# taz.de -- Die geistige Hängematte der CDU: „Teilzeit-Lifestyle“? Ich kotz gleich
> Die CDU entdeckt die „faulen Beschäftigten“ immer dann, wenn ihr
> politisch nichts mehr einfällt. Udo Knapp über Teilzeit-Bashing und
> sinnlose Schufterei.
(IMG) Bild: Für Arbeitnehmerfeindliche Ideen, von denen man sich erstmal erholen muss: Merz und Hamker (CDU)
[1][taz FUTURZWEI] | Elektronische [2][Krankschreibung], 38,5 Stunden- und
Fünftagewoche, 8-Stunden-Tag, viele [3][Feiertage], 20 gesetzliche und bis
zu 32 tarifvertraglich festgelegte Urlaubstage pro Jahr, 13,90 Euro
[4][Mindestlohn] - kein Wunder, dass bei solchen Wohltaten für die
Arbeitnehmer das Wachstum stagniere, die Gesamtwirtschaft lahme. Diese
Verriegelung der Arbeitsmärkte gefährde den Wohlstand.
Es werde zu wenig gearbeitet, die „work-life-balance“ sei heute der
entscheidende Parameter bei der Arbeitsplatzsuche. Die deutschen
[5][Arbeitnehmer] seien einfach zu faul.
Die Vorgaben zur Arbeitszeit und das Drumherum im [6][Arbeitsrecht], die
mit den [7][Gewerkschaften] erkämpften Standards der
Verteilungsgerechtigkeit in allen Lebenslagen in Gesetzesform, würden heute
dazu missbraucht, sich vor allzu hohen Belastungen im Arbeitsleben weg zu
ducken. Freizeit als Lebensinhalt, Arbeit als lästige Nebensache,
Blaumachen, Teilzeit und Schwarzarbeit bestimmten die Sicht auf die
Arbeitswelt. Dieser Schlendrian müsse aufhören.
Zur Aufrüstung für die [8][Verteidigung] gegen imperialistische Bedrohungen
gehöre auch das Wiederaufrichten der alten Tugenden in der Arbeitswelt.
Selbstverwirklichung und [9][Wehrpflicht] passten nicht zueinander. Arbeit
solle wieder als pflichtiger Dienst an der Gesellschaft begriffen werden.
[10][Klassenkampf] und [11][Kapitalismuskritik], „laissez faire“ waren
gestern, jetzt müssten alle endlich wieder mehr arbeiten.
„Lifestyle-Teilzeit“, wie der [12][Wirtschaftsflügel der CDU] gerade
forderte, müsse eingeschränkt werden.
Es ist nicht schwierig, dieses Gerede von der Faulheit als Politpropaganda
zu erkennen. Das geltende Arbeitsrecht ist eine der entscheidenden
Bedingungen für die Erfolgsgeschichte der deutschen Wirtschaft nach dem
[13][II. Weltkrieg].
Die sorgfältig austarierten Interessen von Kapital und Arbeit im Land sind
eine stabile Grundlage für Innovationen und Wirtschaft, bieten
Planungssicherheit für jede Herausforderung. Wirtschaftlicher Erfolg ist
auch ohne allzu unverschämte Ausbeutung mit einer stabil aufgestellten
workforce in einem geregelten, wohlorganisierten Arbeitsprozess möglich.
Dass es daran fortlaufend viel zu verbessern gibt, versteht sich.
## CDU buhlt um Aufmerksamkeit
Dass dennoch fast jede Woche eine neue Sau aus der angeblich
verweichlichten Arbeitswelt und dem überbordenden Sozialstaat über die
Agora getrieben wird, hat mit dem Reduzieren der Politik der Regierenden
auf Aufmerksamkeit um jeden Preis und den sich dazu parallel findenden
Allianzen in den Medien zu tun. Woche für Woche ruft irgendjemand, meist
ein CDUler, einen angeblichen Skandal aus dem überregulierten Arbeitsrecht
oder der Hängematte des [14][Sozialstaates] auf, erfindet dafür einen
eingängigen Begriff, in dem Ursachen und Erscheinungen der betreffenden
Regelung zusammengemanscht werden.
Die Medien popularisieren den Begriff, aber nicht, wie es zu ihrem Auftrag
als vierte Gewalt gehört, kritisch reflektierend, sondern eher wie
Skandalbuben, die mit den betreffenden Politikern um die höchste
Aufmerksamkeit buhlen.
Dabei wissen beide Seiten, dass aus ihren skandalisierten Debatten
keinesfalls Politiken mit strukturierenden Änderungen folgen werden. Wenn
nach den Talkshows der Fachleute, der Politiker und der Talkmaster schnell
Ermüdung für das Thema aufkommt, wird die nächste Sau aus dem Stall des
Sozialstaates oder der Arbeitswelt abgeschlachtet.
