# taz.de -- taz FUTURZWEI zur Landtagswahl: Was ist Winfried Kretschmanns Erbe?
       
       > Nun wird Kretschmann sein Amt als Ministerpräsident übergeben, er hat 15
       > Jahre regiert. Was bleibt? Ein pragmatisches Gestaltungsprinzip, als
       > Antwort auf die Fragen der Zeit.
       
 (IMG) Bild: Zwei Gewinner: Kretschmann (rechts) wird von seinem Parteifreund Özdemir beerbt.
       
       [1][taz FUTURZWEI] | Ich erinnere mich, wie ich 2010 mit einem taz-Kollegen
       und Freund zum ersten Interview mit einem Landtagsabgeordneten namens
       [2][Winfried Kretschmann] nach [3][Stuttgart] fuhr, weil die Umfragen einen
       Grünen Ministerpräsidenten als theoretisch möglich erschienen ließen.
       
       Hinterher standen wir vor dem Landtag und der Kollege blies Zigarettenrauch
       in die Luft und sagte kategorisch: „Also, mit DEM wird das nie was.“ Ich
       sagte nichts, aber ich dachte womöglich ähnlich. Tsss, Journalisten!
       
       Wenn Kretschmann im Mai sein Amt übergibt, hat er 15 Jahre regiert, wurde
       dreimal zum Ministerpräsidenten gewählt, zweimal gewann er die Wahl – in
       [4][Baden-Württemberg]! – mit relativer Mehrheit vor der [5][CDU], die
       Leute liebten und lieben ihn, die Checker in [6][Berlin], die [7][Linken]
       und manche [8][Grüne] eher nicht, erstens wegen kulturellen Fremdelns,
       zweitens, weil Teile seiner mehrheitsorientierten Politik gegen ihre
       Haltungsvorschriften verstießen.
       
       „Der könnte auch bei der CDU sein“, sagten viele. Die linken Grünen
       höhnend, die von der CDU sich damit selbst tröstend.
       
       Beide haben nicht verstanden, was den Kern von Kretschmann ausmacht: dass
       er für konservative, also bewahrende Politik auf der Höhe der Zeit steht –
       und damit eben nicht bei der CDU sein könnte, weil die das Wort zwar
       beansprucht, es aber nicht politisch in die Gegenwart übersetzt bekommt und
       deshalb durch Kulturkampfimitationen (fetischhaftes Wurstgefresse und so
       weiter) ablenkt oder gar rechtspopulistischem Scheißdreck hinterherredet.
       
       ## Die „neue Idee des Konservativen“
       
       Kretschmann verstand lange vor den meisten anderen oder zumindest mir, dass
       hinter dem sogenannten „[9][Rechtsruck]“ konservative Bedürfnisse der
       meisten Leute stehen.
       
       Das sind Bedürfnisse nach Sicherheit, Halt, Geborgenheit, Wertschätzung,
       dem Gefühl, in diesem Land und an ihrem Wohnort zu Hause zu sein. Die
       Erfüllung dieser Bedürfnisse ist, [10][Harald Welzer hat das in der letzten
       taz FUTURZWEI beschrieben], die Voraussetzung, um aufbrechen zu können,
       loszulegen, sich als Teil eines Ganzen zu fühlen und dafür zu engagieren.
       
       Die „neue Idee des Konservativen“, die Kretschmann in seinem Grundsatzbuch
       Worauf wir uns verlassen wollen entwickelt, ist genau das, die Verknüpfung
       von Bewahren und Verändern.
       
       Neuer Konservatismus, nicht als [11][Ideologie], sondern als pragmatisches
       und mehrheitsfähiges Gestaltungsprinzip, ist eine Antwort auf die Frage der
       Zeit, nämlich wie man den populistischen Zerstörungsversuchen erfolgreich
       begegnen kann.
       
       Nicht, indem man den [12][Konservatismus] als Teil des „Rechtsrucks“
       delegitimiert, sondern indem man ihn dagegen verteidigt und einsetzt für
       die reparative Bewahrung dessen, was wir hier lieben und was uns wichtig
       ist: die offene, heterogene, emanzipatorisch vorangeschrittene Gesellschaft
       auf der Grundlage des Grundgesetzes und der bundesdeutschen und
       europäischen Institutionen.
       
       ## Eine Methode für Özdemir
       
       Bewahren durch Reparieren, das fängt bei einer emissionsfreien und
       weltmarktfähigen Wirtschaft und einer verteidigungsfähigen Bundeswehr an
       und hört bei der Deutschen Bahn noch längst nicht auf. Ja, aber, muss man
       nun fragen, was wird denn aus dem „Progressiven“?
       
       Ganz einfach: Das Progressive muss mehrheitsfähigsein oder werden, so wie
       halt seit [13][1968] gesellschaftspolitischer Fortschritt vorankam bis hin
       zur „Ehe für alle“. Auch die Wärmepumpe und das E-Auto werden bald „normal“
       sein, also konservativ.
       
       Das Problem ist, dass das halt alles sehr lange dauert. Aber, wie Winfried
       Kretschmann zu sagen pflegt: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man
       daran zieht.“ Wer etwas erreichen will, braucht eine funktionierende
       Methode.
       
       Wer den [14][Rechtspopulismus] kleinkriegen will, sollte die Methode
       anwenden, die Winfried Kretschmann im Amt entwickelt hat.
       
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       10 Mar 2026
       
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