# taz.de -- Mangas, die vom Zeichnen handeln: Lust und Leid der Mangaka
       
       > Wenn Manga-Zeichner übers Zeichnen und ihre Branche erzählen. Gleich drei
       > aktuelle Mangas widmen sich teils autobiografisch der eigenen Kunst.
       
 (IMG) Bild: Suehiro Maruos „Underground“ ist im Tokio der späten Sechzigerjahre angesiedelt
       
       Wenn Migeru am Zeichentisch sitzt, kann es sein, dass der Konako-Jiji ihn
       heimsucht: Ein greisenhafter Yōkai (ein japanischer Dämon), der sich an
       seinen Rücken klammert und ihn zu erdrücken droht. Auf den belebten Straßen
       Tokios plagt den Waisen die Sorge, ob die Passanten den Yōkai auch sehen
       können. Der Achtzehnjährige mit den schlohweißen Haaren lebt zusammen mit
       seiner hübschen, aber schielenden Cousine Sachiko, deren Alltag nicht
       minder schwer ist als Migerus: Mit perversen Sexspielchen und anderen
       erniedrigenden Jobs schlägt sie sich durch, um ihre Miete zahlen zu können.
       
       Der 1956 geborene japanische Zeichner Suehiro Maruo („Der lachende Vampir“)
       vermengt in seinem neuesten Manga „Underground“ Autobiografisches mit
       Phantastischem, Historie mit Fiktion. Seit seinen ersten Veröffentlichungen
       in den 1970ern (unter anderem im berühmten Avantgarde-Magazin Garo) ist er
       für Mangas bekannt, die dem erotisch-grotesken Genre „Ero-Guro“ zugeordnet
       werden. Wie zwei weitere Mangas aus Japan, die in jüngerer Zeit allesamt im
       Berliner Reprodukt Verlag erschienen sind, handelt sein Buch von Mangaka –
       also von den Zeichnern selbst, von den Umständen der kreativen Arbeit und
       des Veröffentlichens.
       
       „Underground“ könnte eigene Erfahrungen Maruos widerspiegeln, wenn er
       Widrigkeiten auf dem Weg zur ersten Publikation beschreibt. Angesiedelt ist
       die Geschichte im Tokio der späten Sechziger Jahre, als Studentenunruhen
       und künstlerische Happenings die Straßen beherrschten. Letztere, die damals
       häufig durch Provokationen gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft geprägt
       waren, zeichnet Maruo mit Vorliebe, wie er auch die Dominaspielchen
       Sachikos explizit darstellt. Dabei unterschlägt er nicht, wie demütigend
       diese Jobs für sie sind.
       
       ## Maruo verarbeitet einen historischen Kriminalfall
       
       Der Protagonist Migeru erinnert äußerlich an „Kitaro“, eine populäre
       Gruselfigur des Zeichners Shigeru Mizuki aus den 1960ern. Mit seiner
       Mitbewohnerin Sachiko hastet er von Job zu Job und begegnet allerlei
       schrägen Typen. Einer davon, Mick Jaggatara, imitiert den Look des
       Rolling-Stones-Frontmanns. Als Mick versucht, Sachiko zu vergewaltigen,
       tötet ihn Migeru und die Story bekommt Züge eines Noir-Krimis.
       
       Eine andere Bekanntschaft, der unauffällige Nagayama, entpuppt sich als
       Serienmörder. Maruo verarbeitet hier einen historischen Kriminalfall aus
       dem Jahr 1968. Die oberflächlich glitzernde J-Popszene der Zeit bietet als
       Kulisse einen reizvollen Kontrast zu den düsteren Geschehnissen.
       
       Eindringlich schildert der Zeichner, wie Migeru mit sich selbst kämpft, um
       seinen ersten Manga zu realisieren. Doch ebenso hart wie der kreative Kampf
       erscheint jener mit Verlegern und arrivierten Zeichnern, die ihn täuschen
       und vertrösten. Berühmtheiten wie „Mangagott“ Osamu Tezuka (erkennbar an
       Anzug und Baskenmütze) bekommen Cameo-Auftritte.
       
       Zeichnerisch spielt Maruo virtuos mir unterschiedlichen Einflüssen, zitiert
       klassische Holzschnittkunst, Surrealismus und das Horrorgenre, während die
       Erzählung auf innovative Weise Autofiktion, historische Bezüge und
       popkulturelle Anspielungen verbindet.
       
       ## Die eigene Familie wird zum Gegenstand
       
       Einen weniger abgründigen als amüsanten Einblick ins Erschaffen von Mangas
       gibt Minetarō Mochizuki im ersten Band seiner „No Comic, no Life“-Reihe.
       Der 1964 Geborene ist Autor von Endzeitmangas wie „Dragon Head“ oder der
       Romanadaption „Chiisakobee“. In jeweils zehn Seiten langen Episoden
       schildert er, wie Mochitarō Minezuki (eine leicht verdrehte Version des
       Autorennamens), der sich selbst zu Beginn jedes Kapitels als „nicht
       sonderlich erfolgreicher Mangaka Mitte Fünfzig“ bezeichnet, einen
       „Essay-Manga“ verwirklichen will. Daraus entwickeln sich leichtfüßige
       philosophische Etüden in Comicform, die in Mochitaros Gedankenwelt
       einführen. Seien es die Einflüsse seiner Jugend in Gestalt von
       Science-Fiction-Romanen wie „Captain Future“, die ihn beschäftigen, oder
       das zwanghafte Nachdenken über Äußerlichkeiten wie Klamotten und
       Brillenmodelle.
       