## Ein Glaubwürdigkeitsverlust der Politik
Die Wirkung dieser Art des Agierens in der politischen Öffentlichkeit ist
ein Glaubwürdigkeitsverlust der Politik. Mit maßloser Kritik am Sozialstaat
und der regelbasierten Organisation der Arbeitswelt werden den Populisten
die Wähler zugetrieben. So betrachtet sind nicht auszuschließende, absolute
Mehrheiten für die [15][AfD] in [16][Sachsen-Anhalt] und
[17][Mecklenburg-Vorpommern] bei den Landtagswahlen in diesem Jahr von
Politik und Medien selbst gemacht.
Es gibt gute Gründe zu überprüfen, ob das geltende Teilzeitrecht
missbraucht wird, welche sozialen Zusammenhänge damit stabilisiert werden,
wie die Regelung optimiert werden könnte. Daran gibt es aber kein
Interesse.
Hier dennoch dazu einige Anmerkungen. Das IAB, das Bundesinstitut für
Arbeits- und Berufsforschung, hat jüngst neue Daten zur Teilzeitarbeit
vorgelegt. Gesetzliche Ansprüche auf Teilzeit gibt es für
[18][Kinderbetreuung], Pflege, Ausbildung, Krankheit oder bei fehlenden
Vollzeitstellen. 75 Prozent aller Teilzeitstellen bundesweit sind damit
begründet.
## Was ist „Lifestyle-Teilzeit“?
„Lifestyle-Teilzeit“ wird in der amtlichen Statistik als „Teilzeit, weil
Teilzeit erwünscht“ geführt. Nur 25 Prozent aller Teilzeitstellen in der
Republik sind diesem Segment zuzurechnen. Welche subjektiven Gründe hierbei
eine Rolle spielen wird nicht abgefragt.
Heißt: Es gibt für diese Teilzeitwünsche ohne gesetzlichen Anspruch gar
keine belastbaren Daten. Die Lifestyle-Verunglimpfung (letztlich denunziert
das übrigens Gewinn von Lebensqualität) ist nichts anderes als eine
bösartige Unterstellung. Dabei sind weitere lebensweltliche Begründungen
für diese Teilzeitwünsche denkbar: gesundheitliche Belastungen unterhalb
der Krankheitsschwelle, zu hohe Arbeitsintensität, lange Pendelwege und
informelle Sorgearbeit. Dazu kommt, dass durch die ökologische
Transformation der [19][Industrie] immer mehr klassische Vollzeitstellen
durch aufgabenbezogene Teilzeitstellen ersetzt werden.
Bedeutet: Es gibt gar nicht genug oder immer weniger Vollzeitstellen, um
alle Teilzeitler dort hinzu zwingen. [20][Verdi] verlangt deshalb schon vom
Gesetzgeber ein Recht auf Vollzeit. Weiter verwundert nicht, dass
bundesweit etwa 70 Prozent aller Teilzeitstellen von Frauen besetzt werden,
die dazu noch in schlechter bezahlten Dienstleistungs- und sozialen Berufen
arbeiten, während es bei den Männern nur rund 12 Prozent Teilzeitler gibt.
## Sinnlose Schufterei und die Arbeit von Morgen
Schon diese wenigen Daten zeigen, dass es bei Arbeitszeitfragen um viel
mehr als Lifestyle-Wünsche geht. Es gilt darüber nach zu denken, wie Arbeit
im nachfossilen, digitalen Kapitalismus mit einer sich technisch stark
erhöhenden Produktivität so zu organisieren ist, dass ihre Reduktion auf
die Reproduktion der Arbeitskraft und die Versorgung der Menschen mit
Gütern mit Selbstverwirklichung im Job aufgewertet werden kann.
Wer über die Arbeit von Morgen reden will, der muss über
Bildungsgerechtigkeit, Gleichstellung von Frauen und Männern,
arbeitsunabhängige Versorgung mit sozialer Infrastruktur auf allen Ebenen
reden.
Diejenigen aber, die vor den Lifestyle-Teilzeitlern warnen, schwafeln
letztlich nur von einer Renaissance der Arbeit als sinnlose Schufterei und
Ausbeutung, die ohnehin keine Zukunft mehr hat.
🐾 Lesen Sie weiter: Die Ausgabe N°35 unseres Magazins taz FUTURZWEI mit dem
Titelthema „Das Wohnzimmer der Gesellschaft“ ist [21][erhältlich im taz
Shop].
3 Feb 2026
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## AUTOREN
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