# taz.de -- DSV-Sportchef Maier über Olympia: „Emma hat jetzt noch die Leichtigkeit des Seins“
       
       > Am Freitag beginnen die Olympischen Winterspiele in Norditalien. Ein
       > Gespräch über Olympiaplanung, Leistungsdichte und Favoritin Emma Aicher.
       
 (IMG) Bild: Auf ihr ruhen zurzeit alle Hoffnungen: die deutsche Skirennläuferin Emma Aicher
       
       taz: Herr Maier, die ersten [1][Winterspiele] in Mitteleuropa seit 2006
       sind aufgrund der Entfernungen eine besondere logistische Herausforderung.
       Das bedeutet für Sie als DSV-Sportvorstand, dass Sie viele Stunden im Auto
       verbringen werden. Oder haben Sie sich für einen Ort entschieden? 
       
       Wolfgang Maier: Andreas Schlütter, Geschäftsführer in der Leistungssport
       GmbH, und ich teilen uns auf. Er ist überwiegend bei den nordischen
       Disziplinen. Ich bin im Schwerpunkt bei den alpinen Männern in Bormio und
       den Skicrossern in Livigno, fahre nach dem Männer-Slalom nach Cortina,
       schaue noch bei den Biathleten vorbei.
       
       taz: Sie haben an der Entscheidung, die [2][Alpin]-Wettbewerbe an zwei
       verschiedenen, gut fünf Autostunden voneinander entfernten Orten
       auszutragen, schon ein paarmal Kritik geübt. 
       
       Maier: In der gesamten Geschichte des olympischen Wintersports hat man noch
       nie Ski Alpin so getrennt wie in diesen Spielen. Dass Damen und Herren
       nicht an einem Ort am Start sind, gibt es auch in keiner anderen Sportart
       bei den Spielen. Obwohl man 2021 in Cortina eine sehr gute Ski-WM
       durchgeführt hatte, mit guten Strecken, mit sportlichen Herausforderungen,
       lässt man trotzdem die Männer an einem anderen Ort fahren. Das ist am
       alpinen Skisport Interessierten schwer zu vermitteln. Man kann in der
       Öffentlichkeit Kritik daran üben, dass diese Spiele in lauter
       Einzelweltmeisterschaften zerlegt sind, aber das zeigt keine Wirkung. Das
       IOC bestimmt letztendlich über alles.
       
       taz: Lassen Sie uns mal zum Sportlichen kommen. Sie sind nicht nur für
       Alpin zuständig, sondern für alle im DSV organisierten Sportarten. Gibt es
       eine Zielvorgabe? 
       
       Maier: Die gibt es. Wir haben eine Vereinbarung mit dem Deutschen
       Olympischen Sportbund (DOSB) und dem Bundesministerium des Inneren über
       zehn Medaillen geschlossen, die der DSV mit seinen olympischen Disziplinen
       bei diesen Spielen erreichen soll.taz: Ist das realistisch?
       
       Maier: Ja. Bei den vergangenen Spielen hat der DSV immer zwischen elf und
       vierzehn, fünfzehn Medaillen geliefert. Natürlich ist dieses Mal die
       Situation etwas anders, weil wir in dieser Saison bisher etwas hinter
       unseren eigenen Vorgaben geblieben sind. Das hat neben steigender
       Konkurrenz im Sport auch mit dem Thema Olympische Spiele und der
       Qualifikation dafür zu tun.
       
       taz: Bisher lieferten vor allem die Biathleten und Biathletinnen sowie die
       [3][Skispringer] nicht die gewohnten Erfolge. Gibt es dafür Erklärungen? 
       
       Maier: Die Biathletinnen und Biathleten haben bei den vergangenen
       Weltmeisterschaften immer drei Medaillen abgeliefert. In dieser laufenden
       Weltcup-Saison haben wir nicht auf dem gewohnt hohen Niveau der vergangenen
       Jahre performt, das stimmt. Jedoch sollte man die Athleten erst einmal bei
       den Spielen starten lassen, ehe man den Stab über sie bricht. Im Biathlon
       herrscht wie in den meisten anderen Sportarten eine beachtliche,
       internationale Leistungsverdichtung, die es so früher nicht gegeben hat. Im
       gesamten Wintersport gibt es nur eine Nation, die fast unantastbare Stärke
       und Konstanz in mehreren Sportarten zeigt: Norwegen. Daher sollte man alle
       Ergebnisse mit Abstand und der richtigen Einschätzung betrachten können.
       
       taz: Bei den Skispringern ist es eher ein Material-Thema, oder? 
       
