# taz.de -- Sexuelle Übergriffe in der Jugendhilfe: Organisierte Verantwortungslosigkeit
       
       > Die Doku „Das Kentler-Experiment“ erzählt vom größten Jugendhilfeskandal
       > des Landes. Sie zeigt, wie Jugendämter pädosexuelle Pflegeväter deckten.
       
 (IMG) Bild: Über drei Jahrzehnte schicken Berliner Jugendämter schwer erziehbare Minderjährige zu pädophilen Straftätern
       
       Ein Mann läuft, das Gesicht mit Kapuze verhüllt, durch Berlin, dazu
       erklingt dramatische Musik: „Marco, ein 7-jähriger Junge, der in die Mühlen
       der Jugendhilfe geraten war.“ Das könnte jetzt blöd werden, denkt man kurz.
       Doch statt Symbolfotos von zerbrochenem Spielzeug oder ominös aufragenden
       Männerschatten sieht man: ein Kaninchen.
       
       „Marco“ erzählt, wie es ihm als Junge beim Pflegevater ging, an den ihn ein
       Westberliner Jugendamt 1989 vermittelt hatte. Große Altbauwohnung,
       Zwergkaninchen, Pflegebrüder – alles „freundlich im ersten halben Jahr. Und
       dann gings los.“
       
       [1][Sexuelle Übergriffe], beinahe täglich, Schläge, Vernachlässigung. H.,
       ein vorbestrafter Pädosexueller, wurde seit 1973 dafür bezahlt, Kinder aus
       schwierigen Verhältnissen zu betreuen – im Wissen darum, dass die
       „Betreuung“ auch sexuelle Übergriffe beinhaltete. Fritz H.s fachliche
       Supervision besorgte der [2][Sexualwissenschaftler] Helmut Kentler. Er
       schirmte H. vor behördlichen Nachfragen ab. Und tröstete Marco am Telefon,
       wenn der abends mit einem Messer unterm Bett auf den „Teufel“ wartete.
       
       Mit ihrem Film „Das Kentler-Experiment“ hat sich die Journalistin Katarina
       Schickling einem der größten Jugendhilfeskandale der Bundesrepublik
       genähert. Mindestens drei solcher Pflegestellen hatte der 2008 verstorbene
       Sexualpädagoge [3][Helmut Kentler] eingerichtet. Seine Idee, wonach
       Pädosexuelle, die eine „befriedigende sexuelle Beziehung“ zu ihren
       Schützlingen lebten, besonders liebevolle Pflegeväter sein könnten, klingt
       verrückt – stieß damals auf amtliche Zustimmung. Wie kann das sein?
       
       Schickling sucht Antworten bei Expert:innen wie [4][Teresa Nentwig]. Sie
       berichtete darüber erstmals 2013 in der taz, auch über die desaströse
       Aktenlage. Nicht einmal ein Organigramm der damaligen Senatsverwaltung gebe
       es.
       
       ## Als „Chefaufklärer“ profiliert
       
       Der Name der Senatsbeamtin, die das „Experiment“ genehmigte, bleibt
       unauffindbar. Trotzdem gelang es Forscher:innen, in drei
       Aufarbeitungsstudien [5][einige Zusammenhänge] zu erhellen. Etwa zur
       Odenwaldschule.
       
       Kentler vermittelte Berliner Jugendamtskinder auch an den pädosexuellen
       Schulleiter Gerold Becker, oder zu Herbert E. Colla-Müller, der ab 1975 bei
       Lüneburg ähnliche, von Berlin finanzierte „Sonderpflegestellen“ betrieb, wo
       er männliche Jugendliche missbrauchte.
       
       Der Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers erklärt, wie Kentlers
       pädagogisches „Experiment“ von einer Krise der staatlichen Fürsorge
       profitierte. Clips aus alten „Abendschau“-Nachrichten zeigen verwahrloste
       minderjährige „Trebegänger“ am Bahnhof Zoo, die aus knastähnlichen Heimen
       abgehauen waren.
       
       Kentler, der sich in der Öffentlichkeit zwischen Oswald Kolles Softpornos
       und antiautoritären Kinderläden als „Chefaufklärer“ profiliert hatte,
       nutzte die Ratlosigkeit geschickt.
       
       Der Film zeigt anhand vieler TV-Mitschnitte, wie omnipräsent Kentler damals
       war. Und erklärt damit zumindest teilweise, warum selbst Fachleute seinen
       Thesen von „befreiter Kindersexualität“ auf den Leim gingen.
       
       Die gründliche Spurensuche und ein Verzicht auf populistische Töne ist ein
       Verdienst dieser Arbeit, die zwar keine neuen Erkenntnisse liefern kann,
       aber mit Marco einen der Betroffenen zu Wort kommen lässt. Seine
       Schilderungen, wie ein behinderter Junge in H.s Obhut starb, machen
       deutlich, dass kein Gras über dieses grauenhafte „Experiment“ wachsen darf.
       
       Dass am Ende noch die „vielen guten Momente“ gewürdigt werden, die Helmut
       Kentler – trotz allem – der deutschen Sexualpädagogik beschert habe, ist
       unverständlich und schadet dem gesamten Film.
       
       4 Feb 2026
       
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 (DIR) Nina Apin
       
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