# taz.de -- Biografie über Regisseurin Agnès Varda: Auf ihren Mut bildete sie sich nichts ein
> Die Filmkritikerin Carrie Rickey porträtiert in ihrer Biografie „Agnès
> Varda“ die Independent-Filmemacherin als innovative Künstlerin und
> Feministin.
(IMG) Bild: Die Regisseurin Agnès Varda bei der Premiere ihres Films „Le Bonheur“ (Das Glück) am 23. Februar 1965 in Paris
Die französische Filmemacherin Agnès Varda lebte, wie ihre geliebten
Katzen, mehrere Künstlerinnenleben in einem: Sie war Fotografin,
Wegbereiterin der Nouvelle Vague, Dokumentarfilmerin mit Haut und Haar und
Installationskünstlerin. In der Biografie „Agnès Varda. Filmemacherin.
Künstlerin. Feministin“ spürt die amerikanische Filmkritikerin Carrie
Rickey dem experimentierfreudigen Werdegang Vardas nach: Wer war diese
bricoleuse im Sinne des französischen Ethnologen Claude Lévi-Strauss, die
herumtüftelte, improvisierte, wiederverwertete und stets neue Formen für
ihre Kunst gefunden hat?
Auf rund dreihundert Seiten sucht diese Varda-Biografie, zugleich die erste
auf Deutsch erschienene, nach Antworten. Einem breiteren und jüngeren
Publikum, schreibt Rickey in ihrer Einleitung, sei die Regisseurin von
„Mittwoch zwischen 5 und 7“ und „Das Glück“ vor allem in den letzten Jahren
ihres insgesamt 65-jährigen Filmschaffensprozesses bekannt geworden.
Die Wiederentdeckungen ihrer Dokumentarfilme wie „Die Sammler und die
Sammlerin“ im Rahmen von „Masterclasses“ und „TED-Talks“ hätten dazu ebenso
beigetragen wie [1][Vardas letzte Zusammenarbeit mit dem rund
fünfundfünfzig Jahre jüngeren französischen Fotokünstler JR in „Augenblicke
– Gesichter einer Reise“].
Auf Varda, schreibt Rickey, hätten sich am Ende ihres Lebens alle einigen
können: Feministinnen hätten ihre komplexen Frauenfiguren geschätzt (Mona
in „Vogelfrei“) und für die Generation ihrer Tochter sei Varda „die
skurrile Oma mit ihren Dokumentarfilmen“ und dem eigenwilligen,
zweifarbigen Pagenschnitt gewesen.
Doch die Vielgestaltigkeit des Werkes der vielleicht ersten wahrhaftigen
Independent-Filmemacherin – insgesamt 44 Lang- und Kurzfilme – würden
selbst Varda-Fans häufig verkennen. Ebenso wie Vardas künstlerische Anfänge
als gerade mal zwanzigjährige Theaterfotografin an Jean Vilars berühmtem
Pariser „Thêatre National Populaire“.
## Drei Künstlerinnen-Karrieren
Dabei hätte gerade jener Blick der dem Zufall vertrauenden
Porträtfotografin ihre anschließenden filmischen Arbeiten so einzigartig
gemacht, wie Rickey in ihrer dreigeteilten Biografie chronologisch wie
anekdotisch einsichtsvoll aufzeigt. Jeder Teil widmet sich einer der drei
Künstlerinnen-Karrieren der Agnès Varda: Fotografin, Filmemacherin und
schließlich Installationskünstlerin.
Das Buch begleitet die 1928 im Brüsseler Stadtteil Ixelles geborene Arlette
Varda mit ihrer Familie zunächst in die französische Hafenstadt Sète, wo
sie vor den Folgen des Zweiten Weltkriegs Zuflucht suchten, und von dort
weiter nach Paris, wo aus Arlette, unterstützt von einer künstlerischen
Wahlfamilie, allmählich die sich selbst ermächtigende Agnès erwächst.
Zum Zeitpunkt ihres ersten Films „La Pointe Courte“ war Varda 26 Jahre alt
und hatte, wie Rickey zitiert, „in ihrem Leben keine zehn Filme gesehen“.