       Maier: In der Vorbereitung auf diese olympische Saison war man sich zwar
       über die in den Reglements geforderten Materialveränderungen im Klaren.
       Dennoch hatte man die Auswirkung auf das Sprungverhalten nicht so
       vorausgesehen, wie sie eingetroffen ist. Dem ein oder anderen etablierten
       Skispringer ist daher seine Konstanz und sein persönlicher Flow verloren
       gegangen.taz: Auf der anderen Seite scheint es so, dass im Freestyle und
       Skicross deutsche Athleten und Athletinnen etwas aufgeholt haben. Muriel
       Mohr hat vor ihrer Kreuzbandverletzung im Big Air Podestplätze geholt.
       Daniel Maier und Florian Wilmsmann gehören im Skicross zu den
       Medaillenfavoriten.
       
       Maier: Wir haben in Muriel Mohr im Freestyle eine gute Athletin entwickelt,
       da stimmt. Aber ich kann nicht sagen, dass wir im Allgemeinen im Freestyle
       aufgeholt haben. Wenn Muriel unter die besten acht kommt, ist das zwar
       schön, aber es zählt in Deutschland in der Außenwirkung immer nur die
       Medaille. Im Skicross dagegen haben wir tatsächlich deutlich aufgeholt. Da
       liegt ein klares Konzept dahinter, weil wir die Sportler über Jahre
       strategisch und in sehr guter Zusammenarbeit über die Grunddisziplin Ski
       Alpin ausgebildet haben, und diese Strategie zeigt sich jetzt als richtig.
       Skicross und Alpin sind in Deutschland keine konkurrierenden Systeme mehr,
       sondern greifen in der Ausbildung der Sportler ineinander.taz: Ihre
       Kernkompetenz ist aber Alpin. Bei den Frauen läuft es seit Beginn des
       Winters gut. Die Männer haben zuletzt immerhin ein paar hoffnungsvolle
       Ergebnisse geliefert, vor allem Linus Straßer mit Platz drei in Kitzbühel.
       Versöhnt das ein bisschen mit der schwierigen Situation bei den
       Alpin-Männern?
       
       Maier: Versöhnen ist vielleicht nicht das richtige Wort. Wir gehen einen
       beachtlichen Invest im alpinen Skirennsport, um konkurrenzfähig zu bleiben,
       und ich glaube einfach, dass wir oft unter Wert geschlagen werden. Die
       letzten Rennen zeigen nur, dass all die Mühen, die sich das gesamte Team
       auferlegt hat, nicht umsonst waren. Über die Jahre hinweg wurden wir immer
       wieder totgesagt und haben dennoch immer wieder beachtliche Leistungen
       erbracht. Auch weil wir Leute im Trainerteam haben, die mit einer extrem
       hohen Leidenschaft an dem Thema arbeiten. Wir müssen zur Entwicklung von
       alpinen Rennfahrern einen deutlich anderen, höheren Aufwand gehen als
       Schweizer, Österreicher oder Italiener. Schon allein, um überhaupt von den
       Umfängen mitzuhalten, weil wir im eigenen Land bis auf wenige Ausnahmen
       keine Skigebiete haben, die Kindern gute Trainingsmöglichkeiten bieten.
       
       taz: Und dann kann aufgrund einer komplizierten Quotenregelung und auch der
       frühen Nominierung des DOSB Luis Vogt trotz erfüllter Qualifikationsnorm
       mit Platz acht in Kitzbühel nicht bei Olympia starten. Ist das nicht
       grotesk? 
       
       Maier: Im Endeffekt brauchen wir niemanden anderes verantwortlich zu
       machen. Natürlich kann man jetzt tausend Argumente aufführen, aber Fakt
       ist, dass wir einfach die Leistungen früher erbringen hätten müssen, dann
       wären auch die Startquoten höher.
       
       taz: Müssen es also wieder einmal die Frauen richten. Acht der neun
       deutschen Podiumsplätze haben Emma Aicher, Kira Weidle-Winkelmann und Lena
       Dürr geholt. Vor allem auf Aicher ruhen die Hoffnungen. Teilen Sie den
       Eindruck, dass sie trotz ihrer Favoritenrolle bei Olympia noch immer keinen
       großen Druck verspürt? 
       
       Maier: Jetzt hat sie noch diese Gelassenheit. Aber das hat sich schon bei
       vielen Athleten bei einem Großereignis geändert. Diese öffentliche
       Fokussierung macht natürlich in den Köpfen der Sportler etwas. Emma hat
       jetzt noch die Leichtigkeit des Seins, sie macht sich noch nicht viel Kopf
       über die Möglichkeiten und die Konsequenzen ihres Handelns. Es wird ganz
       entscheidend sein, dass man ihr diese Leichtigkeit lässt und sie sich die
       Freude am Skifahren, egal in welcher Disziplin, nicht nehmen lässt.
       
       5 Feb 2026
       
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