# taz.de -- Historiker über Zwangssterilisation: „Vorurteile können tödliche Folgen haben“
> 1943 wurde am Erbgesundheitsgericht in Bremen über eine
> Zwangssterilisation geurteilt. Drei Männer entschieden über ein
> 16-jähriges Mädchen.
(IMG) Bild: Im Nationalsozialismus erst zwangssterilisiert und dann ermordet: Mariechen Franz
taz: Herr Hesse, warum wurde Mariechen Franz sterilisiert?
Hans Hesse: Das Erbgesundheitsgericht in Bremen verurteilte Mariechen Franz
am 6. August 1943 zur Zwangssterilisation nach dem [1][Gesetz zur Verhütung
erbkranken Nachwuchses].
taz: Wie kam es zu diesem Urteil?
Hesse: Es gab einen Antrag auf Sterilisation und Gutachter, die dann
entschieden haben, dass das Mädchen so schwer erbkrank sei, dass es
sterilisiert werden muss. Heute sprechen wir von einer Zwangssterilisation.
taz: Inwiefern war Mariechen erbkrank, laut diesen Gutachtern?
Hesse: Die Gutachter und letztendlich auch das Gericht kamen zu dem
Schluss, dass Mariechen „schwachsinnig“ sei.
taz: Was sind das für Gutachten, die eine sogenannte „Schwachsinnigkeit“
belegen sollen?
Hesse: Mariechen musste einfache Fragen beantworten, Rechenaufgaben lösen
und die Wochentage und Monate aufzählen, was sie auch konnte. Eigentlich
hätte man zu dem Schluss kommen müssen, dass sie nicht schwachsinnig ist.
Aber sie war schwerhörig. Aus diesem Grund hatte sie Schwierigkeiten, in
der Schule mitzukommen, und einen leichten Sprachfehler. Die Gutachter
erkannten die Schwerhörigkeit aber nicht als Grund für eventuelle
Wissenslücken an.
taz: Was war der Auslöser ihrer Verfolgung?
Hesse: Mariechen arbeitete in einem Kindergarten der
Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt. Eine Diakonisse, die Leiterin des
Kindergartens, erwischte sie im Alter von 16 Jahren mit einem erheblich
älteren Flaksoldaten auf ihrem Zimmer. Sie stellte es so dar, als ob
Mariechen den Mann verführt hätte. Niemand hinterfragte, ob es sich dabei
nicht um einen sexuellen Übergriff gehandelt haben könnte. Die Leiterin,
die dazu angehalten war, Kandidaten für eine Zwangssterilisation nach dem
Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses zu melden, tat dies, da sie
Mariechen nach diesem Vorfall eine „sexuelle Hyperaktivität“ zuwies.
Darüber hinaus gab sie an, dass Mariechen „schwachsinnig“ und eine Sintezza
oder Romni war, ganz genau ist das nicht bekannt.
taz: Liegt die Zuschreibung der „sexuellen Hyperaktivität“ dem Frauenbild
des NS zugrunde?
Hesse: Ja, aber sie hängt vor allem damit zusammen, dass Mariechen eine
Sintezza oder Romni war. Diesen Frauen sagte man eine besondere sexuelle
Umtriebigkeit nach. Zudem war der Geschlechtsverkehr zwischen „Ariern“ und
Sintizze und Romnja oder Juden verboten. Es drohte „Rassenschande“.
taz: Was ist passiert, nachdem die Leiterin sie gemeldet hatte?
Hesse: Sie kam in die Bremer Nervenklinik, wo sie sich normal fügte und
jede aufgetragene Arbeit normal ausführte. Dennoch kam der behandelnde
Arzt, Dr. Gildemeister, zu dem Schluss, dass sie angeboren „schwachsinnig“
sei. Man wollte, dass sie zwangssterilisiert wird, weil sie eine Sintezza
oder Romni war.
taz: Wieso gelangte Mariechen nicht 1943 mit den Massendeportationen der
Sinti und Roma nach Auschwitz?
Hesse: Die Transporte waren voll. Aus diesem Grund wurde sie auch
zwangssterilisiert. Nach Auschwitz gelangte sie über Umwege. Schließlich
wurde sie im Alter von 17 Jahren im KZ Ravensbrück ermordet.
taz: Wurden die Verantwortlichen später für die Zwangssterilisation
belangt?
Hesse: Nein. Weder der Kriminalsekretär Wilhelm Mündtrath, der für die
Transporte verantwortlich war, der Präsident des Erbgesundheitsgerichts,
seine Beisitzer, noch Dr. Rogal vom Hauptgesundheitsamt oder die
behandelnden Ärzte wurden je belangt. Eine besondere Schuld trägt aber auch
das Jugendamt, in dessen „Obhut“ sich Mariechen befand. Dieses Amt schickte
keinen Vertreter zu Gericht und ließ sie während der Verhandlung völlig
allein.
taz: Gibt es etwas, das wir heute aus Mariechens Geschichte lernen können?
Hesse: Vorurteile, die dazu führen, dass wir Menschen in Schubladen
stecken, können tödliche Folgen haben. Die Sinti hielten sich zu Beginn des
Nationalsozialismus bereits 600 Jahre lang in Deutschland auf. Wenn die
falsche Partei an die Macht kommt, kann es wieder passieren, dass Menschen,
die seit Generationen hier leben, verfolgt und ausgegrenzt werden. Das darf
nicht geschehen.
3 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Erfolgreiche-Doku-ueber-NS-Aerzte/!5985894
## AUTOREN
(DIR) Mara Schaaf
## TAGS
(DIR) Verband Deutscher Sinti und Roma
(DIR) Streaming
(DIR) Denkmal der im Nationalsozialismus ermordeten Roma und Sinti
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Porajmos-Gedenktag in Bremerhaven: „Auch Sinti und Roma wurden erfasst, entrechtet und verfolgt“
Die Aufarbeitung der NS-Verfolgung der Sinti und Roma begann 35 Jahre nach
Kriegsende. Am 16.12. wird in Bremerhaven der Gedenktag begangen.
(DIR) Erfolgreiche Doku über NS-Ärzte: Eugenik als Youtube-Hit
Der Saarländische Rundfunk hat eine Doku über Verbrechen von NS-Ärzten
herausgebracht. Sie wird ein unerwarteter Erfolg auf Youtube.
(DIR) Historiker über Deportationen im Norden: „Letzter Schritt der Vernichtung“
Historiker Hans Hesse spricht über die Verfolgung von Sinti:zze und
Rom:nja in Nordwestdeutschland. In Bremen stellt er sein neues Gedenkbuch
vor.