# taz.de -- Berührungen unter Fremden: Franzosen küssen gerne, oder nicht?
       
       > Händeschütteln oder Wangenküsschen? Forscher erklären, warum Berührungen
       > unter Fremden schnell als zu intim empfunden werden.
       
 (IMG) Bild: Über die Körperkommunikation wird die zentrale Botschaft übermittelt: Ich bin bei dir
       
       Ich stehe mitten in einem Wohnzimmer, der Raum ist gefüllt mit Menschen,
       die ich nicht kenne. Komme ich heute wohl drum herum, frage ich mich. Nein,
       denn da kommt schon der erste Unbekannte auf mich zu. Er beugt sich vor,
       kommt meinem Gesicht immer näher, bis sich unsere Wangen berühren. Er gibt
       ein deutliches Schmatzgeräusch von sich. Einmal rechts und einmal links.
       
       Mein Körper sagt mir: Ich will hier weg, das ist mir zu nah, zu intim.
       Warum geben wir uns nicht einfach die Hand zur Begrüßung? Obwohl ich seit
       Jahren in Frankreich lebe, schon Hunderte bise, wie das Begrüßungsküsschen
       hier heißt, verteilt habe, kann ich mich einfach nicht daran gewöhnen.
       Lange dachte ich, das bin nur ich, die Deutsche, die das unangenehm findet.
       Doch dann merkte ich: Meinen französischen Freunden geht es oft genauso.
       
       „Wenn eine Berührung unerwartet und unerfreulich ist, dann löst sie auch
       negative Reaktionen im Körper aus, wie Panik, Angst, das Bedürfnis
       wegzulaufen“, erklärt Martin Grunwald, Leiter des Haptik-Forschungslabors
       an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig. Als Psychologe
       erforscht er den, wie er findet, wichtigsten unserer fünf Sinne: den
       Tastsinn.
       
       Genau der kommt zum Einsatz, wenn jemand meine Wange für die bise berührt.
       Selbst wenn ich die Augen schließe, wüsste ich trotzdem sofort, was
       passiert, denn ich fühle es über meine Haut. Rund 900 Millionen Rezeptoren,
       unsere Körperbehaarung etwa gehört dazu, sind dafür zuständig,
       Informationen wie Berührungen aufzunehmen und an unser Gehirn
       weiterzuleiten. Das verarbeitet den Reiz und reagiert darauf.
       
       ## Als Ausländerin entlarvt
       
       „Damit wir eine Berührung positiv interpretieren, muss sie im Idealfall von
       einer vertrauten Person kommen, im richtigen Kontext, in der richtigen
       Stärke, im richtigen Ablauf, an der richtigen Körperstelle. Also es müssen
       ganz viele Variablen zusammenkommen“, sagt Grunwald. Es macht also einen
       Unterschied, ob ich mein Gegenüber gut kenne.
       
       Aber genauso spielt unsere Kultur und Sozialisierung eine entscheidende
       Rolle. So werde ich als Deutsche in Frankreich sofort als Ausländerin
       entlarvt, weil ich die bise nicht richtig beherrsche. Ich bin schließlich
       den [1][Handschlag] als Begrüßungsform gewöhnt.
       
       Auch dieser sei ein hochkomplexer, kulturell bedingter, sehr kurzer und
       intensiver Körperkontakt, so Psychologe Grunwald. „Er kann positive
       Emotionen, aber auch negative Emotionen auslösen. Genauer kann man das
       leider nicht sagen. Die neurobiologische Forschung hat dieses Phänomen noch
       nicht entdeckt.“
       
       Die bise ist zumindest geografisch untersucht. Denn während man sich in
       Nordfrankreich mit vier Küssen begrüßt, sind im Rest des Landes zwei Küsse
       auf jeweils einer Wange der Standard. Und in Belgien wiederum ist ein Kuss
       völlig ausreichend.
       
       „Wenn ich jemandem die bise gebe, dann weiß ich außerdem nie, mit welcher
       Seite ich beginnen soll. Denn in der französischsprachigen Schweiz ist es
       anders als in Frankreich, wo ich herkomme“, erklärt Mathieu Avanzi. Er ist
       Soziolinguist an der schweizerischen Universität Neuchâtel/Neuenburg und
       hat 2017 anhand von Online-Umfragen eine Kartografie zur bise für die
       frankophonen Länder Europas erstellt.
       
       Das erstaunliche: Auf Avanzis Karte lässt sich eine nahezu perfekte Linie
       quer durch Frankreich ziehen. Im Südosten küssen die Franzosen meistens
       zuerst die linke Wange ihres Gegenübers, während es im Nordwesten zuerst
       die rechte Wange ist.
       
       „Das hat uns am meisten überrascht und es hat uns verwirrt“, sagt der
       Wissenschaftler. „In der Sprachwissenschaft weiß man, dass ein bestimmter
       Dialekt an einem Ort gesprochen wird, weil es sich zum Beispiel früher um
       das Herzogtum der [2][Normandie] handelte. Also es lässt sich durch
       historische Kriterien oder das äußere Leben erklären.“ Doch für den
       Linienverlauf der bise konnte Avanzi keine Parallelen finden, die diese
       geografischen Unterschiede hätten erklären können.
       
       ## Auf der Arbeit wird die „bise“ boykottiert
       
       Und dann kam noch ein Faktor hinzu, der alles veränderte: die
       Coronapandemie. „Während Covid haben wir oft beobachtet, dass die Menschen
       sogar sehr froh darüber waren, sich nicht mehr die bise geben zu müssen“,
       erläutert Avanzi. Er selbst gibt zu: Auch er hat noch nie gerne die bise
       gegeben. „Und da bin ich nicht der Einzige. Normalerweise muss die
       Intimsphäre respektiert werden. Es ist also nicht normal, mit fremden
       Menschen, denen wir nicht nahestehen, intim zu werden. Das ist
       beängstigend“, erklärt er.
       
