgen?
       
       El-Mafaalani: Es ist nicht ausgeschlossen, dass man nach einem anderen
       Populisten ruft, wenn Populisten sehr lange schlecht regieren. Aber es ist
       unwahrscheinlich, dass man durch schlechtes Performen einer populistischen
       Partei wieder denen vertraut, denen man mit Misstrauen begegnet ist. Das
       sieht man auch bei Donald Trump: Wenn das Wählerpotenzial für Trump bei 55
       Prozent liegt, dann würde ich sagen, Pi mal Daumen 40 Prozent wählen ihn so
       oder so. Er muss dann immer nur noch einen kleinen Anteil von denen dazu
       gewinnen, die misstrauisch sind, aber nicht so destruktiv.
       
       taz FUTURZWEI: Wie definieren Sie: misstrauisch, aber nicht destruktiv?
       
       El-Mafaalani: Misstrauensgemeinschaften sind tendenziell destruktiv und
       ausgerichtet auf das Bekämpfen des Etablierten, vielleicht sogar der
       demokratischen Strukturen, wie wir sie kennen. Es gibt aber natürlich viele
       Menschen, in Deutschland wahrscheinlich die Mehrheit, die zwar Probleme mit
       dem Vertrauen haben, aber grundsätzlich konstruktiv sind, die die liberale
       Demokratie wieder stark und funktionstüchtig machen wollen.
       
       taz FUTURZWEI: Das ist das, was Sie „konstruktives Misstrauen“ nennen.
       
       El-Mafaalani: Misstrauen an sich ist eine wichtige Sache für eine
       Gesellschaft. Vertrauen ist das, was einer Gesellschaft richtig viel Kraft
       gibt, wie die Muskeln eines Körpers, und Misstrauen ist das Immunsystem.
       Der Körper braucht ein gutes Immunsystem. Wenn aber das Misstrauen zu stark
       wird, dann kann es zu einer Autoimmunerkrankung kommen und genau das sind
       diese Misstrauensgemeinschaften: Das Immunsystem greift den Körper an und
       wird damit destruktiv.
       
       taz FUTURZWEI: Die Misstrauensgemeinschaften speisen sich auch daraus, dass
       liberaldemokratische Überlegenheitsansprüche in puncto Demokratie,
       Gerechtigkeit und Freiheit herausgefordert werden. Also: Ihr seid gar nicht
       demokratisch, ihr seid elitär, ihr raubt unsere Freiheit. Wie kann man da
       Vertrauen wiederherstellen? Die linke Antwort ist: Wir haben ein
       Gerechtigkeitsproblem. Mehr Umverteilung.
       
       El-Mafaalani: Ich glaube nicht, dass [9][Gerechtigkeit] das primäre Problem
       ist. Wir haben eher ein Problem der Funktionalität, also der
       Handlungsfähigkeit des Staates. Man soll einem Akteur vertrauen und stellt
       fest, dass Dinge in den Bereichen nicht funktionieren, in denen dieser
       Akteur die alleinige Zuständigkeit hat. Sagen wir, der Akteur, der für
       Verteidigung zuständig ist, sagt: Wir haben eine [10][Bundeswehr], aber wir
       könnten uns damit nicht verteidigen. Wir könnten nicht einmal den Luftraum
       einer einzigen Großstadt absichern.
       
       taz FUTURZWEI: Da denkt man: Hm.
       
       El-Mafaalani: Und der gleiche Akteur ist der Einzige, der ein
       Bildungssystem aufrechterhalten kann in guter Qualität. Und das
       funktioniert auch nicht. Es gibt viele Probleme im internationalen Kontext,
       die eine Regierung oder ein Staat nicht allein im Griff hat. Aber dass die
       Bahninfrastruktur funktioniert, dass wir uns digitaler aufstellen, dass ein
       Rentensystem auch dann noch funktioniert, wenn so viele Menschen wie nie in
       der Geschichte in Rente gehen, das kann und muss der Nationalstaat regeln.
       Das kann indirekt auch mit sozialer Gerechtigkeit zu tun haben, aber primär
       liegt das Problem in der Funktionalität.
       
       taz FUTURZWEI: Gut, aber Gerechtigkeit …
       
       El-Mafaalani: Bevor wir über Gerechtigkeit sprechen, kommt noch etwas
       Zweites hinzu. Der Staat tritt immer stärker als Regulator in Erscheinung
       in Bereichen, wo er gar nicht unbedingt aktiv sein müsste. Das wird in der
       Wissenschaft schon länger als Verrechtlichung des Sozialen beschrieben.
       
       taz FUTURZWEI: Populär gesagt: Überregulierung.
       
