# taz.de -- Wintersport: Langlaufen? Länger laufen!
> Beim Weitlanglaufen macht man Strecke und schläft jede Nacht an einem
> anderen Ort. Unsere Autorin ist so durch das Engadin geglitten.
(IMG) Bild: Keine Lifte, keine Seilbahnen: Langlaufen ist umweltfreundlicher als Abfahrtskifahren
Wie war das noch? Mit den Füßen abdrücken und sich mit den Skistöcken in
gegenläufiger Bewegung hinten abstoßen, ohne sie fest zu umklammern? Ich
blicke angestrengt auf die parallelen Spuren vor mir. Es dauert eine Weile,
bis ich in den Flow komme und die rhythmische Vorwärtsbewegung der
Langlaufskier wieder genießen kann.
Ich [1][bin in Maloja], einem kleinen Alpenort auf etwa 1.800 Meter Höhe,
genauer: im östlichsten Zipfel der Schweiz, im Hochtal des Engadins im
Kanton Graubünden. Von hier aus will ich Weitlanglaufen, also quasi
Tourenwandern auf Skiern, über mehrere Tage von einem Ort zum nächsten
gleiten.
Hier im Engadin bietet ein Veranstalter eine Pauschale mit Gepäcktransfer,
Infomaterial und Übernachtungen in sehr guten Drei- und Viersternehotels
an. Vier Etappen, circa 110 Kilometer. Ein zugegeben teurer Spaß, der mehr
als 1.000 Schweizer Franken kostet.
Direkt nach meiner Ankunft teste ich meine geliehene Langlaufausrüstung.
Die Loipe über den zugefrorenen Silsersee ist nur ein paar Meter vom Hotel
entfernt. Ringsum grüßen mächtige Berggipfel, am Ufer Tannen und Lärchen,
dazu strahlender Sonnenschein und blauer Himmel. Klingt kitschig, mehr
Wintermärchen geht nicht. Aber wenn man durch den Schnee gleitet, der die
Sonne reflektiert und im Tal eine Lichtexplosion auslöst, setzt das einfach
Endorphine frei.
Kann eine Landschaft zu überwältigend schön sein? „Kein Wunder, dass der
gute Nietzsche hier übergeschnappt ist“, soll der Komponist Richard Strauss
über den Philosophen gesagt haben. Sieben Sommer verbrachte Friedrich
Nietzsche in der Gegend. „Hier ist mir bei weitem am wohlsten auf Erden“,
schrieb er 1881, nachdem er seine Professur in Basel aus gesundheitlichen
Gründen bereits hatte aufgeben müssen. Das Klima in der sonnenreichen
Hochebene linderte nicht nur seine Migräne, es inspirierte ihn auch.
Auf einer Wanderung ereilte Nietzsche der Gedankenblitz für den
Zarathustra. „Hier saß ich, wartend, wartend – doch auf Nichts, / Jenseits
von Gut und Böse, bald des Lichts / Genießend, bald des Schattens, ganz nur
Spiel, / Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel. / Da, plötzlich,
Freundin! Wurde Eins zu Zwei –/ – Und Zarathustra ging an mir vorbei“,
schrieb er über sein Hauptwerk.
An mir geht Zarathustra nicht vorbei, stattdessen überholen mich
Langlaufskater. Die sind ohnehin viel schneller, Skaten ist die
dynamischere Variante dieses Sports. Hier braucht es keine Loipen, man
bewegt sich freier und eher wie ein Schlittschuhläufer über den Schnee.
Ich bleibe bei meinem Parallelstil, erreiche auch so nach etwa einer Stunde
Sils Maria und habe dort genug Zeit, kurz die Bretter abzuschnallen und
mich im Nietzsche-Haus umzusehen. Es ähnelt eher einer Berghütte. Neben dem
spartanischen Schlafzimmer sind Bücher und Handschriften Nietzsches hinter
Glas ausgestellt. Draußen auf den Terrassen tanken derweil betuchte
Bildungsbürger, die in Sils Maria bevorzugt zu Gast sind, ihre Portion
Vitamin D.