       Aktuell arbeitet Avanzi an einer neuen Studie, um herauszufinden, wie die
       Pandemie das Ritual der bise langfristig verändert hat. Bisher gibt es nur
       eine Umfrage von 2022, die ergab, dass 90 Prozent der Franzosen den Kuss
       unter Arbeitskollegen boykottierten, während es 2020 erst 72 Prozent waren.
       
       [3][In Pandemie-Zeiten waren Berührungen] mit einer realen Gefahr der
       Ansteckung verbunden. Da ist völlig klar, dass sich der Körperkontakt
       allgemein reduziert hat, sagt auch Psychologe Martin Grunwald. „Aber man
       kann Stein und Bein schwören, dass alles wiederkommt. Das ist so verankert
       in den Kulturen, das hält sich auch über solche Phasen hinweg“, versichert
       er.
       
       Vor allem, wenn man bedenkt, dass wir Menschen ohne Berührungen, wenn sie
       denn gewollt und positiv sind, nicht überleben könnten. „Ohne alle anderen
       Sinne können wir leben – Sehen, Hören, Schmecken, Riechen –, aber ohne den
       Tastsinn würden wir sterben“, so Grunwald.
       
       „In jeder Millisekunde unseres Alltags ist er aktiv, und selbst nachts
       bleibt er immer wach.“ Es ist unserem Tastsinn zu verdanken, dass wir
       nachts nicht aus dem Bett fallen, weil er es ist, der die Bettkante im
       dunklen Schlafzimmer spürt, während alle anderen Sinne schlafen.
       
       ## Leben heißt tasten
       
       Selbst der Einzeller – der Ursprung allen Lebens – tastet schon seine
       Umwelt ab. Im Bauch einer Mutter ist es zudem sehr eng. Dieses Bedürfnis
       nach Kontakt und Nähe behalten wir auch nach der Geburt und brauchen sie
       sogar für unsere Entwicklung. Der Kontakt über die Haut fördert bei Babys
       die Entwicklung des Gehirns und schüttet Wachstumshormone aus. Werden Babys
       zu früh geboren, erhöht der direkte Körperkontakt mit den Eltern ihre
       Überlebenschancen. Wird ihnen die Nähe jedoch entzogen, können sie sterben.
       
       Auch uns Erwachsenen geht es besser, wenn wir uns berühren. Und hierüber
       läuft ein großer Teil unserer Kommunikation – nicht über das gesprochene
       Wort, sondern über unsere Haut. „Eine Trauerfeier ist das beste Beispiel“,
       meint Martin Grunwald. „Es ist der Ort, an dem wahrscheinlich am wenigsten
       gesprochen wird. Den Hinterbliebenen wird kein langer Vortrag gehalten,
       sondern man umarmt sie. Über die Körperkommunikation wird die zentrale
       Botschaft übermittelt: Ich bin bei dir.“
       
       Wenn wir uns beim Begrüßen berühren, ob es nun der Händedruck oder per
       Küsschen ist, geschieht dies nicht nur aus Höflichkeit. Es ist eine Art
       Vergewisserung: „Wir kennen doch alle den Spruch ‚Kneif mich mal‘. Über den
       Schmerzreiz vergewissern wir uns, ob etwas real ist“, sagt Grunwald. So ist
       das auch mit einer Begrüßung, bei der wir uns berühren.
       
       „Ich könnte gerade eine KI sein oder Sie. Aber wenn wir uns die Hand geben,
       dann wissen wir: Wir sind da. Gerade in digitalen Zeiten ist dieser
       physische Kontakt, unser Tastsinn, wie ein Versicherungssinn“, findet
       Martin Grunwald. Obwohl er so fundamental zu uns Menschen gehört und er uns
       durch unseren Alltag navigiert, behandelt die Forschung diesen Supersinn
       bisher eher stiefmütterlich: Von allen fünf Sinnen ist der Tastsinn bisher
       am wenigsten erforscht.
       
       12 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Kolumne-Der-rote-Faden/!5404366
 (DIR) [2] /Weihnachtsessen-in-Frankreich/!6132667
 (DIR) [3] /Knuddeln-in-der-Pandemie/!5729032
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Laura König
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Psychologie
 (DIR) Handschlag
 (DIR) Küssen
 (DIR) Schwerpunkt Frankreich
 (DIR) Soziologie
 (DIR) GNS
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Kolumne Habibitus
 (DIR) Schwerpunkt Coronavirus
 (DIR) Deutsche Leitkultur
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Knuddeln in der Pandemie: Hugbefehl
       
       Statt sich eng zu umschlingen und fest zuzudrücken, definierte sich der
       Alman-Hug über weit ausgestreckte Arme. Für wen lässt man diese Lücke?
       
 (DIR) Die Wahrheit: Wangenküsschenpest
       
       Sex ohne Berührung geht noch nicht. Aber von Handshake bis Küsschen ist
       Corona sei Dank endlich alles Zwischenmenschliche außer Kraft gesetzt.
       
 (DIR) Kolumne Der rote Faden: Wir schütteln Euch zu Tode
       
       Wer Händeschütteln zur Leitkultur machen will, der verhilft den Ossis
       endgültig zum Sieg über den Westen. Das Manöver ist bald vorbei.