# taz.de -- Martialische Drogenrazzia in Augsburg: Bayerische Polizei legt vorzeitiges Osterei
> Eine Razzia der Polizei in der preisgekrönten Augsburger
> Kulturinstitution City Club läuft aus dem Ruder: 200 Beamte halten rund
> 150 Gäste fest.
(IMG) Bild: Blockiert: Razzia bei einem Technorave im Augsburger City Club
Vor dem City Club im Zentrum Augsburgs sammeln sich an einem Samstagabend
gegen 21 Uhr normalerweise Raucher:innen in freudiger Erwartung auf die
bevorstehende Nacht. Am letzten Januarwochenende ist zu diesem Zeitpunkt
ein gänzlich anderes Bild zu sehen: Während einer bereits laufenden
Technoparty stürmten rund 200 Polizeibeamte den Club, der als wichtiger
kultureller Anlaufpunkt für die alternative Szene der drittgrößten
bayerischen Stadt gilt.
Als sich die Polizei Zugang zu den Räumlichkeiten verschafft, befinden sich
rund 150 Gäste im Club. Sie werden unmittelbar aufgefordert, ihre Hände
nach oben zu nehmen. „Für jede Person war eine Einsatzkraft vor Ort“,
schildert eine Mitarbeiterin des City Clubs. Als sie nach einem
Durchsuchungsbeschluss fragt, wird ihr dieser zunächst nicht vorgelegt.
Währenddessen gehen die Beamten rabiat vor: Sie brechen Türen mit
Rammböcken auf, dabei gehen Fensterscheiben zu Bruch. Viele der Beamten
sind beim Einsatz maskiert und mit Bodycams ausgestattet. Bemerkenswert:
Sie werden zusätzlich von einem Fernsehteam der Sendung „Galileo“ (Pro
Sieben) begleitet. Alle anwesenden Personen werden über mehrere Stunden
hinweg vor Ort festgehalten.
## Leibesvisitationen um den Gefrierpunkt
Teils müssen sie im Außenbereich bei Temperaturen um den Gefrierpunkt
ausharren. Die Beamten führen nach und nach Leibesvisitationen durch. Aus
Gedächtnisprotokollen, die der taz vorliegen, geht hervor, dass sich einige
Personen komplett entkleiden mussten. Sie wurden aufgefordert, ihre
„Unterhose nach vorne und unten zu ziehen“ oder ihre „Genitalien
anzuheben“.
Am Ende des mehrstündigen Einsatzes erhält Sebastian Demmer,
Geschäftsführer der Blausky GmbH, zu der der City Club gehört, den
Durchsuchungsbeschluss. Aus der Pressemitteilung der Polizei geht lediglich
hervor, dass die Razzia in Absprache mit der Staatsanwaltschaft Augsburg
angeordnet wurde, weil sich im Rahmen von Ermittlungen der Tatverdacht
erhärtet habe, dass im Club „offener Konsum und Handel mit
Betäubungsmitteln“ stattfinde.
Aus Sicht der Anwältin des City Clubs, Martina Sulzberger, dürften die
zugrunde liegenden Ermittlungsergebnisse nicht ausreichen. Sie kündigte an,
rechtlich gegen den Durchsuchungsbeschluss vorzugehen. Demmer vertritt die
Meinung, [1][dass „an Orten der Kultur und des Nachtlebens – wie überall in
der Gesellschaft – Drogen konsumiert werden]“. Es sei eine Realität, der
jedoch mit strengen Kontrollen begegnet werde.
## Vielfältiger Kulturort
Ein Schreckensbild vom City Club als Hort nächtlicher Drogenexzesse ist
jedenfalls unvollständig. Vielmehr zeigt sich in der Konrad-Adenauer-Allee
9 ein vielfältiger Kulturstandort, der unter anderem mit mehreren Preisen
ausgezeichnet wurde. In einem Café im Erdgeschoss und den
Club-Räumlichkeiten darüber finden regelmäßig Lesungen, Theateraufführungen
sowie Konzerte statt. Auch das Awareness Kollektiv Augsburg e. V. ist hier
beheimatet.
