# taz.de -- taz Salon über Kieler Olympia-Bewerbung: „Es braucht kein Großereignis, um Infrastruktur auszubauen“
> Im April stimmt Kiel darüber ab, ob es sich an der deutschen
> Olympia-Bewerbung beteiligt. Björn Thoroe (Linke) schaut gern Olympia,
> aber ist dagegen.
(IMG) Bild: Könnte wieder genutzt werden, müsste wohl aber auch erst saniert werden: Olympiahafen Kiel-Schilksee
taz: Herr Thoroe, in Kiel steht von Olympia 1972 eigentlich noch alles, was
man für eine erneute Austragung benötigt – warum sind Sie trotzdem gegen
eine Bewerbung?
Björn Thoroe: Die Annahme ist nicht ganz richtig: Die [1][bestehende
Infrastruktur von 1972] ist ja ziemlich in die Jahre gekommen, da wurde
lange Zeit wenig gemacht. Ob es nun um die Vaasahalle und die Bootshalle
geht oder um die Hafenanlage – viel Geld müsste in die Sanierung der
bestehenden Infrastruktur fließen. Vor allem aber kommt hinzu: Man müsste
dann in Kiel ein neues Olympisches Dorf bauen. Das kostet also weiteres
Geld und es wird weitere Flächen versiegeln, weshalb auch Umweltverbände
eine Olympia-Bewerbung kritisch sehen.
taz: Die Erinnerung an 1972 ist in Kiel heute noch sehr positiv geprägt,
etwa was den Ausbau moderner Infrastruktur angeht …
Thoroe: … also auch was man damals für modern hielt: die Autobahn …
taz: … gut, aber heute wären die Prioritäten anders, die doch [2][für einen
neuerlichen Schub für die Kieler Infrastruktur sorgen könnten.]
Thoroe: Wir müssen von dem Glauben wegkommen, dass es ein Großereignis
braucht, um die Infrastruktur auszubauen. Investitionen braucht Kiel
unbedingt, nur wenn wir das Geld für die Durchführung Olympischer Spiele
ausgeben, fehlt es uns an anderer Stelle: in Schulen, im Breitensport, im
bezahlbaren Wohnraum. Genau dorthin würde ja kein Geld fließen, falls
Olympia wieder in Kiel stattfände.
taz: Im Olympischen Dorf gäbe es nach den Spielen neuen Wohnraum.
Thoroe: Mir fehlt die Fantasie, dass es sich dann um bezahlbaren Wohnraum
handeln würde. Und auch im bestehenden Wohnraum würden ja die Mieten
nochmals deutlich steigen, weil der Aufwertungsdruck dann voll
durchschlägt.
taz: Immerhin: Vom Bund und vom Land würde Kiel sicher Unterstützung für
die Olympischen Spiele bekommen.
Thoroe: Also erstens sind das auch Steuergelder. Und zweitens: Das ist ja
noch nicht gesichert. Kein Mensch weiß bislang, wie viel am Ende an Kiel
hängen bleiben würde. Wir reden insgesamt von einem dreistelligen
Millionenbetrag, den die Spiele in Kiel kosten würden. Zum Vergleich: Das
ist die Größenordnung des Eigenanteils der Stadt Kiel am Bau der ersten
Stadtbahnlinie, und über die wird hier kontrovers diskutiert. Also wie hoch
auch immer der Kieler Anteil davon sein würde – er würde an anderer Stelle
fehlen.
taz: Wenn Kiel sich nicht bewirbt, findet es eben woanders statt. Damit
wäre doch insgesamt wenig geholfen, oder?
Thoroe: Es gibt ja immer weniger Städte, die sich vorstellen können, eine
Olympia-Bewerbung abzuschicken. Die vielen Vorgaben und Regeln des
korrupten Internationalen Olympischen Komitees (IOC) machen eine Bewerbung
immer unattraktiver; die Bevölkerung profitiert immer weniger von den
Spielen, wenn man sich etwa die hohen Eintrittspreise ansieht. Da wäre es
also nicht unbedeutend, wenn sich Kiel beim Bürgerentscheid am 19. April
gegen Olympia aussprechen würde.
taz: Aber ob es nun um Kritik am IOC geht oder um die Umweltkosten solcher
Großveranstaltungen, im Zweifel wird sich immer eine Diktatur finden, die
mit Olympia das eigene Image aufpolieren wird.
Thoroe: Das Argument, dass wir uns bewerben sollten, damit Olympia nicht in
einer reichen Diktatur stattfindet, überzeugt mich nicht. Da sollten wir
uns dann doch eher darum bemühen, eine Großveranstaltung wie Olympia, das
heute in erster Linie für finanzielle Gewinnmaximierung steht, zu ändern.
taz: Aber haben Sie die [3][letzten Olympischen Spiele vor zwei Jahren in
Paris] schon auch mit Freude verfolgt?
Thoroe: Das ist eine gemeine Frage. Ich liebe Sport, habe mir das also auch
gerne angesehen. Aber ich gehe auch gern zum THW Kiel oder zu den Holstein
Women, das reicht mir grundsätzlich.
4 Mar 2026
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