# taz.de -- Neuer Spitzel gesucht
> Nachdem ein V-Mann des Verfassungsschutzes aufgeflogen ist, versucht nun
> der Bremer Staatsschutz Informant*innen zu finden
(IMG) Bild: Manchmal verbirgt sich hinter unbekannten Anrufern Unerwünschtes: zum Beispiel ein Mitarbeiter des Bremer Verfassungsschutzes
Von Amanda Böhm
Der polizeiliche Staatsschutz hat offenbar versucht, eine Nachfolge für den
aufgeflogenen V-Mann Dîlan S. zu akquirieren. Der mittlerweile 31-Jährige
hatte über sieben Jahre die Bremer Interventionistische Linke (IL) für den
Verfassungsschutz bespitzelt und [1][war Anfang des Jahres enttarnt
worden]. Die IL ist ein loses Bündnis, das gewalttätige antifaschistische
Aktionen nicht verurteilt – aber weder propagiert noch durchführt.
Dîlan S. soll unter Angst- und Panikstörungen gelitten haben, romantische
sowie sexuelle Beziehungen mit Personen, die er bespitzelt hat, geführt
haben und zumindest zeitweise von dem Geld des Verfassungsschutzes seinen
Lebensunterhalt bestritten haben – alles Dinge, die den rechtlichen
Voraussetzungen dafür widersprechen, als V-Person eingesetzt zu werden.
Seine Enttarnung [2][hat auch deswegen eine ernsthafte Krise in Bremen
ausgelöst].
„Immer wieder halten sich die Bremer Sicherheitsbehörden nicht an eigene
Gesetze und Vorschriften und werden dabei von der Bremer Politik gedeckt.
Der Verfassungsschutz ist nicht reformierbar und gehört aufgelöst“, sagte
Ann Frede Ammer von der IL. Die Linke hatte den V-Mann-Einsatz ebenfalls
kritisiert, [3][weshalb auch ihr Extremismus vorgeworfen wurde]. Hinzu kam
eine politische und mediale [4][Kampagne gegen einen stellvertretenden
Verfassungsrichter], der in seiner Rolle als Anwalt die IL bei einem
Konfrontationsgespräch mit Dîlan S. begleitet hatte.
In der vergangenen Woche soll nun ein Mitarbeiter des polizeilichen
Staatschutzes, dessen Aufgabe die Bekämpfung der politisch motivierten
Kriminalität ist, versucht haben, eine Person aus dem Umfeld der Bremer IL
für die Bespitzelung des Bündnisses anzuwerben: Nach Angaben der
[5][Solidaritätsorganisation Rote Hilfe], die sich für linke
Aktivist*innen und politische Gefangene einsetzt, rief am 10. Februar
ein Mitarbeiter des Staatsschutzes eine Frau an, die bis vor vier Jahren in
einer romantischen Beziehung mit Dîlan S. lebte.
Der Mitarbeiter soll behauptet haben, sie schwebe aufgrund der Enttarnung
Dîlans in Gefahr. Er soll ihr einen sicheren Aufenthaltsort angeboten haben
– unter der Bedingung, dass sie dem Staatsschutz mit ausreichend
Informationen entgegenkomme.
Auch der Mutter der Betroffenen soll der Mitarbeiter Angst um das
Wohlergehen ihrer Tochter gemacht haben, „um sie so zu einer Zusammenarbeit
zu drängen“, [6][heißt es in einer Pressemitteilung der Roten Hilfe], an
die sich die Frau nach dem Anwerbeversuch gewandt hatte. „Wir sehen im
hochproblematischen Vorgehen des Staatsschutzes Parallelen zur Anwerbung
des Verfassungsschutzes bei der IL.“ Es liege nahe, dass der Staatsschutz
die Telefonnummer der Betroffenen und ihrer Mutter über Dîlan habe. Die
junge Frau soll eine Zusammenarbeit abgelehnt haben.
„Dîlans illegaler Einsatz in unserer Gruppe wurde noch nicht aufgearbeitet,
da quatscht der Staat schon die nächste Person an“, sagt Ammer von der IL.
„Unser Fall zeigt, wie hoch das Leid der Betroffenen und Verräter*innen
selbst ist. Dies scheint Polizei und Geheimdienst nicht zu kümmern.“
Anwerbeversuche durch Staatsschutz und Verfassungsschutz gibt es
regelmäßig, nicht nur in Bremen. Erst Ende Januar soll beispielsweise eine
junge Frau in Hamburg von einem Mitarbeiter des Verfassungsschutzes
angesprochen worden sein, während sie allein in einer öffentlichen Sauna
saß.
Der Verfassungsschutz arbeite regelmäßig mit Druckmitteln, Einschüchterung
und Drohungen, sagt Hartmut Brückner von der Roten Hilfe. Eine Strategie
sei es beispielsweise anzudeuten, dass der Ausgang laufender Strafverfahren
von einer Kooperation mit dem Verfassungsschutz abhänge. „Manchmal drohen
sie auch damit, Informationen zum politischen Engagement, bevorstehenden
Prozessen oder privaten Details der Betroffenen in deren Umfeld
preiszugeben – beispielsweise bei den Arbeitgeber*innen, bei der
Universität oder gegenüber der Familie“, so Brückner.
Nicht selten suchen Staats- und Verfassungsschutz gezielt nach Personen in
vulnerablen Situationen – also nach Personen mit finanziellen oder
persönlichen Problemen. Auch Personen, die noch nicht lange politisch aktiv
seien und ihre Rechte nicht kennen, seien oft das Ziel. „Immer wieder
spricht der Verfassungsschutz auch gezielt Minderjährige an“, sagt
Brückner.
Dîlan S. war zwar nicht minderjährig, als der Verfassungsschutz ihm
Observationsfotos seiner Eltern vorgelegt und ihn so zu einer
Zusammenarbeit gedrängt haben soll. Aber er war erst Anfang 20.
19 Feb 2026
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