## Brrrrrrr – mich friert's
Am nächsten Tag geht die Weitlanglauftour dann erst richtig los. Wieder
starte ich von Maloja Richtung Sils Maria, gleite von dort aber weiter über
den Silvaplanersee, eine riesige winterliche Spielwiese, auf der sich auch
Spaziergänger und Familien mit Schlitten tummeln.
Im Luxusskiort St. Moritz ändert sich dann das Bild abrupt. Neben mondänen
Hotelpalästen aus der Belle Époque stehen gesichtslose Neubauten, zu
Autohäusern und Juwelieren gesellen sich Boutiquen, in deren Schaufenstern
der eine oder andere Pelz hängt. Auf einem Schild neben der Loipe wirbt ein
Restaurant mit dem Slogan „Where the Gods dine“. Nun ja, hier wird eine
andere Zielgruppe anvisiert als in den übrigen Orten.
In Pontresina, wo meine Tagesetappe endet, geht es jedenfalls weniger ums
Sehen und Gesehenwerden als um den Wintersport. Und zwar nicht nur auf
Skiern. Auf dem Weg zum Hotel kann ich in einer Schlucht neben der Straße
tief unten ein paar Mutige – oder besser Lebensmüde? – entdecken, die an
den mindestens 50 Meter hohen vereisten Wasserfällen hochklettern.
Brrrrrrrr. Mich friert’s schon beim Anblick.
Schnell flüchte ich mich in die warme Sauna des Sporthotels. Neben gutem
Essen und einem kleinen Empfang im von Kerzenlicht beleuchteten Weinkeller
bietet das Haus seinen Gästen einen besonderen Service: Wer bis abends um
acht seine Sportwäsche abgibt, bekommt sie morgens um acht frisch gewaschen
zurück. Kostenlos!
Am nächsten Tag erwartet mich eine knapp 20 Kilometer lange, relativ
bequeme Etappe nach Zuoz. Es soll das schönste Dorf im Oberengadin sein.
Der Ortskern besteht tatsächlich aus lauter stattlichen Häusern. Einige bis
zu vier Jahrhunderte alt, die steinernen Fassaden schmücken sogenannte
Sgraffiti: kunstvolle Ornamente, geometrische Muster oder Sinnsprüche, die
einst in das noch nasse Mauerwerk geritzt wurden. Der traditionellen
Technik begegnet man überall im Engadin, aber in Zuoz stehen besonders
schöne Exemplare.
Hier heißen die Geschäfte auch „Butia“, zu Deutsch Laden, oder „Furnaria“,
also Bäckerei, wie es der rätoromanischen Landessprache entspricht. Wobei
die keineswegs einheitlich ist. In Graubünden werden fünf verschiedene
Idiome gesprochen. Tatsächlich werde ich auf meiner nächsten Tagesetappe
nicht nur die politische Grenze zwischen Ober- [2][und Unterengadin
überschreiten] – oder besser: übergleiten –, sondern auch die Sprachgrenze
zwischen den Rätoromanischvarianten Puter und Vallader.
Vorher passiere ich das winzige Örtchen S-chanf. Es ist Ziel des Engadin
Skimarathons, des größten Breitensportevents der Schweiz, auf dessen
Strecke ich bisher unterwegs war. Um die 15.000 Läufer und Läuferinnen
gehen hier Jahr für Jahr im März an den Start, von Anfängern bis zu
Olympiasiegern. Neben der Langstrecke über 42 Kilometer gibt es auch
kürzere Varianten wie den Frauenlauf über 17 Kilometer.
Manche Veteranen, darunter die mittlerweile 88-jährige Françoise Stahel,
waren bei allen bisherigen 55 Austragungen dabei. „Langlaufen boomt“,
bestätigt Menduri Kasper, der Geschäftsführer des Skimarathons. „In den
1990er Jahren war die Sportart total out. Da hat man sich über die paar
Hansel lustig gemacht. Aber das hat sich inzwischen komplett gewandelt.“
Seiner Meinung nach hat auch die Outdoormode ihren Teil dazu beigetragen.