Dennoch war sie François Truffauts Regiedebüt „Sie küssten und sie schlugen
ihn“ und dem damit gemeinhin assoziierten Beginn der „Nouvelle Vague“ fünf
Jahre voraus.
Wie Rickey anschaulich verdeutlicht, lag das im Wesentlichen an Vardas
neugierigem, undogmatischen Zugang zum Filmen. Denn während sich die Jungs
der französischen Filmzeitschrift Cahiers du cinéma, zu denen neben
Truffaut und Godard auch Rohmer, Chabrol und Rivette zählten, noch
hauptsächlich in theoretischen Überlegungen ergingen, verfolgte Varda eine
Einfach-mal-machen-Haltung: Sie gründete mit „Ciné Tamaris“ ihre eigene
Produktionsgesellschaft und schaffte es, Alain Resnais für die Montage des
Films zu gewinnen – gegen ein kostenfreies Mittagessen. Nur fünf Jahre
später würde er als Regisseur von „Hiroshima, mon amour“ weltweit Erfolg
einheimsen.
## Aus finanzieller Not eine experimentelle Tugend machen
Es sind Anekdoten wie diese, durch die Rickeys Buch zu einem spannenden,
umspannenden Einblick in die französische, aber auch in die feministische,
aus der finanziellen Not eine experimentelle Tugend machende
Independent-Filmgeschichte wird. Denn Vardas erster Spielfilm sei
nachfolgend immer wieder als „Film von Resnais“ bezeichnet worden,
konstatiert Rickey, und Varda als „Großmutter der Nouvelle Vague“, obwohl
sie mit Anfang dreißig kaum älter war als die populärsten Vertreter der
Bewegung.
Rickey entfaltet, wie Varda, auch nach Publikumserfolgen wie „Vogelfrei“
und „Mittwochs von 5 bis 7“ ihre gesamte Filmkarriere über immer wieder
nach Finanzierungen für ihre Filme suchen musste. Dieser langwierige, oft
schwierige Prozess war mit ein Grund dafür, dass Varda sich vermehrt
Dokumentarfilmen zuwandte – jedoch stets mit einem ganz eigenen Blickwinkel
und Tonfall.
Ob in Auftragswerken für die französische Tourismusbranche wie „Oh Zeiten,
oh Schlösser“ über die Schlösser im Loiretal oder eigenen, mit kleinem
Budget realisierbaren Ideen rund um ihre Wohnorte Paris („L’opéra Mouffe“)
und später auch Los Angeles („Mauerbilder“) – Varda brach mit dem
traditionell rein sachlich und nüchtern inszenierten Dokumentarfilmgenre.
## Immer auf der Seite ihrer Protagonisten
Gemäß ihrer Idee der cinécriture – eines filmischen Schreibens kraft einer
neuen Bildsprache – entwickelte sie bewusst subjektive Autorinnen-Dokus,
die durch originelle Bildkompositionen und persönliche, oft ironische
Kommentare ihre Handschrift trugen. So beginnt „Oh Zeiten, oh Schlösser“
mit einer Filmsequenz der Hände der Schlossgärtner, und „Die Sammler und
die Sammlerin“ setzt Vardas eigene Vergänglichkeit mittels Filmaufnahmen
ihrer faltigen altersfleckigen Hände zu ausgemusterten und nun verwelkenden
Kartoffelherzen in Bezug.
Ihr wohl schönster Dokumentarfilm „Daguerreotypen – Leute aus meiner
Straße“ erzählt von den Läden lokaler Kleinhändler-Ehepaare in ihrer
Straße, der Rue Daguerre in Montparnasse. Dabei stand Varda, wie Rickey in
ihren Schilderungen der filmischen Entstehungsgeschichten herausstellt,
immer auf der Seite der Menschen, die sie filmte: Sie wolle eine Freundin
der Menschen, die sie filme, sein, erklärte Varda ihren Standpunkt in einem
Interview über das Drehen von Dokumentationen einmal, keine Spionin.
