# taz.de -- Grüner Wahlsieg in Baden-Württemberg: Denkanstoß aus dem Südwesten
       
       > Fünfeinhalb Monate vor der Berlin-Wahl zeigt Cem Özdemir, dass eine Wahl
       > in der Mitte zu gewinnen ist. In Berlin aber steht seine Partei viel
       > weiter links.
       
 (IMG) Bild: Der Erfolg der bürgerlich ausgerichteten Südwest-Grünen müsste den deutlich linker orientierten Berliner Grünen zu denken geben
       
       Für das Berliner Wahlprogramm kommt es zu spät – [1][das ist seit drei
       Wochen beschlossen]. Aber ein gewisses Umdenken könnte sich vielleicht doch
       ergeben nach dem Wahlerfolg der Grünen in Baden-Württemberg. Denn der
       mutmaßlich neue Ministerpräsident Cem Özdemir hat quasi mit einem
       Gegenentwurf dazu über 30 Prozent geholt, während die Berliner Grünen in
       Umfragen seit über einem Jahr gerade mal auf die Hälfte davon kommen.
       
       Der hiesige Landesverband fährt seit Jahren einen deutlich linkeren Kurs
       als die Grünen im Südwesten der Republik – ohne damit letztlich erfolgreich
       zu sein. Selbst nach teilweise hohem Zuspruch [2][in vorangehenden
       Wahlumfragen] blieb nach dem Wahltag jeweils maximal ein Platz als
       Juniorpartner der SPD.
       
       Nun ist Berlin strukturell deutlich anders als Baden-Württemberg, kein
       Flächenland und angeblich eine durch und durch linke Stadt. Und doch ist
       die nicht nur aktuell CDU-geführt, sondern wurde auch bis ins aktuelle
       Jahrtausend hinein fast 20 Jahre durchweg von einem Christdemokraten aus
       dem Roten Rathaus regiert. Was bedeutet: Nicht nur im bis 2011 über ein
       halbes Jahrhundert CDU-dominierten Baden-Württemberg, auch in Berlin gibt
       es eine bürgerliche Mitte, in der für Grüne etwas abzugreifen wäre.
       
       17,6 Prozent holten die Grünen bei der Abgeordnetenhauswahl 2011, als sie
       mit der realpolitisch orientierten Renate Künast und dem Slogan „Eine Stadt
       für alle“ antraten. In Umfragen waren es noch deutlich mehr gewesen –
       Künast konnte sich Hoffnungen machen, einige Monate nach Özdemir-Vorgänger
       Winfried Kretschmann als zweites Grünen-Mitglied an die Spitze eines
       Bundeslands zu treten. Aber selbst diese am Ende nicht ausreichenden 17,6
       Prozent vom Wahlabend sind mehr, als die Berliner Grünen seit Ende 2024 in
       Umfragen bekommen.
       
       ## Kaum Zugewinn seit 2011
       
       Während die Grünen in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten in mehreren
       Bundesländern deutlich gewachsen sind, im größten Bundesland
       Nordrhein-Westfalen sogar um rund 50 Prozent, hat ihr Berliner
       Landesverband bei der jüngsten Abgeordnetenhauswahl 2023 gegenüber
       Künast-Zeiten gerade mal um 0,8 Prozentpunkte zugelegt.
       
       Realos im Landesverband, [3][vor allem die Gruppe Gr@m] – „Grüne Realos in
       Mitte“ – weisen seit Jahren darauf hin, ohne gehört zu werden. Fünf Monate
       vor der nächsten Abgeordnetenhauswahl konkurrieren die Grünen mit SPD und
       Linkspartei um die gleiche linke Wählerschaft – und überlassen die
       bürgerliche Mitte weitgehend der CDU.
       
       Die jüngste Wahlumfrage hat das besonders deutlich gemacht: Denn trotz
       extrem viel und harter Kritik am Gesicht der Partei, Regierungschef Kai
       Wegner, [4][verlor die CDU keinen einzigen Prozentpunkt] gegenüber
       vorangehenden Umfragen. Das überraschte und warf die Frage auf: Warum?
       
       Eine Antwort könnte lauten: Weil die Grünen für bürgerliche Wähler,
       durchaus auch ökologisch orientierte, mit ihrem Zusammenwirken mit der
       Linkspartei im Abgeordnetenhaus und mit ihrem Kurs Richtung Enteignung
       keine Alternative darstellen.
       
       ## Konkurrieren um die gleiche linke Wählerschaft
       
       Nun kann sich eine Partei damit zufriedengeben, dass es am Ende zu einer
       Juniorpartnerschaft reicht. Und weil SPD, Grüne und Linkspartei auf äußerst
       niedrigem Niveau – aktuell zwischen 15 und 16 Prozent – äußerst eng
       zusammen liegen, gibt es eine Drittelchance, am Wahltag, dem 20. September,
       vorne zu liegen. Doch wären die Grünen für eine Regierungsbildung auf eine
       Linkspartei angewiesen, bei der in Teilen immer wieder Antisemitismus oder
       Israelhass wahrzunehmen ist.
       
       Nun sagen viele, Özdemir habe trotz seiner Partei gewonnen, von der er sich
       maximal distanziert habe. Von seiner Bundesparteichefin Franziska Brantner
       bekam er am Wahlabend allerdings TV-öffentlich attestiert: „Cem Özdemir ist
       ein Grüner, das weiß jeder in Baden-Württemberg.“
       
       Das Wahlprogramm der Berliner Grünen steht. Unabhängig davon aber liegt es
       in der Hand von Parteiführung und Spitzenkandidaten, weitere Signale
       auszusenden. Die können und dürfen dieses Programm nicht konterkarieren,
       wenn die Partei nicht unglaubwürdig werden soll. Aber Signale in die
       bürgerliche Mitte wären durchaus möglich. Eins davon könnte sich die Partei
       bei Özdemir abgucken. Der sagte in einer Spitzenkandidatenrunde im ZDF über
       die baden-württembergischen Grünen: „Wir sind in der Mitte der
       Gesellschaft.“
       
       8 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Landesparteitag-der-Berliner-Gruenen/!6154716
 (DIR) [2] https://www.wahlrecht.de/umfragen/landtage/berlin.htm
 (DIR) [3] /Parteitag-der-Berliner-Gruenen/!6008425
 (DIR) [4] /Neue-Umfrage-zur-Abgeordnetenhauswahl/!6157972
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Stefan Alberti
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Grüne Berlin
 (DIR) Cem Özdemir
       
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