Außerdem liege in der Schweiz wie auch anderswo die Bewegung in der Natur
im Trend.
„Viele, die im Sommer Mountainbike oder Rennrad fahren, haben nach einer
adäquaten Sportart im Winter gesucht und das Langlaufen für sich entdeckt“,
sagt Nadine Rohn, PR-Managerin bei Engadin Tourismus. Der Vorteil gegenüber
Abfahrtslauf sei für sie unter anderem, dass man „sich schon in relativ
kurzer Zeit richtig auspowern kann“.
Außerdem seien es auch viele ältere Leute, die die sanfte Variante des
Skifahrens bevorzugen. „Manche trauen sich den Abfahrtslauf nicht mehr zu.
Oder sie haben Knieprobleme und der Arzt hat es ihnen verboten“, sagt
Daniel Gini, der als Langlauflehrer in Pontresina Interessierten die
grundlegenden Techniken beibringt.
## Langlaufen statt Liftfahren
Auch für das ökologische Gewissen ist eine Skilanglauftour besser,
zerstören doch keine Liftanlagen oder Seilbahnstationen die Landschaft.
Für mich stehen aber vor allem der Naturgenuss und die Ausblicke im
Vordergrund. Dachte ich zumindest – bis ich den Rest der dritten Etappe in
Angriff nehme. An diesem Tag hat es minus 12 Grad, es gibt weder Sonne noch
Wintermärchen, statt durch weite Ebenen und an Seen entlang geht es durch
dichten, einsamen Wald. Und zwar in ziemlichem Auf und Ab, sodass ich nicht
nur wegen der Anstiege ins Schwitzen komme.
Wenn es rasant nach unten geht, bekomme ich in den gespurten Loipen mächtig
Fahrt – und zitternde Knie. Wer weiß, wie das Gefälle nach der nächsten
Kurve aussieht? Und was, wenn es vereiste Stellen gibt? Oder mir jemand
entgegenkommt? Letztlich komme ich heil unten an und stelle fest, dass
trotz aller Bedenken auf dieser Etappe der Spaßfaktor am größten ist.
Am letzten Tag ist dann aber wieder die Landschaft die Protagonistin. Von
Scuol Richtung Martina geht es nun fast die ganze Zeit am Inn – auf
Rätoromanisch En – entlang, der dem Engadin seinen Namen gegeben hat. Teils
vereist, teils als offen plätschernder Fluss schlängelt er sich durch die
verschneite Waldlandschaft. Höchst romantisch!
Nur schade, dass das allerletzte Teilstück mangels Schnees gesperrt ist.
Das ist ein Risiko, das selbst jetzt im Januar immer latent mit dabei ist,
der aktuelle Loipenbericht gehört beim Frühstück zur Pflichtlektüre. Zum
Glück lassen sich die nicht befahrbaren Strecken gut mit Bussen oder den
Zügen der Rhätischen Bahn überbrücken, die – wir sind hier in der Schweiz –
auch [3][pünktlich und verlässlich verkehren].
In diesem Fall fahre ich zurück nach Scuol und habe noch Zeit, durch den
schönen alten Dorfkern zu schlendern und der Bäderlandschaft Bogn Engiadina
einen Besuch abzustatten. Schade, dass die Langlauftour schon zu Ende ist,
denke ich im wohlig warmen Thermalwasser, das sich aus den
hochmineralischen Quellen der Gegend speist.
Ob ich vielleicht für den Skimarathon wiederkommen sollte? „Am Frauenlauf
kannst du auf jeden Fall teilnehmen“, hatte Skilehrer Daniel Gini gesagt.
„Du musst ja keinen Rekord aufstellen.“
Transparenzhinweis: Die Recherche wurde unterstützt von Graubünden Ferien,
Engadin Samnaun Val Müstair, Schweiz Tourismus und Engadin.
18 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Ulrike Wiebrecht
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