Mal um Mal gelang ihr der schwierige Spagat, Menschen – oft in
Außenseiterrollen, am Rand der Gesellschaft – nahezukommen, ohne die eigene
privilegierte Sprecherinnenposition auszuklammern. Wohl auch deshalb hat
Varda nie mit dem Drehen von Dokumentarfilmen aufgehört, sobald sie mit
ihren Spielfilmen Erfolge erzielte – anders als etwa Alain Resnais, aber
auch Vardas eigener Ehemann Jacques Demy.
## Installationskünstlerin im Kartoffelkostüm
Für Varda waren Dokumentationen „Lehrstücke in Sachen Genügsamkeit“. Eine
Genügsamkeit, die sie in allen Fragen des Lebens an den Tag legte und die
ihr ermöglicht hat, sechs Jahrzehnte lang auch in Zeiten fehlender
finanzieller Unterstützung schöpferisch tätig zu bleiben. Um etwa ihren
Dokumentarfilm „Die Sammler und die Sammlerin“ zu verwirklichen, griff sie
zu der damals neu aufgekommenen kompakten Digitalkamera P200. Dadurch
konnte sie persönlicher und allein filmen, statt auf kostspielige
Kameraausrüstungen mit Ton- und Technikteams angewiesen zu sein.
Und mit fünfundsiebzig, mit einer Augenkrankheit und in einem Alter, in dem
wochenlanges Drehen immer beschwerlicher wurde, erfand sie sich als
Installationskünstlerin im Kartoffelkostüm auf der Biennale von Venedig im
Jahr 2003 mit „Patatutopia“ selbstironisch noch einmal neu.
Ihrer Liebe zu Dokumentationen, die Menschen und Communities in all ihrer
liebenswürdigen Verschrobenheit zeigen, blieb Varda jedoch bis zuletzt
treu. Noch mit 89 Jahren reiste sie mit JR in einem einzigartigen Fotomobil
durch französische Dörfer, um die ganz normalen Menschen ihres Landes –
einen Postboten, einen Fabrikarbeiter, eine Ziegenkäseherstellerin, einen
Glöckner, eine Kellnerin und die letzte Bewohnerin eines Straßenzugs im
ehemaligen Bergbaugebiet Bruay-la-Buissière – mitsamt ihrer Geschichten
kennenzulernen und sie in lebensgroßen Porträts, die für gewöhnlich Stars
und Schönheiten vorbehalten bleiben, auf Häuserfassaden, Zügen oder
Schiffscontainern zu verewigen.
Dieses Bemühen, gewöhnliche „Menschen größer zu machen“, zeichnete Agnès
Varda aus: als Fotografin, Filmemacherin, Installationskünstlerin, Mutter,
Freundin, Ehefrau, Aktivistin, Chefin oder Vorbild für nachfolgende
[2][Filmemacherinnen wie Chantal Akerman] oder [3][Agnieszka Holland].
1 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Agnes-Varda-mit-neuem-Dokumentarfilm/!5506786
(DIR) [2] /Nachruf-auf-Chantal-Akerman/!5240055
(DIR) [3] /Film-ueber-polnisch-belarussische-Grenze/!5985766
## AUTOREN
(DIR) Marielle Kreienborg
## TAGS
(DIR) Dokumentarfilm
(DIR) Agnès Varda
(DIR) Streetart
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Dokumentarfilm „Varda par Agnès“: Meisterin der imaginären Reportagen
„Varda par Agnès“ ist der letzte Film der französischen Filmemacherin Agnès
Varda. Er ist eine Art Zauberbuch ihrer eigenen künstlerischen Mittel.
(DIR) Nachruf Filmemacherin Agnès Varda: Bis zuletzt eine freudige Feministin
Politisches Bewusstsein, Stil und Selbstironie: Die französische
Filmemacherin Agnès Varda, die das Denken in Bilder fasste, ist tot.
(DIR) Agnés Varda mit neuem Dokumentarfilm: Menschen treffen
Seit 63 Jahren ist Agnès Varda Regisseurin. Mit einem Streetart-Künstler
reiste sie für „Augenblicke“ durch kleine vergessene Dörfer in Frankreich.