# taz.de -- Image des türkischen Fußballs: Fahrschüler mit Schaltgetriebe
       
       > Die Süper Lig ist ein Sammelbecken für alte Fußballstars und von mäßigem
       > Niveau. Es gibt aber auch viel Liebe, Hoffnung und Durchhaltevermögen.
       
 (IMG) Bild: Hält den türkischen Fußball für unterschätzt: Galatasaray-Profi Leroy Sané (l.) im Duell mit Matteo Ruggeri von Atlético Madrid
       
       Vor der Champions-League-Niederlage gegen seinen ehemaligen Klub Manchester
       City in der vergangenen Woche [1][sagte Galatasaray-Spieler Leroy Sané] in
       einem BBC-Interview über den türkischen Fußball: „Die Süper Lig wird im
       restlichen Europa unterschätzt.“ Es tut gut, einen solchen Satz einmal zu
       hören – und das nicht von [2][José Mourinho], einem chronisch schlechten
       Verlierer. Der hatte als Trainer von Fenerbahçe eine gänzlich andere
       Meinung: „Wer will diese türkische Liga im Ausland sehen? Warum sollte man
       sich das antun? Sie ist grau, sie ist dunkel, sie stinkt.“
       
       Ich will mir die türkische Liga ansehen. Ja, die Qualität unterscheidet
       sich von den europäischen Topligen – sowohl taktisch als auch physisch. In
       einer Hinsicht ähnelt sie der Bundesliga, in der echte Konkurrenz ebenfalls
       rar ist. Die tatsächliche Leistungsfähigkeit der Vereine wird auf
       europäischer Ebene gemessen. Dennoch gelten türkische Mannschaften in
       Europa nicht als ernsthafte Konkurrenz. Das Interesse beschränkt sich meist
       auf Dezibelmessungen in ihren Stadien – die Lautstärke ist das Narrativ,
       nicht der Fußball.
       
       Die Galatasaray-Fans sind unzufrieden, obwohl ihr Verein nahezu permanent
       gewinnt. Ein Zustand, der den Hass der Fenerbahçe-Anhänger nur noch
       verstärkt. Denn wenn es etwas Schlimmeres als einen schlechten Verlierer
       gibt, dann ist es ein schlechter Gewinner. Hört man den Galatasaray-Fans
       zu, fordern sie die Entlassung ihres Trainers, der ihnen seit seinem
       Amtsantritt drei Meisterschaften in Folge beschert hat. Ein verlorenes
       Spiel genügt – und der Weltuntergang wird ausgerufen. Ähnliches gilt für
       Fenerbahçe. In der Saison 2023/24 holte der Verein rekordverdächtige 99
       Punkte – und wurde dennoch nur Zweiter. Dann ist da noch Beşiktaş, der
       inzwischen weitgehend verlernt hat, wie man gewinnt, außer gegen die
       anderen beiden.
       
       Die Süper Lig ist ein Sammelbecken großer Namen jenseits ihres Zenits sowie
       ehemaliger Wunderkinder, die ihr Versprechen nie eingelöst haben. Sie
       kommen wegen niedrigerer Steuersätze, verlieben sich in die türkische Küche
       – und bleiben sportlich einiges schuldig. Transferperioden gleichen einem
       Zirkus. Am Ende verpflichten die Klubs nicht selten einen überteuerten
       Ex-Spieler eines europäischen Spitzenvereins, zuweilen gehandicapt von
       einer chronischen Verletzung – empfohlen von gut vernetzten
       Managementfirmen.
       
       ## Streams in den Spätis
       
       Kein deutscher Sender erwirbt die Übertragungsrechte der Süper Lig, obwohl
       Millionen Menschen sie verfolgen. Das ist sogar gut so: Es macht die
       Streams, die in Spätis quer durch Deutschland laufen, ein wenig weniger
       illegal. Wirft man im Späti für einen Moment einen Blick auf den
       Bildschirm, während man nach dem Flaschenöffner sucht, sieht man den
       fußballerischen Zustand der Liga in Reinform: das Äquivalent eines
       Fahrschülers mit Schaltgetriebe.
       
       Laut Opta Sports beträgt die effektive Spielzeit nur rund 52 Minuten pro
       Partie – der niedrigste Wert unter den europäischen Topligen. In der
       Bundesliga sind es über 57 Minuten. Wo der Ball nicht fließt, entsteht kein
       Vergnügen. [3][Wäre der selbsternannte „Fußballbettler“ Eduardo Galeano
       noch am Leben] und käme mit seinem Hut in die Türkei, um guten Fußball zu
       sehen, bliebe sein Wunsch unerfüllt.
       
       Zeitspiel ist systemisch bedingt. Die Schiedsrichter pfeifen übermäßig oft,
       eher aus Panik als aus Kontrolle. Druck gibt es reichlich in Form von
       Beleidigungen, Drohungen und körperlichen Angriffen. Ein Klima der Angst
       begünstigt schlechte Entscheidungen. Dass einige Unparteiische in
       Wettskandale verwickelt sein sollen, trägt nicht gerade zur
       Vertrauensbildung bei.
       
       Dieses Misstrauen spiegelt sich in allen Bereichen der türkischen
       Gesellschaft wider. Die Süper Lig ist ein Reflexionsraum für das, was in
       der Gesellschaft geschieht: Spielsucht, Drogenkonsum, Geldwäsche,
       Missmanagement und Korruption. Aber auch für Liebe und Durchhaltevermögen –
       und für die Hoffnung, dass sich etwas ändern wird.
       
       3 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ali Çelikkan
       
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