# taz.de -- Hebamme über Umgang mit Beschneidung: „Das notwendige Vertrauen entsteht durch Begleitung“
       
       > Hebammen sollten auf weibliche Beschneidung bei Gebärenden vorbereitet
       > sein. Mechthild Groß lehrt an der Medizinische Hochschule Hannover und
       > erklärt Studierenden den Umgang damit.
       
 (IMG) Bild: „Der Begriff ‚Verstümmelung‘ sollte nur im politischen Kontext verwendet werden, um die Gewalt zu verdeutlichen, die den Frauen widerfahren ist. Niemand möchte als ‚verstümmelt‘ beschrieben werden, und oft sehen Betroffene sich selbst auch nicht als ‚verstümmelt‘“
       
       taz: Frau Groß, Sie lehren Hebammenwissenschaft an der Medizinischen
       Hochschule Hannover und behandeln dabei auch das [1][Thema Beschneidung,
       der Fachbegriff lautet Female Genital Mutilation/Cutting (FGM/C)]. Wann
       sind Sie das erste Mal damit konfrontiert worden? 
       
       Mechthild Groß: Das war, lange bevor ich meine Hebammenausbildung begonnen
       habe. Ich habe 1983 eine Verwandte, Schwester Therese Vogel, in ihrer
       [2][mobilen Klinik in Kenia] besucht. Sie hat dort über 60 Jahre gearbeitet
       und karitative Arbeit geleistet.
       
       taz: Eine Beschneidung kann auch Komplikationen bei der Geburt bedeuten
       [siehe Infokasten]. Was bedeutet das für die Arbeit von Hebammen mit
       betroffenen Frauen? 
       
       Groß: Um Vertrauen zu den Frauen aufzubauen und Ängste hinsichtlich der
       Geburt zu verringern, braucht es Zeit. Bei FGM/C zählt nicht nur die
       Geburt, sondern auch die besonderen Umstände während des Gebärens sowie die
       Zeit danach. Das notwendige Vertrauen für diese intimen und kulturell
       sensiblen Gespräche entsteht durch ständige Begleitung. Deshalb ist die
       kontinuierliche Betreuung ein zentraler Aspekt der Hebammenwissenschaft.
       
       taz: Welche besonderen Umstände sind das? 
       
       Groß: Der Grad der Beschneidung kann variieren. Wenn eine unhygienische
       Situation vorliegt, ist ein Infektionsrisiko gegeben, sodass die zuvor
       verschlossene Öffnung der Vagina in seltenen Fällen bereits während der
       Schwangerschaft eröffnet werden sollte.
       
       taz: Wie häufig treffen Hebammen in [3][Deutschland auf betroffene Frauen]? 
       
       Groß: Das hängt sehr vom Standort ab. In einer Großstadt kann das einmal im
       Monat vorkommen. In Orten mit spezialisierten Frauenhäusern können sich
       Betroffene treffen und austauschen. Dort kommt dies häufiger vor. Aber auch
       in ländlichen Gebieten können Hebammen Betroffene betreuen. Gerade hier
       müssen die Hebammen genau wissen, was zu tun ist. Denn in Deutschland leben
       laut Zahlen von Terre des Femmes von 2020 schätzungsweise 75.000 von FGM/C
       betroffene Frauen und 20.000 gefährdete Mädchen. Allein in Niedersachsen
       waren es 2022 laut einer Hochrechnung 8.168 betroffene Frauen und 1.200
       gefährdete Mädchen.
       
       taz: Während einer Geburt sind vaginale Untersuchungen häufig Routine. Wie
       kann dabei eine Retraumatisierung Betroffener vermieden werden? 
       
       Groß: Wenn früh genug festgestellt wird, wie groß das Kind ist und ob es
       günstig im Becken liegt, kann man sich trauen, auf eine vaginale
       Untersuchung zu verzichten. Wenn wir aber eine vaginale Untersuchung bei
       betroffenen Frauen durchführen, ist es essenziell, Vertrauen zu ihnen
       aufgebaut zu haben. Die Haltung und Einstellung der Hebamme und die
       Wortwahl sind wichtig. Begriffe in der Herkunftssprache können hilfreich
       sein. Dabei sollte man Blickkontakt halten und zuvor Zeichen vereinbart
       haben, bei denen sofort aufgehört wird. Um diesen sensiblen Kontakt
       aufzubauen, ist es eben besonders wichtig, dass sich betroffene Frauen
       rechtzeitig in den Geburtskliniken vorstellen.
       
       taz: Wie sieht die Nachversorgung aus? 
       