       El-Mafaalani: Im Prinzip wird alles immer stärker durch politische Akteure
       und dann auch durch Gesetzgebung bearbeitet. Das Bildungssystem
       funktioniert nicht, aber die Verrechtlichung und Regulation des
       Bildungssystems hat kaum vorstellbare Ausmaße angenommen. Und das hat sich
       überall breitgemacht. Im Gesundheitswesen leiden alle Mediziner und alle
       Pflegeberufe darunter. Oder wie viele Dokumentationspflichten mittlerweile
       da sind, wenn man sich selbstständig machen will. Was im Übrigen alles
       darauf hindeutet, dass der deutsche Staat seinen Bürgern zunehmend nicht
       oder nicht mehr vertraut.
       
       taz FUTURZWEI: Woraus für Sie folgt?
       
       El-Mafaalani: Auch als Nationalstaat hat man einen Handlungsspielraum, um
       Vertrauen wieder herzustellen. Der Staat muss auftreten als Akteur, der die
       Kontrolle und Handlungsfähigkeit über die Themen hat, die seine Aufgabe
       sind. Da muss er funktionieren. Und wenn er reguliert mit dem Versprechen,
       es wird jetzt besser, und wenn dann diese Erwartungen nicht erfüllt werden,
       enttäuscht er. Enttäuschte Erwartungen sind fast ein Synonym für
       Vertrauensverlust. Und das zweite Risiko beim Regulieren ist: Je mehr der
       Staat reguliert, im beruflichen wie im privaten Kontext, desto stärker
       ersetzt er Vertrauen durch Recht.
       
       taz FUTURZWEI: Was ist gegen Recht zu sagen?
       
       El-Mafaalani: Die Stärke von Vertrauen ist ja, dass man in einer
       Kooperation ein Risiko eingeht und auf Kontrolle verzichtet. Und dadurch
       entstehen die Synergieeffekte, die Fukuyama beschrieben hat, die zu
       wirtschaftlicher Prosperität führten. Verrechtlichung ist in gewisser
       Hinsicht auch ein Teil des Kontrollierens und hat nicht dieselbe Kraft.
       
       taz FUTURZWEI: Rechte für Frauen, für Minderheiten, das ist wichtig.
       
       El-Mafaalani: Ja, eine ganze Weile lang hat diese Verrechtlichung auch
       positive Effekte gehabt für Vertrauen. Wenn ich weiß, was rechtlich erlaubt
       ist und was nicht, dann engt das den Handlungsspielraum der anderen Person
       ein, der ich vertraue. Das macht es leichter zu entscheiden, ob ich Peter
       Unfried vertraue, wenn ich mit ihm eine Geschäftsbeziehung eingehe. Aber
       irgendwann kommt ein Kipppunkt und die Verrechtlichung führt dazu, dass
       Vertrauen zwischen Menschen geschwächt wird. Zugleich enttäuscht der Staat
       dadurch mit einer größeren Wahrscheinlichkeit, was wiederum das Vertrauen
       in den Staat schwächt.
       
       taz FUTURZWEI: Der von Ihnen unterstellte Handlungsspielraum des Staates
       wird kleiner. Nehmen wir an, die Merkel-Regierung hätte handeln können,
       wollte aber nicht, weshalb es schön ruhig blieb. Die Ampel wollte, konnte
       aber in der Konstellation nicht, woraufhin das Vertrauen erodierte. Dann
       kam die nächste Regierung, das Vertrauen ist noch schneller erodiert. Jetzt
       gibt es gar keine mögliche Regierungskonstellation mehr, bei der immerhin
       wir Liberaldemokraten sagen würden, mit denen kriegen wir das jetzt hin.
       Wir sind in einer Vertrauenserosionsdynamik drin.
       
       El-Mafaalani: Das ist ein sehr parteipolitisches Problem. Ganz schön viele
       Punkte, von denen ich jetzt gerade gesprochen habe, wären wahrscheinlich
       parteienübergreifende Themen, die man bearbeiten könnte. Aber Sie haben
       recht, eine stabile Regierung auf die Beine zu stellen, wird immer
       schwieriger. Es ist aber auch nicht so, dass sich das Vertrauen erst wieder
       stärkt, wenn die Bundeswehr wieder auf Augenhöhe mit anderen Armeen ist,
       wenn die Bahn wieder pünktlich ist und alles flutscht.
       
       taz FUTURZWEI: Sondern?
       
