# taz.de -- Sabine am Orde über Kanzler Merz und die CDU: Zurück in alten Rollen
       
       Die CDU hat Friedrich Merz mit 91,2 Prozent als Vorsitzenden bestätigt. Das
       ist nicht nur im Vergleich zu dem, was Markus Söder und Lars Klingbeil
       zuletzt in ihren Parteien erreichten, ein wirklich gutes Ergebnis. Es ist
       sogar noch etwas besser als seine Wiederwahl vor zwei Jahren, als Merz noch
       nicht Bundeskanzler, sondern Oppositionsführer war. Ein ehrliches Ergebnis
       allerdings ist es nicht. Die Unzufriedenheit in der Partei mit Merz ist
       ungebrochen – und möglicherweise ist die Entfremdung zwischen dem Kanzler
       und seiner Partei in Stuttgart sogar noch etwas größer geworden.
       
       Doch bei dem Parteitag stand vor allem eine Mission im Vordergrund: Streit
       vermeiden und dem Kanzler den Rücken stärken. Ein schlechtes Ergebnis hätte
       die Erfolgsaussichten des CDU-Spitzenkandidaten in Baden-Württemberg Manuel
       Hagel geschwächt, den Grünen bei der Landtagswahl in zwei Wochen die
       Stuttgarter Staatskanzlei wieder abzunehmen. Darauf aber setzt die CDU ganz
       besondere Hoffnungen.
       
       Mit diesem Sieg soll neue und dringend nötige Energie entstehen, die die
       CDU in das schwierige Jahr mit fünf Landtagswahlen trägt, darunter im
       September in Sachsen-Anhalt, wo die AfD laut Umfragen weit vorne liegt. Ein
       schlechtes Ergebnis hätte zudem Merz’ Agieren als Kanzler erschwert. Und
       das in geopolitisch herausfordernden Zeiten und vor wichtigen Verhandlungen
       über Sozialreformen mit der SPD.
       
       Flügelübergreifend haben der Generalsekretär und zahlreiche
       Ministerpräsidenten die Delegierten aufgefordert, bei Merz’ Wiederwahl für
       ein gutes Ergebnis zu sorgen. Dass sie dies für nötig hielten, zeigt, wie
       nervös und verunsichert die Partei ist. Dort sind viele von Merz
       enttäuscht, der im Bundestagswahlkampf lautstark „CDU pur“ versprochen
       hatte und jetzt Kompromisse mit der SPD suchen muss. Besonders seine
       180-Grad-Wende in der Schuldenpolitik haben ihm viele Christdemokraten
       nicht verziehen.
       
       Daran hat auch Merz’ Rede auf dem Parteitag nicht viel geändert. Manche
       hatten auf eine Ruck-Rede gehofft, doch die gab es nicht. Merz, dessen
       Sache Emotionen und Empathie ohnehin nicht sind, hat die Delegierten nicht
       gepackt, auch wenn es danach die wohl für notwendig erachteten
       minutenlangen Standing Ovations gab. Seine Rede, eher Regierungserklärung
       als Parteitagsrede, war lang und bedacht, um niemanden im Saal vor den Kopf
       zu stoßen.
       
       Vor allem die [1][Junge Union] hat im Laufe des Parteitags immer wieder
       deutlich gemacht, dass das aus ihrer Sicht nicht ausreichend ist. Aus dem
       Wirtschaftsflügel war Ähnliches zu vernehmen. Eindeutig war Merz vor allem
       in seiner erneuten Abgrenzung zur AfD, an anderen Stellen blieb er
       inhaltlich auffallend blass: Wie will er mit den Sozialdemokraten das
       Sozialsystem reformieren? Kein konkretes Wort über Gesundheits-, Pflege-
       oder Rentenreform. Das ist angesichts der Herausforderungen zu wenig.
       
       Und wenn der Westen wirklich zusammenbricht, soll Europa die Rettung sein.
       Aber wie er sich Deutschlands Rolle und die Zusammenarbeit mit den anderen
       europäischen Ländern konkret vorstellt, ließ Merz offen. Dabei schauen die
       anderen schon skeptisch auf den neuen Führungsanspruch Deutschlands, auch
       wenn sie Merz paradoxerweise gleichzeitig diese Rolle zuschreiben.
       
       Dass der Kanzler, wie auch Fraktionschef Spahn und CSU-Chef Söder,
       beständig das Lied von Brüssel als Hort der Bürokratie singt, was
       hierzulande eher Ressentiments gegen die EU verstärkt als das Vertrauen
       vergrößert, passt ebenfalls nicht. Und dann liegt er noch mit EVP-Chef
       Manfred Weber in Sachen EU-Strukturreformen über Kreuz. Europa, dazu
       scheint es im Kanzleramt bislang kein Konzept zu geben. Es ist bislang vor
       allem voll gepumpt mit Projektionen. Von einem Kanzler, der richtigerweise
       so stark auf die Außenpolitik setzt, darf man da schon etwas mehr erwarten.
       
       Mit seiner Rede hat Merz nichtsdestotrotz nun auch innerhalb der Partei den
       Rollenwechsel vollzogen: vom Oppositionspolitiker zum Kanzler – und zurück
       Richtung Mitte. Will er in diesen Zeiten erfolgreich sein, bleibt ihm auch
       nichts anderes übrig. Und die Partei? Die scheint trotz manchen Unmuts
       zunächst bereit, diesen Weg mitzugehen. Damit wäre die CDU, nach einer
       kurzen, selbstbewussten Phase in der Opposition, wieder in ihrer alten
       Rolle angekommen: Wenn es um die Macht geht, hält man die Füße still. 
       
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       23 Feb 2026
       
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