       Die eigene Familie wird zum Gegenstand: Ihm fällt auf, dass seine Frau der
       ganzen Familie denselben akkuraten Haarschnitt verpasst. Sein kleiner Sohn
       sieht überall „Sommbis“ und erweist sich als Nonkonformist, wenn er alle
       Klamotten verkehrt herum anzieht. Philosophisch wird es, wenn der Zeichner
       darüber grübelt, wie unterschiedlich schnell in verschiedenen Lebensaltern
       die Zeit verstreicht.
       
       Zeichnerisch ist diese Autofiktion höchst minimalistisch – Mochizuki
       beschränkt sich pro Kapitel auf wenige visuelle Motive, die in klaren
       Panelfolgen vor oft leerem weißen oder schwarzen Hintergrund hinterfragt
       werden. Durch visuelle Wiederholungen begleitet von analytischen Texten
       entsteht ein meditativer Erzählfluss, der das Denken der Hauptfigur
       anschaulich widerspiegelt und profunde wie humorvolle Einblicke in den Kopf
       ihres Schöpfers bietet.
       
       ## Abschluss der Trilogie „Tokio dieser Tage“
       
       [1][Taiyo Matsumoto, 1967 geboren, hat durch zahlreiche Mangas in
       verschiedenen Genres („Tekkon Kinkreet“, „Ping Pong“, „Sunny“) mittlerweile
       Kultstatus erlangt]. Nun legt er den Abschluss seiner Trilogie „Tokio
       dieser Tage“ vor, die vom Mangaredakteur Herrn Shiozawa handelt, der in
       seinem Verlag kündigt, um sein eigenes Projekt einer Manga-Anthologie
       anzugehen. Dafür trommelt der Menschenfreund mit dem sprechenden Vogel
       (dieser siezt ihn!) eine Mannschaft von Mangaka zusammen, von denen manche
       ihre besten Zeiten bereits hinter sich haben. Einer von ihnen zeichnet
       Katzenmangas und wohnt in einem Altenheim. Ein anderer leidet unter dem Tod
       seines Bruders, einem einst erfolgreichen Mangaka, in dessen Schatten er
       selbst stand. Er bekommt nun die Chance, selbst wieder zur Feder zu
       greifen.
       
       Nicht zuletzt ist da der dicke Chosaku – die heimliche zweite Hauptfigur
       der Reihe. Chosaku ist ein Zeichner mit großer Fangemeinde, der eine
       Vielzahl eigener Marotten und Neurosen überwinden muss. In der
       Zusammenarbeit mit dem einfühlsamen Herrn Shiozawa entwickeln diese und
       weitere Charaktere neue Energie und Freude an der Arbeit.
       
       Matsumoto gelingt mit seinen detailreichen, leicht schrägen Zeichnungen ein
       semidokumentarischer Einblick in die Abläufe und Besonderheiten des
       Mangamachens in der Metropole Tokio, deren Geräuschkulisse immer präsent
       ist. Es geht nicht nur um Träume und Illusionen der Mangaka, sondern auch
       darum, wie das Geschäft läuft, welche Kompromisse eingegangen werden
       müssen. Dafür blendet Matsumoto oft in die Redaktionsräume des Verlags, in
       denen Shiozawa vorher gearbeitet hat und wo weiterhin über ihn und sein
       kurioses Projekt getratscht wird. Ein aufschlussreiches Kapitel handelt von
       einem skrupellosen Redakteurskollegen, dem Auflagen und Verkäuflichkeit am
       Herzen liegen, und der den Weggang des Idealisten Shiozawa
       mitzuverantworten hat.
       
       ## Facettenreicher Einblick in die Mangaszene
       
       Ein visueller Höhepunkt ist die stumme Sequenz, in der der von
       Selbstzweifeln geplagte Chosaku bei Regen und Sturm seinem davonfliegenden
       Schirm hinterherjagt – und plötzlich wieder Inspiration schöpft. Mit Band 3
       von „Tokio dieser Tage“ erfährt die an vielen Stellen komische wie auch
       sehr berührende Geschichte einen angemessenen Abschluss. Matsumoto gelingt
       ein facettenreicher Einblick in die Mangaszene. Am Ende hat man jeden
       einzelnen Kauz so liebgewonnen, als wäre er lebendig.
       
       Diese drei Einblicke in die Köpfe sehr unterschiedlicher japanischer
       Zeichner bieten unkonventionelle, anregende Lektüren. Sie verfolgen
       grundverschiedene Ansätze: Maruo malt seine Erfahrungen im „Underground“
       und die 1968er-Zeit in Japan phantastisch aus, Matsumoto zeichnet anhand
       der fiktionalisierten heutigen Mangaszene ein kaleidoskopartiges
       Gesellschaftsporträt in urbanem Umfeld, während Mochizukis „Alltagsnotizen
       eines Mangaka“ am direktesten Persönliches preisgeben
       
       5 Apr 2026
       
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