# taz.de -- Die Wahrheit: Geteilte Zeit ist doppelte Zeit
       
       > Die Wahrheit auf Ortsbesuch im wuseligen Teilzeit an der Teilsa.
       
 (IMG) Bild: In Teilzeit wird unermüdlich gearbeitet
       
       Wer hätte das gedacht? Und es stimmt: Gitta Connemann, die Vorsitzende der
       Mittelstands- und Wirtschaftsunion der CDU sowie jüngst Prägerin des
       Begriffs „Lifestyle-Teilzeit“, lebt nicht mehr in ihrer Heimat, dem
       Landkreis Leer in Ostfriesland! Als Steigbügelbesen und parlamentarische
       Bundeswirtschafts-staatssekretärin der Ministerschönheit Katherina Reiche,
       residiert die 61-Jährige wohl längst woanders. Nämlich in Teilzeit an der
       Teilsa im bergigen Hunsrück. Grund genug für die Wahrheit vorbeizusehen. 
       
       „Die Gitta?“, der ältere Herr mit Mütze und knallrotem Klapprad kratzt sich
       am Kopf. „Nä, die Gitta, also die Gitta aus Ostfriesland, die hab ich hier
       schon lang nicht mehr erblickt“, sagt Jost-Jochen Kreuschelmann.
       „Vielleicht muss sie ja schuddeln, jetzt ist ja gerade CDU-Bundesparteitag,
       da drüben in Stuttgart, also, da wird die Gitta im Ländle sein.“ Wir danken
       für die Auskunft, und jetzt, da wir schon in Teilzeit sind, schauen wir uns
       den rheinland-pfälzischen 6.367-Seelen-Ort auch an, ob mit oder ohne Gitta
       Connemann von der CDU.
       
       Auffällig in Teilzeit ist, dass ohne Unterlass gearbeitet wird. Hier wird
       eine Straße von einem einzigen alten Mann allein auf weiter Flur per trendy
       Bagger aufgerissen, dort führt eine junge Mutter mit schreiendem Balg im
       Buggy noch eben eine stylische Straßenumfrage für Tiktok Mittelstand durch.
       Währenddessen wechselt sie ihrem Kind die virtuellen Windeln. Nur ein paar
       Schritte erst sind wir in Teilzeit unterwegs und schon schwinden uns fast
       die Sinne vor raumgreifender Geschäftigkeit. Doch wir gehen weiter,
       schließlich haben wir einen wahren Rechercheauftrag. Und der lautet: Die
       ganze Wahrheit über Teilzeit muss ans Licht …
       
       ## Jens Spahn und der AfD-Jetzt-Flügel
       
       Bevor wir allerdings darüber nachdenken können, ob es jenseits des so
       mittelständischen wie mittelmäßigen Wirtschaftsflügels der CDU, eigentlich
       derzeit überhaupt noch andere Flügel in der Partei gibt, außer vielleicht
       Jens Spahn und den AfD-Jetzt-Flügel, stolpern wir entkräftet in die vor
       Tätigkeit brummende örtliche Gaststätte namens „Die Uhr, die Uhr!“ hinein.
       
       Sofort wird uns von einer freundlichen Minijobberin aus dem malaysischen
       Bundesstaat Sarawak ein frisches Pils gezapft und auch ordnungsgemäß wenig
       später serviert. In bestem Deutsch mit sympathischem
       Hunsrücker-Teilzeit-Akzent erklärt uns Bernila, dass ihr Name vom deutschen
       Bernhilde abstamme – und sie sehr gern Kaninchen mit Karotten esse. „Das
       ist das Lieblingsgericht der Leute, die wo hier in Teilzeit leben“, meint
       die 23-Jährige in korrektem Slang, den man hierzulande und nicht nur in
       Teilzeit mittlerweile so spricht.
       
       ## Toilettenwagen mit Sudoku-Funktion
       
       Am Nebentisch dieser äußerst betriebsamen und dennoch gemütlichen
       Restauration ist unterdessen Sieglinde Brot mit ihrem 104-jährigen so
       vergnügten wie pflegebedürftigen Schwiegervater Rolf im modernen
       Toilettenwagen mit Sudoku- und Vorlesefunktion für Print eingetroffen. „Ich
       muss gleich meine Urenkelkinder um 12.30 Uhr von der Schule abholen, können
       Sie dann vielleicht mal kurz auf Rolf aufpassen?“ Sieglinde Brot stürzt
       eine Apfelschorle mit Pfannkuchenstreifensuppe hinunter und ist auch schon
       wieder zur Tür hinaus. Wir nicken noch, als Rolf Brot uns feste auf die
       Schulter haut.
       
       „Jetzt wollen Sie doch sicher wissen, warum die Kneipe hier ‚Die Uhr, die
       Uhr!‘ heißt?“, krächzt der sympathische Greis. Wir nicken, Rolf Brot macht
       es spannend. Er drückt in seinem Toilettenwagen auf die Vorlesefunktion
       Print und schon kommt die Erklärung: „Helge Schneiders kongenialer Song
       ‚Die Uhr‘ ist der Namensgeber für die einzige noch existierende Gaststätte
       in Teilzeit an der Teilsa im Hunsrück.“ Der Alte kichert: „Richtig,
       richtig, popichtig!“ Wir lachen ebenfalls herzhaft. Dann stoßen wir
       zusammen nicht auf die abwesende mittelmäßige Gitta Connemann von der CDU
       an, die übrigens 2009 beim Wissenschaftlichen Dienst des Bundestags ein
       Gutachten bestellte, ob außerirdisches Leben existiert, sondern wir stoßen
       an auf: Teilzeit! In allen so schönen wie anstrengenden Facetten.
       
       20 Feb 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Harriet Wolff
       
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