       Groß: Das ist etwas, das man mit betroffenen Frauen im Vorfeld in mehreren
       Gesprächen klären muss. Aus rechtlichen Gründen darf eine Frau nicht wieder
       zugenäht werden. Trotzdem muss eine kulturell angepasste und sensible
       Lösung gefunden werden, mit der die Frau zufrieden ist, sodass sie sich mit
       sich selbst identifizieren kann.
       
       taz: Was bedeutet das konkret? 
       
       Groß: Wir gehen auf die Wünsche der Frau ein. Dabei zeigen wir betroffenen
       Frauen nach einer Geburt oft einen Spiegel, damit sie sich die
       Veränderungen ansehen können. Wir müssen aber auch den Familienkontext der
       Frau berücksichtigen und schauen, inwieweit der Partner mit eingebunden
       ist, und eine Veränderung bejaht. Dabei kooperieren wir mit regionalen
       Gruppen, die dahingehend Aufklärungsarbeit leisten und die Partner direkt
       ansprechen. Das Ziel ist, dass die Frauen in ihrem weiteren Leben keine
       negativen gesundheitlichen Folgen haben.
       
       taz: Inwiefern können Hebammen Präventionsarbeit leisten? 
       
       Groß: Indem wir die Frauen und ihre Kinder für die Wochenbettnachsorge
       zuhause besuchen. Dabei können wir mit den Familien ins Gespräch kommen und
       möglicherweise herausfinden, was sie für die Mädchen in der Familie planen.
       In Deutschland sind Beschneidungen zwar ein Straftatbestand, doch es werden
       noch immer Heimaturlaube organisiert, in denen sie stattfinden. In dem
       niedersächsischen Projekt „Elikia“ wird hierzu [4][Präventions- und
       Aufklärungsarbeit] geleistet.
       
       taz: Ist die Aufklärung über FGM/C an Ihrer Hochschule fester Bestandteil
       des Studiengangs der Hebammenwissenschaft? 
       
       Groß: Ja. Wir haben die Vorgabe, die Hebammen für eine kompetente Betreuung
       aller Gebärender auszubilden. Wenn nachts um drei eine von FGM/C betroffene
       Frau mit Wehen auftaucht, sollte jede Hebamme wissen, was sie zu tun hat.
       Sie sollte keine Panik bekommen und der Frau das Gefühl geben können,
       sicher aufgehoben zu sein.
       
       taz: Wie gestalten Sie den Unterricht an Ihrer Hochschule? 
       
       Groß: Wir unterrichten die Studierenden über die Fakten und zeigen ihnen
       Bilder der verschiedenen Typen von FGM/C. Zuvor geben wir immer eine
       Triggerwarnung heraus. Zudem lehren wir den sensiblen und vertrauensvollen
       Umgang mit den betroffenen Personen.
       
       taz: Warum ist eine Enttabuisierung von FGM/C so wichtig? 
       
       Groß: Damit klar wird, dass es sich um Gewalt und eine Straftat handelt.
       Betroffene Personen sollten wissen, dass sowohl Urinieren und die
       Ausscheidung von Menstruationsblut als auch die Empfängnis nicht mit
       Schmerzen verbunden sein müssen.
       
       taz: Die wörtliche Übersetzung von FGM wäre „weibliche
       Genitalverstümmelung“, so nennen es auch Organisationen wie Terre des
       Femmes. Sie aber sagen „weibliche Beschneidung“. Warum? 
       
       Groß: Der Begriff „Verstümmelung“ sollte nur im politischen Kontext
       verwendet werden, um die Gewalt zu verdeutlichen, die den Frauen
       widerfahren ist. Niemand möchte als „verstümmelt“ beschrieben werden, und
       oft sehen Betroffene sich selbst auch nicht als „verstümmelt“.
       
       14 Sep 2026
       
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