       El-Mafaalani: Es geht nicht um einen Idealzustand, sondern darum, dass man
       Verbesserungen in verschiedenen Bereichen wahrnimmt. Vertrauen ist eine
       Zukunftserwartung. Die Gegenwart gibt dir einen Hinweis dafür, ob es
       rational ist, vertrauensvoll in die Zukunft zu blicken. Wenn die Gegenwart
       auch nur etwas besser ist als die Vergangenheit, dann reicht diese stabile
       kleine Verbesserung schon, um die Erwartung zu stärken, dass es sich in
       Zukunft weiter positiv entwickeln wird.
       
       taz FUTURZWEI: Die Grunderwartung vieler ist aber, dass politisches
       Handeln, dass Reformen a priori negativ sind, siehe Gebäudeenergiegesetz.
       
       El-Mafaalani: Wenn man positive Zukunftsorientierung als längerfristigere
       Perspektive entwickeln würde, dann würde es Menschen leichter fallen, die
       aktuelle Situation einzuordnen. In der Wirtschaft, zum Beispiel, können die
       aktuellen Zahlen eines Unternehmens sehr schlecht sein, aber der Aktienkurs
       geht hoch, weil man sieht, in welche Richtung dieses Unternehmen sich zu
       entwickeln scheint. In den Aktienkurs ist die Zukunft schon eingepreist.
       
       taz FUTURZWEI: Der Staat soll das auch machen?
       
       El-Mafaalani: Erstmal geht es darum, damit aufzuhören, Erwartungen zu
       erzeugen, um sie relativ zügig zu enttäuschen. Das ist ja das, was wir von
       der [11][Merz]-Regierung als Erstes gesehen haben, dass man das Gegenteil
       der Ankündigungen gemacht hat. Wenn man Erwartungen erzeugt und die Wähler
       einem deshalb ihre Stimme geben, kann man das als Vertrauensvorschuss
       beschreiben. Und wenn dann diese Erwartungen unmittelbar enttäuscht werden,
       dann verlieren auch Leute, die bisher nicht destruktiv waren, das
       Vertrauen.
       
       taz FUTURZWEI: Ja, gut, aber nach der Wahl anders zu handeln als
       angekündigt, das gab es auch schon immer.
       
       El-Mafaalani: Das ist eine eingeübte Praxis, stimmt, aber es macht einen
       Unterschied, ob Versprechungen in einem Zustand von gesichertem Vertrauen,
       von positiven Zukunftsperspektiven der Menschen, von einer wahrgenommenen
       Handlungsfähigkeit des Staates gemacht werden. Wenn man aber das Gefühl
       hat, der Staat ist nicht handlungsfähig, die Zukunft wird schlimmer als die
       Gegenwart und dann werden Erwartungen enttäuscht, die auch noch vorher
       selbst erzeugt wurden: Das ist was ganz anderes. Deswegen würde ich sagen,
       dass alle relevanten Akteure, also nicht nur in Politik, sondern auch in
       Rechtssystem, Journalismus und Wissenschaft, in dieser veränderten
       Situation eine neue Praxis entwickeln müssen, nämlich eine Praxis, in der
       das geschwächte Vertrauen systematisch berücksichtigt wird.
       
       taz FUTURZWEI: Was können seriös sein wollende Medien ändern?
       
       El-Mafaalani: Ich würde sagen, dass innerhalb der Medien zu wenig
       Medienkritik geübt wurde und wird, also systeminterne Kritik, sowohl
       gegenüber der eigenen Berichterstattung als auch der Berichterstattung
       insgesamt. Das erkennt man daran, dass Medienkritik ein Hauptgeschäft
       alternativer Medien ist. Sie suchen täglich die professionellen Medien
       danach ab, was sie als Fehler kritisieren können. Bei der Wahl der
       Bundesverfassungsrichterin hat man gesehen, dass die Akteure aktiv
       versuchen, auch das Misstrauen in das Rechtssystem zu verstärken.
       Wahrscheinlich müssen auch im Rechtssystem Dinge künftig anders
       funktionieren, denn wenn dem Rechtssystem irgendwann wirklich nicht mehr
       vertraut wird, dann haben wir ein ernsthaftes Problem. Ich würde daher
       sagen, dass im Prinzip alle professionellen Akteure ihr Verhalten an die
       neue Lage anpassen müssen. Sie sind unter veränderten gesellschaftlichen
       Rahmenbedingungen gezwungen, eine zunehmend misstrauische Öffentlichkeit
       anders zu adressieren, auf deren Vertrauen alles basiert. Das ist eine echt
       große Herausforderung.
       
       🐾 Lesen Sie weiter: Dieser Artikel erschien zuerst in der neuen Ausgabe
       unseres taz-Magazins FUTURZWEI N°36 mit dem Titelthema „Die AfD
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       25 Mar 2026
       
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