# taz.de -- Konzert von Alfa Mist in Berlin: Solieren geht über repetieren
> Der britische Jazzpianist Alfa Mist gastierte im Berliner „Metropol“ mit
> seinem Quartett und setzte mit zeitgenössischem Fusionsound ein
> Ausrufezeichen.
(IMG) Bild: Bekennender Autodidakt: Alfa Mist
Irgendwann in naher Zukunft: Wiedergeburt ist keine religiöse
Glaubensvorstellung, sondern eine wissenschaftliche Tatsache. Und während
die Menschen versuchen, an ihr Wissen und ihre Erfahrung aus vergangenen
Zeiten anzuknüpfen, setzt die Staatsgewalt alles daran, dies zu verhindern
oder wenigstens zu kontrollieren.
Was klingt wie ein dystopischer Roman von US-Science-Fiction-Autorin
Octavia Butler, ist eine Kurzgeschichte, die sich Alfa Sekitoleko
ausgedacht hat. Die Erzählung bildet den Ausgangspunkt für das neue,
sechste Album „Roulette“ des britischen Jazz-Musikers, der besser bekannt
ist als Alfa Mist. „Dieses Werk ist eine Art Soundtrack“, wie der
35-Jährige bei seinem Konzert im Berliner Metropol anlässlich seiner
aktuellen Tournee erklärt.
Alfa Mist stammt aus London. Doch die Anerkennung, die er inzwischen
erhält, hat nichts [1][mit dem Hype um die neue britische Jazzszene] und
Musiker:Innen wie Nubya Garcia, Shabaka Hutchings oder Joe Armon-Jones
zu tun. Vielmehr hat sich Alfa Mist sein Ansehen mühevoll selbst
erarbeitet.
## Autodidaktisches Lernen
Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen im Londoner Viertel Newham als Kind
einer eingewanderten Mutter aus Uganda, bastelt Mist als Teenager
Grime-Beats und rappt. Über das Samplen und [2][HipHop-Produzenten wie J
Dilla] und Madlib kommt er schließlich zum Jazz. Um die Struktur der Musik
besser zu verstehen, beginnt er, sich im Alter von 17 Jahren das
Klavierspiel via Youtube selbst beizubringen.
2017 erscheint sein Debütalbum „Antiphon“, und es enthält schon viele
Komponenten, die Alfa Mist auszeichnen. Das ist zum einen das Fender
Rhodes, dessen warmer Klang die Grundlage für seine Kompositionen bildet.
Dann wären da zum anderen Gitarrist Jamie Leeming, Schlagzeuger Jamie
Houghton, Trompeter Johnny Woodham sowie Bassistin und Sängerin Kaya
Thomas-Dyke, mit denen Mist bis heute eng zusammenspannt.
Schon hier baut Mist sein Album konzeptuell mit einem Thema auf, drehen
sich die Stücke doch um die mentalen Probleme seines Bruders. Der zwei
Jahre später erscheinende Nachfolger „Structuralism“ bringt Mist auf seinem
eigenen Label Sekito heraus. Das Covermotiv stammt von Thomas-Dyke, die
ebenfalls malt und alle Hüllen von Mist gestaltet. Inhaltlich geht es nun
um die Geschichte seiner Schwester.
Das im letzten Jahr erschiene Album „Roulette“ ist das bisher komplexeste
Werk von Mist. Mit Gastbeiträgen vom US-Rapper Homeboy Sandman und der
Soulsängerin Tawiah bestechen die fünfzehn Lieder durch atmosphärische
Streicherarrangments. [3][In großer Orchesterbesetzung führte Alfa Mist
dieses Werk im Dezember in der altehrwürdigen Royal Albert Hall in London
auf.]
Ganz anders das Konzert im Berliner Metropol, das im Rahmen seiner Tournee
am vergangenen Sonntag stattfand: Mist spielt im Quartett zusammen mit
seinen langjährigen Partnern Leeming, Houghton und Woodham. Da Kaya
Thomas-Dyke nicht mit von der Partie ist, gibt es keine Gesangseinlagen und
der Abend bleibt rein instrumental. Ihre Rolle als Bassistin übernimmt Flo
Moore.
Los geht es mit dem Titelstück „Roulette“. Bereits in diesem Moment zeigt
sich, was in den kommenden 90 Minuten folgen wird. Die Combo nimmt das
Motiv des Liedes zum Anlass für ausgedehnte Soloimprovisationen. Leemings
Gitarre klingt metallisch schneidend wie die von John Scofield, die
Bassdrum pumpt druckvoll, und Johnny Woodham nutzt jede Gelegenheit, sein
Horn zu überblasen. Der Sound erinnert an Fusion Jazz zu seinen besten
Zeiten Mitte der 1970er Jahre.
Loop-Pedale oder Rhythmusverschiebungen, wie sie heute bei Jazz-Konzerten
üblich sind, kommen kaum zum Einsatz. [4][Natürlich lassen die Beats an
HipHop und Drum’n’Bass denke]n, aber auch das gab es ja ebenfalls schon in
der Vergangenheit, s[5][iehe etwa das Stück „Planetary Citizen“ (1976) von
John McLaughlin]. Neben neuen und alten Stücken verbeugt sich die Band mit
einem Song vor dem US-Jazz-Trompeter Freddie Hubbard.
In der Bühnenmitte sitzt Alfa Mist entspannt hinter seinem Fender Rhodes,
wiegt lässig hin und her, nickt mit seinem Kopf im Takt. Vor allem aber
hört er genau zu, was seine Kolleg:Innen aus dem Stand heraus
komponieren. Das gilt auch für das Publikum, das die elaborierten Ausflüge
der Gruppe bejubelt – eine Feier der Wiedergeburt des Fusion Jazz und des
virtuosen Zusammenspiels.
9 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Sven Beckstette
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