# taz.de -- Angriff in Leipzig: Weil er Kurdisch sprach
> Als Hozan Roj in einer Leipziger Straßenbahn unterwegs ist, eskaliert
> eine Begegnung mit zwei Männern. Sie zücken Messer. Der Angriff ist kein
> Einzelfall.
(IMG) Bild: In Deutschland leben weit über eine Million Kurd*innen – hier Teilnehmer*innen einer Demonstration in Mannheim im Januar
Hozan Roj lehnt sich vor und umschließt mit seinen vergipsten Armen die
Tasse. Er balanciert sie zu seinem Mund, nimmt einen Schluck. „Willst du
noch Tee?“, fragt er und hebt intuitiv die Hand, bevor er sie wieder senkt:
„Nimm dir gerne selbst.“ Einen kurzen Moment hatte er vergessen, dass er
den Tee gerade nicht einschenken kann.
Roj sitzt auf einem Drehstuhl in seiner Einzimmerwohnung. Seitdem er Ende
Januar Opfer eines Messerangriffs wurde, ist er ungern draußen und selten
allein. Mehrere Stich- und Schnittverletzungen und die „hundertprozentige
Durchtrennung des Gelenks“ stehen auf dem Entlassungspapier des
Krankenhauses. Roj hätte den Daumen seiner linken Hand fast verloren.
Rojs Geschichte ist nicht der einzige Vorfall von antikurdischem Rassismus
der letzten Wochen. Als in Nordostsyrien die kurdische demokratische
Selbstverwaltung Rojava von Truppen der syrischen Armee angegriffen und
Kobanê von der Türkei bombardiert wird, [1][organisieren Kurd*innen
weltweit Demonstrationen] und Solidaritätsaktionen. Diese Sichtbarkeit
kurdischen Widerstands trifft jedoch auf Gegenwehr. In mehreren Städten,
darunter Halle, Hannover und Antwerpen, werden kurdische Personen
angegriffen.
Vor dreieinhalb Jahren ist Hozan Roj nach Deutschland gekommen. Er ist in
den kurdischen Gebieten in Iran aufgewachsen, möchte nicht erzählen, wo
genau und möchte auch seinen echten Namen nicht nennen, aus Angst vor
weiteren Angriffen. „Ich bin mir der Gefahr bewusst“, sagt er, „ich habe
mir das in Deutschland trotzdem anders vorgestellt.“
## „Wir haben uns auf Kurdisch unterhalten“
Ruhig erzählt Roj von der Nacht, als es zu dem brutalen Angriff kommt. Er
ist mit einem Freund unterwegs. Beide stehen an der Haltestelle am
Hauptbahnhof von Leipzig, unterhalten sich über Rojava. „Wir haben über die
Angriffe gesprochen, haben uns auf Kurdisch unterhalten“, erzählt er. Als
Roj sich von seinem Freund verabschiedet und in die Bahn gestiegen sei,
habe er die Blicke von zwei jungen Männern gespürt.
Sie redeten auf Deutsch laut miteinander, beleidigten Kurd*innen, hätten
ihn provozieren wollen, sagt Roj. Er stockt kurz, als er erzählt. „Es waren
viele sexistische Kommentare“, sagt er, „die will ich jetzt nicht
wiederholen.“ Es sei gegen kurdische Frauen gegangen, das kurdische Volk,
das man vernichten wolle. Irgendwann sei Roj aufgestanden und paar Sitze
weiter gelaufen. Die beiden Männer seien ihm gefolgt, fingen an, ihn zu
berühren. Erst leicht an der Schulter, dann etwas stärker, so erzählt es
Roj.
Sie forderten ihn auf, mit ihnen auszusteigen, mehrmals. „Nein, ich muss
hier nicht raus“, habe er immer wieder gesagt, bis plötzlich einer der
beiden Männer sein Messer zeigt. „Du hast ein Messer?“, habe Roj gefragt,
dann habe auch der Zweite ein Messer gezeigt, das in seinem Schuh steckte.
„Komm raus hier, ich bring dich um“, habe er gesagt.
Roj kann sich bis zu dem Moment, als das Messer gehoben wird, die Bahn
stehen bleibt und die Fahrgäste anfangen zu filmen, detailliert erinnern.
„Ich weiß dann nicht mehr, wo genau mich was getroffen hat. Ich bin nach
hinten gefallen, habe versucht, die Schläge und Stiche mit meinen Armen
abzuwehren“, sagt Roj.
