# taz.de -- Buchanmerkungen von Harald Welzer: Die Bedrohung begreifen
       
       > Der taz-FUTURZWEI-Herausgeber stellt Klassiker vor, die zum Verständnis
       > beitragen, in welch gefährlicher Lage sich Demokratie und Rechtsstaat
       > befinden.
       
 (IMG) Bild: Gedenken an queere NS-Opfer: Skulptur „Tragende“ von Will Lammert in der Gedenkstätte Ravensbrück
       
       [1][taz FUTURZWEI] | Anmerkung der Redaktion: Welzer liest gerade keine
       aktuellen Bücher, sondern pflegt aus psychohygienischen Gründen Weltflucht
       mit [2][Thomas Mann]. Aber aus diesem Mangel an aktueller Literaturkritik
       macht er eine Tugend, indem er auf Titel hinweist, die zwar schon älter
       sind, aber zum Verständnis dessen beitragen, in welch eminent
       [3][gefährlicher Lage sich Demokratie] und Rechtsstaat auch in Europa und
       Deutschland befinden.
       
       ## ERVING GOFFMAN: Stigma
       
       Stigma ist eine Untersuchung darüber, wie Gesellschaften Kategorien
       schaffen, die ihre Mitglieder erfüllen zu müssen glauben. Wenn sie das nach
       den herrschenden kulturellen Standards nicht können, weil sie die falsche
       Hautfarbe, die falsche sexuelle Orientierung, eine körperliche oder eine
       psychische Besonderheit haben, sind sie stigmatisiert – gezeichnet als
       Menschen, die gegenüber den Unversehrten einen Makel haben.
       
       Dieser Makel kann jederzeit gegen sie verwendet werden, und die damit
       verbundene Beschädigung ihrer Identität kann schon deshalb nur schwer
       bewältigt werden, weil die Betroffenen selbst auf paradoxe Weise die Sicht
       derer teilen, die sie diskriminieren: „die aus der Gesellschaft im Großen
       einverleibten Standards (rüsten sie) mit der intimen Gewissheit dessen aus,
       was andere als ihre Fehler sehen.“ Daraus resultiert Scham. Und daraus
       wiederum die Chance der Beschämung, die den Nicht-Stigmatisierten Macht
       über die verleiht, die ein Stigma tragen. Stigmatisierung ist, mit anderen
       Worten, ein Herrschaftsmittel.
       
       Wir hatten gedacht, es mit der offenen Gesellschaft entschärft zu haben.
       Das war ein Irrtum.
       
       ## ERICH FROMM: Die Furcht vor der Freiheit
       
       Eine interessante Frage: Wie erkennt man, wann eine gesellschaftliche
       Entwicklung so abschüssig wird, dass man als potenzielles Opfer besser das
       Land verlässt? Für das Frankfurter Institut für Sozialforschung,
       marxistisch ausgerichtet und an einer kritischen Theorie der Gesellschaft
       orientiert, kam dieser Moment der Erkenntnis in den frühen 1930er-Jahren,
       als Erich Fromm eine Studie zum politischen Bewusstsein von Arbeitern und
       Angestellten auswertete und mit Schrecken feststellte, dass faschistisches
       Denken und Handeln auch bei jenen anschlussfähig war, die sich selbst für
       „links“ hielten.
       
       Die Studie von Erich Fromm, erst ein halbes Jahrhundert später unter dem
       Titel Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches publiziert,
       ist wohl die einzige Studie der Wissenschaftsgeschichte, deren Ergebnisse
       ihren Urhebern unmittelbar nützlich war: Umgehend transferierte man das
       Institutsvermögen in die [4][USA], wohin die Mitarbeiter, unter ihnen
       [5][Max Horkheimer], [6][Theodor W. Adorno] und eben Erich Fromm,
       emigrierten. Rechtzeitig.
       
       Der Befund, wie schnell die Mitglieder einer modernen, freien Gesellschaft
       ihre Einstellungen und Überzeugungen wechseln können und wie sie den Weg in
       ihre eigene Unfreiheit begrüßen und aktiv beschreiten, hat etwas zutiefst
       Beunruhigendes. Das war, was mir beim Lesen von Erich Fromms Angst vor der
       Freiheit, im Original 1941 erschienen, den Groschen fallen ließ, als ich es
       im Studium las: Freiheit ist nicht etwas, was Menschen automatisch als
       positiv empfinden, denn sie bedeutet ja immer: selbst wahrnehmen,
       nachdenken, entscheiden, Verantwortung übernehmen.
       
       Unfreiheit dagegen bedeutet: Andere deuten und entscheiden für mich, und
       damit ist man eben die Belastung der Verantwortung los. Deshalb fällt die
       Zustimmung zur Unfreiheit und die Revision der eigenen Überzeugungen und
       Haltungen regelmäßig so freudig und radikal aus. Entlastet von der Freiheit
       hat man es leichter mit sich und seiner Dummheit und darf unbestraft
       unmenschlich sein.
       
       ## NORBERT ELIAS UND JOHN SCOTSON: Etablierte und Außenseiter
       
       Am Beispiel einer britischen Industriegemeinde, die insbesondere durch den
       Zuzug von Londoner Ausgebombten im [7][Zweiten Weltkrieg] neue
       Bewohnerinnen und Bewohner bekommt, untersuchen Elias und Scotson die
       alltäglichen Abgrenzungen und Diskriminierungen, mit denen die
       Alteingesessenen die Neuen ab- und ihre Eigengruppe aufwerten.
       
       Die Mechanismen kommen einem bekannt vor, weil sie heute noch dieselben
       sind wie vor mehr als einem halben Jahrhundert: Für die etablierte Gruppe
       gelten ihre herausragenden Mitglieder als repräsentativ, für die
       Außenseitergruppe die „schlechtesten“, also etwa kriminelle Mitglieder.
       Objektive Lebensumstände der Außenseiter werden nicht in Rechnung gestellt,
       ihr Verhalten wird essenziell auf die negativen Eigenschaften ihrer Gruppe
       zurückgeführt. Und das bestätigt zirkulär die Zuschreibung jener negativen
       Merkmale, die die Etablierten der Gruppe der Außenseiter pauschal geben.
       
       Eine gewinnbringende Lektüre auch für [8][Lars Klingbeil] und die anderen
       sozialdemokratischen Beschämer von Bürgergeld-, Entschuldigung,
       Grundsicherungsempfängern.
       
       🐾 Lesen Sie weiter: Dieser Text erschien zuerst in der Ausgabe N°35 unseres
       Magazins taz FUTURZWEI mit dem Titelthema „Das Wohnzimmer der Gesellschaft“
       – [9][erhältlich im taz Shop].
       
       25 Feb 2026
       
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