# taz.de -- Resilienz gegen Bestechung: Wo es anfängt mit der Moral
       
       > Eine neue Studie untersucht, ab wann Kinder ein Gefühl für moralische
       > Entscheidungen bekommen. Kulturelle Unterschiede gibt es dabei kaum.
       
 (IMG) Bild: Bestechung? Mit zunehmendem Alter können es Kinder erkennen
       
       Hintergehe ich meinen Mitbewohner? Ein Gedankenexperiment: Auf dem
       Wochenmarkt schenkt man mir zwei Mangos. Ich mag Mangos, mein Mitbewohner
       liebt sie. Ich komme nach Hause, er ist nicht da – ich habe Hunger. Beide
       essen oder eine Mango für den Mitbewohner aufbewahren? Er würde es nie
       erfahren, wenn ich ihm die geliebte Mango vorenthielte. Ich bin allein mit
       der Moral und den Mangos. Was ist richtig, was falsch? [1][Moral macht uns
       aus]: Keine künstliche Intelligenz fragt sich bislang, ob sie das Richtige
       tut. Sie folgt gleichgültig unseren Regeln. Wir Menschen dagegen streiten
       seit ewig, was genau wir für richtig oder falsch erachten. Oft lässt sich
       Moral nur schwierig festnageln. Andere Menschen, andere Sitten: In manchen
       Ländern gilt die [2][Todesstrafe als probates Mittel], um Gerechtigkeit
       herzustellen, andere lehnen das Prinzip Auge um Auge ab. Wie kommt die
       Moral in die Welt? Welchen Einfluss haben unser Alter und unsere Kultur auf
       die Moral?
       
       ## Die Studie
       
       Diese Fragen stellten sich die AutorInnen einer [3][neuen Studie im
       Fachmagazin Proceedings B] der Royal Society aus Großbritannien. Konkret
       untersuchten sie, wie sich Kinder im Alter von drei bis elf Jahren aus
       Norwegen, Japan, den USA und Italien angesichts von Korruption verhalten.
       Dabei stellte das Team fest, dass sich von der grundsätzlichen Ablehnung
       der Kinder gegenüber Ungleichheit nicht auf ihre Ablehnung von Bestechung
       schließen ließ.
       
       Um die 700 Kinder unterschiedlicher Alters- und Ländergruppen auf ihre
       Bestechlichkeit zu testen, versetzte sie das Forschungsteam in die Rolle
       von JurorInnen eines Mal-Wettbewerbs. Dem erkennbar schlechteren Bild war
       dabei ein Geschenk beigelegt. Kulturübergreifend erkannten die Kinder mit
       zunehmenden Alter, dass es sich um Bestechung handelte. Sie lehnten ab.
       Dieses Handeln führen die AutorInnen auf die kognitive Entwicklung der
       Kinder zurück.
       
       Bei einem zweiten Experiment verteilte das Team [4][Süßigkeiten] so, dass
       die Kinder sie nicht gleich unter sich aufteilen konnten. Während die
       jüngeren Kinder die Ungleichheit hinnahmen, löste sich der kulturelle
       Einfluss auch hier bei den Älteren auf: Sie tolerierten die ungleiche
       Verteilung der Süßigkeiten unabhängig vom Heimatland weniger.
       
       ## Was bringt’s?
       
       Die Forschenden schließen, dass wir Moral nicht von Geburt an verstehen,
       sondern sie erst in unserer kognitiven Entwicklung erlernen. Moralische
       Entscheidungen setzen erstens die Fähigkeit voraus, die Auswirkungen des
       eignen Tuns zu verstehen. Die jüngeren Kinder waren teils nicht in der
       Lage, die Bestechung als solche zu erkennen – was wiederum die
       Voraussetzung für moralische Verantwortlichkeit bei Entscheidungen wäre.
       
       Das bedeutet zweitens, dass Moral universell ist. Kultur beeinflusst sie
       zwar, aber sie reicht darüber hinaus. Menschen können sich also nicht
       hinter ihrer kulturellen Vielfalt vor ihrer Verantwortung verstecken. Und
       vor der Moral sind alle gleich.
       
       23 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Susan-Neiman-ueber-Moral-und-Bosheit/!6123508
 (DIR) [2] /Jahresbericht-zu-Todesstrafen/!6077564
 (DIR) [3] https://doi.org/10.1098/rspb.2025.2523
 (DIR) [4] /Werbeverbot-fuer-Suessigkeiten/!6014596
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Tim Feldmann
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Moral
 (DIR) Psychologie
 (DIR) Neurologie
 (DIR) Experiment
 (DIR) Kinder
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Big Tech
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Bildungschancen
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Datenschutz: Warum Whatsapp wie ein offenes Telefonbuch mit Fotos ist
       
       Forscher fanden für eine Studie rund 3,5 Milliarden bei Whatsapp
       registrierte Telefonnummern heraus – zum Teil mit Bild und persönlichen
       Informationen.
       
 (DIR) Susan Neiman über Moral und Bosheit: „Ich lebe gerne in Neukölln“
       
       Die Moralphilosophin Susan Neiman kritisiert Trump, „Wokeness“ und den
       deutschen Umgang mit Antisemitismus. Jetzt schreibt sie ein Buch über das
       Böse.
       
 (DIR) Studie zu Lesekompetenz: Drei von Vier können lesen
       
       Eine Studie zeigt: Viertklässler*innen in Deutschland können immer
       schlechter lesen. Auch die Leistungsunterschiede nehmen zu. Was tun?