Er flüchtet aus der Bahn, die Täter folgen ihm, er kehrt zur Bahn zurück,
als er sie nicht abschütteln kann. Kurz bevor die Polizei kommt, habe einer
der Angreifer seinen Geldbeutel gefordert. „Die wollten, dass es nach einem
Raub aussieht“, sagt er. „Aber die hatten ja ein Problem damit, dass ich
Kurde bin. Die wollten nicht mein Geld.“
Die Polizei habe Roj gegenüber erwähnt, dass sie einen der Täter gefasst
hätten. Es handele sich um einen 21-jährigen Mann mit syrischer
Staatsbürgerschaft. In der Pressemitteilung wird noch von einer
„Auseinandersetzung in einer Straßenbahn“ gesprochen und darin steht auch,
dass der Täter nach einer kurzen Vernehmung wieder auf freiem Fuß ist. Roj
spricht von versuchtem Mord und davon, dass die Täter versucht hätten,
seinen Bauch mit dem Messer zu treffen. Die Daunenjacke sei zum Glück
dazwischen gewesen.
Auf der Couch in Rojs Wohnung sitzt Baran Kawa, ein Freund von Hozan Roj,
auch er will seinen echten Namen nicht nennen. „Wir werden im Krieg in
Nordsyrien getötet und Roj wird hier in Deutschland angegriffen“, sagt
Kawa. Beruflich sei Kawa als Kurde schon diskriminiert worden. Es gebe laut
Kawa „kein Bewusstsein für ausländischen Faschismus“. In einer
Facebook-Gruppe für Arabisch-sprechende Personen in Leipzig hätte eine
Person sehr öffentlich den Tod von Kurd*innen befürwortet.
Roj erzählt, dass auch der zweite Täter mittlerweile der Polizei bekannt
sei. Die Polizei selbst äußert sich auf taz-Anfrage weder zum Tathergang
noch zum Stand der Ermittlungen.
Um auf die Bedrohungslage der Kurd*innen in Deutschland hinzuweisen, hat
sich 2023 die Informationsstelle Antikurdischer Rassismus, kurz IAKR,
gegründet. Im Jahresbericht 2024 schreibt sie, dass dieser auch als eine
Mahnung gesehen werden soll, denn die kurdische Diaspora sei in Deutschland
ernstzunehmenden Problemen ausgesetzt. Allein für das letzte Jahr wurden
217 [2][Vorfälle von antikurdischem Rassismus] registriert.
Anfang der Woche schreibt Roj dann, dass die Polizei sich bei ihm gemeldet
habe. Man hätte ihn gefragt, ob er sich sicher sei, dass der zweite
identifizierte Täter die richtige Person sei. Roj sei verwirrt von diesem
Anruf gewesen. „Warum dauert das so lange?“, fragt Roj. Man müsse doch das
Gesetz ändern, wenn die Täter danach einfach frei sein könnten. „Die haben
versucht, mich umzubringen, ich gehe seitdem nicht mehr raus, ohne mein
Gesicht zu verstecken. Das ist doch nicht normal.“
Um auch rechtlich gegen die Angreifer vorgehen zu können, wurde Hozan Roj
von Pena-ger e.V., einer bundesweiten Online-Beratungsstelle für
Geflüchtete, ein Anwalt vermittelt. Die Kosten dafür muss der Verein über
Spenden decken.
21 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Demonstrationen-fuer-Rojava/!6148363
(DIR) [2] /Drohung-gegen-kurdischen-Verein/!5992112
## AUTOREN
(DIR) Yasemin Said
## TAGS
(DIR) Kurden
(DIR) Alltagsrassismus
(DIR) Messerangriff
(DIR) Leipzig
(DIR) Islamismus
(DIR) Rojava
(DIR) Gewalt
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Schwerpunkt Syrien
(DIR) Schwerpunkt Rechter Terror
(DIR) Opfer rechter Gewalt
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Demonstrationen für „Rojava“: Was uns auf die Straße treibt
Bundesweit protestieren Kurd*innen gegen den Vormarsch der syrischen
Armee in Nordsyrien. Nun macht sich eine „Karawane“ auf den Weg dorthin.
(DIR) Drohung gegen kurdischen Verein: Hakenkreuz auf Patronenhülse
Der kurdische Verein Biratî in Bremen hat eine faschistische Drohung
erhalten. Hat das auch etwas mit der Kriminalisierung von Kurd*innen zu
tun?
(DIR) Tödlicher Angriff auf Iraker in Celle: Rassistischer Hintergrund?
Nach dem Mord an einem Kurden in Celle sind viele Fragen offen. Eine davon:
Ignorierte die Polizei Hinweise auf einen politischen Hintergrund?