# taz.de -- Atalanta Bergamo empfängt FC Bayern: Widerständig im Raubtierkapitalismus
> Mit der Rückkehr zum hohen Pressing sorgt Atalanta Bergamo wieder für
> Furore in Europa. Mit dem FC Bayern kommt ein Gegner, der auch das Risiko
> liebt.
(IMG) Bild: Hat großen Einfluss auf sein Team: Trainer Raffaele Palladino weist Atalanta Bergamo den richtigen Weg
Bergamo ist noch im Post-Dortmund-Rausch. Die Endorphinausschüttungen des
4:1-Erfolgs gegen die Borussia in den Playoffs der Champions League wirken
nach. „Das beste Spiel, das ich jemals gecoacht habe“, erklärte Trainer
Raffaele Palladino. Knapp 150 Spiele für drei Serie-A-Klubs hatte er bis
dahin immerhin geleitet. Klubchef Luca Percassi hob das Spiel als
historisch hervor. „Es rangiert nur knapp unterhalb des Sieges von Dublin“,
verwies er auf den bisher [1][größten Erfolg der Atalanta beim Gewinn der
Europa League gegen Bayer Leverkusen] vor zwei Jahren.
Am Dienstag (21 Uhr) kommt wieder ein Bundesligist. Und die Bayern sollten
gewarnt sein. Zwar klafft eine riesige Lücke zwischen den Meriten der
beiden Klubs. Der Rekordsieger der Bundesliga (34 Meistertitel) trifft auf
einen Klub, der in Italien noch niemals Meister war, lediglich fünfmal die
2. Liga gewann und einmal Pokalsieger wurde. Auch finanziell ist der
Abstand gewaltig. 248 Millionen Euro an Spielergehältern der Bayern stehen
laut der Plattform Capology.com den knapp 63 Millionen Euro des
Spielerkaders aus Bergamo gegenüber.
Pikant ist allerdings, dass in der Arena von Bergamo die Bayern auf einen
Gegner treffen, der schon vor knapp einer Dekade einige der Elemente in den
europäischen Fußball eingeführt hat, für die Bayern-Coach Vincent Kompany
in Deutschland als Innovator gefeiert wird: das extrem hohe Pressing und
die daraus folgenden riskanten 1:1-Duelle der Abwehrspieler. Die Nachmacher
treffen also auf die Innovatoren.
Gut, der Begründer dieser Erneuerungen, [2][Gian Piero Gasperini,] ging im
Sommer als Trainer nach Rom. Aber Nach-Nachfolger Palladino – er folgte auf
das desaströse Intermezzo von Ivan Jurić mit nur zwei Siegen aus den ersten
zwölf Partien der Saison – hat die alten Stärken wiedererweckt. Dem
historischen 4:1 gegen die Borussia gingen unter anderem Siege gegen den
Chelsea FC und Eintracht Frankfurt voraus. Palladino habe auf die richtigen
Knöpfe gedrückt. „So haben wir uns wiedergefunden“, lobte Mittelstürmer
Gianluca Scamacca die psychologischen Qualitäten des Neuen auf der Bank.
Unter Palladino wird wie einst unter Gasperini hoch gepresst. Das
aggressive Flügelspiel hat er beibehalten. Als neue Elemente führte er den
Spielaufbau von hinten, gern unter Einbeziehung von Torwarttalent Marco
Carnesecchi, ein. Und das bisweilen hektische Offenspiel unter Gasperini
ist jetzt technisch verfeinert. Die Pässe sollen zuerst sauber, aber immer
noch schnell gespielt werden. Das Fußball-Magazin Rivista Undici hat
Palladino wegen der Kombination aus Dynamik und Präzision schon mal das
Prädikat „italienischer Guardiola“ verliehen. Am Samstag wurde er als
„Trainer des Monats Februar“ in Italien ausgezeichnet.
[3][Die besondere Qualität der Atalanta liegt aber in der
Widerstandskraft.] Immer wieder gelingt es, in der Schlussviertelstunde
Partien umzubiegen. Sei es das 4:1 gegen Dortmund, das in der Nachspielzeit
der regulären Spielzeit fiel und damit die Verlängerung obsolet machte.
Oder das 2:2 im Hinspiel des Pokalhalbfinals gegen Lazio Rom vergangenen
Mittwoch, das Mittelfeldakteur Yunus Musah mit einem Distanzschuss in der
89. Minute erzielte. „Wir geben niemals auf. Unser Geist ist es, bis zur
letzten Sekunde zu kämpfen. Wir haben auch hier unseren Charakter, unsere
Persönlichkeit gezeigt“, konstatierte Palladino.
Den nächsten Charakterbeweis lieferte am Samstag Mittelstürmer Scamacca mit
einem Doppelpack zwischen der 75. und 79. Minute ab, der den 0:2-Rückstand
gegen Udinese noch in ein Remis verwandelte.
Scamacca ist der jüngste in einer langen Reihe von Mittelstürmern, die bei
Atalanta fitgemacht wurden für größere Aufgaben. Ob Italiens
Nationalstürmer Marco Retegui, letzten Sommer für knapp 70 Millionen nach
Saudi-Arabien gewechselt, Europa-League-Matchwinner Ademola Lookman, in der
aktuellen Winterpause für 35 Millionen Euro an Atlético Madrid
transferiert, oder Rasmus Højlund, vor drei Jahren für knapp 78 Millionen
Euro von Manchester United erworben (und jetzt an den SSC Neapel verliehen)
– all diese Spieler wurden in der Offensivschule der Atalanta veredelt und
gewinnbringend verkauft. Die Neuen füllten dann die großen Fußstapfen ihrer
Vorgänger gut aus. Vor allem Letzteres ist die hohe Kunst für
Ausbildungsklubs im Raubtierkapitalismus Profifußball.
Künftig will Atalanta allerdings mehr. Mit dem US-amerikanischen Finanzier
Stephen Pagliuca, Ex-Mitbesitzer des NBA-Klubs Boston Celtics, kommt
frisches Geld nach Norditalien. Spiele wie jetzt gegen den FC Bayern sollen
vom Höhepunkt zum Alltagsgeschäft werden.
10 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Tom Mustroph
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