Das Fazit des Einsatzes: Insgesamt wurden 263 Personen kontrolliert und
verschiedene Betäubungsmittel – unter anderem Kokain, Amphetamin – im
unteren dreistelligen Grammbereich sichergestellt. 17 Personen wurden
vorläufig festgenommen, 16 von ihnen nach Abschluss der Maßnahmen wieder
entlassen. Demmer betont, dass keine der gefundenen Betäubungsmittel ihm
oder der Blausky GmbH zugeordnet werden konnte.
## „Möglichst viel Beifang“ abgreifen
Obwohl sich der Durchsuchungsbeschluss gegen Geschäftsführer Sebastian
Demmer richtete, wurde der Einsatz bei laufendem Betrieb vollstreckt.
Einbezogen wurden jedoch alle Anwesenden. Konstantin Grubwinkler,
Fachanwalt für Strafrecht, ordnet die Situation gegenüber dem Bayerischen
Rundfunk ein: Es sei „absolut nicht üblich“, dass in dieser „Schwere und
Massivität“ gegen Personen vorgegangen werde, die lediglich privat vor Ort
und in dem Verfahren nicht beschuldigt seien. Er gehe davon aus, dass die
Polizei hier „möglichst viel Beifang“ abgreifen wollte.
Eva Weber (CSU), Oberbürgermeisterin der Stadt Augsburg, ist überzeugt,
dass staatliche Akteure aufgefordert sind, ihr Vorgehen „auch hinsichtlich
der Verhältnismäßigkeit, kritisch zu prüfen“. [2][Auch die
Grünen-Politikerin Claudia Roth], die auf ihrem Instagram-Kanal ein Video
vor dem City Club postete, zeigte sich von dem Einsatz, der „alles andere
als verhältnismäßig wirkt“, irritiert. SPD und Grüne kündigten eine
parlamentarische Aufarbeitung im Bayerischen Landtag an.
Laut Club- und Kulturkommission Augsburg liegt die Zahl der Einsatzkräfte
im Vergleich zu ähnlichen Maßnahmen um „ein Vielfaches (ca. zehnfach)“ über
dem Üblichen. Eine Anfrageder taz bei der bayerischen Polizei nach
vergleichbaren Einsätzen auf Großveranstaltungen, wie etwa auf Volksfesten,
bei denen Alkoholexzesse und ebenfalls Drogenkonsum zu erwarten sind, blieb
bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
Bekannt sind solche polizeilichen Maßnahmen besonders bei subkulturellen
Institutionen. [3][Zuletzt im Technoclub Rote Sonne in München (2025)] und
in der Rakete in Nürnberg (2023). Die dreiClubs haben darüber hinaus noch
eine weitere Gemeinsamkeit: Sie alle wurden bereits mit dem [pop]award
Bayern ausgezeichnet. Es scheint, als würde sich hier ein Muster in der
Einsatzstrategie der bayerischen Polizei abzeichnen.
10 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Punk-in-den-spaeten-1980ern/!6138569
(DIR) [2] /Claudia-Roth-ueber-Ukraine-AfD-und-Soeder/!6061814
(DIR) [3] /Ausstellung-im-Stadtmuseum-Muenchen/!5803937
## AUTOREN
(DIR) Moritz Martin
## TAGS
(DIR) Hardcore-Punk
(DIR) Ausstellung
(DIR) Bertolt Brecht
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Punk in den späten 1980ern: Pussy Galore zeigt dem Straight-Edge-Papst den Mittelfinger
Der Liveclub Bootleg existierte nur kurze Zeit. Ende der 1980er machte er
Augsburg zu einem Hotspot des Schismas zwischen Puritanern und Anarchisten.
(DIR) Ausstellung im Stadtmuseum München: Midnight in Munich
Münchens Nachtleben bei Tageslicht: Wie es der US-Jazz 1947 wieder aufleben
ließ und wo heute die feiern, die mit der Wiesn nichts anfangen können.
(DIR) Brechtfestival Augsburg: Anarchie in Bayern
Wer Brecht nicht verändert, tut ihm Unrecht. Das Brechtfestival Augsburg
suchte nach dem Gebrauchswert des Dramatikers.