# taz.de -- Jagen auf Sardinien: „Schrei so laut du kannst“
       
       > Unsere Autorin geht mit den Männern ihres Dorfs auf Wildschweinjagd. Und
       > bekommt Einblicke in eine Welt, die ihr sonst verschlossen bleibt.
       
 (IMG) Bild: Jagen ist hier Männersache: Marco, Juanne und Kollegen in ihrer Heimat, der sardischen Macchie
       
       Der Geruch von nassen Hunden erfüllt die Luft. Es ist neblig, sie werden
       also immer nasser – und immer stinkender. Als einige der Hunde im
       Autoanhänger auch noch ihr Geschäft machen, ist der Gestank fast nicht
       auszuhalten. Vielleicht ist ihnen zu kalt. Ein Jäger sagt zu mir auf
       Sardisch: In dìes’ proanas istan gai. – „An Regentagen machen sie immer
       so.“
       
       Die Hunde sind so aufgeregt, dass sie nicht stillstehen können. Sie wirken
       verrückt. In den kleinen Autoanhängern, in denen sie zur Jagd transportiert
       werden, rennen sie auf und ab. Sie scheinen zu spüren, dass sie heute auf
       die Probe gestellt werden.
       
       Tigre, Lola, Conte, Diana, Luna. Jeder Hund hat einen Namen, und man
       spricht über sie, als würde man von Kumpels sprechen, auf die man stolz
       ist. Die Jäger sagen zum Beispiel: „Er ist mutig, geschickt, tapfer.“
       
       Die Hunde sind die wichtigsten Teilnehmer der Jagd, ohne sie geht nichts.
       Mein Eindruck ist, dass sich Besitzer eines guten Jagdhunds erhaben fühlen
       dürfen. Als wäre es ihr Verdienst, einen bedeutenden Beitrag zur
       Jagdgesellschaft zu leisten.
       
       Erledigt ein Hund seine Arbeit jedoch nicht, ist er nutzlos. Non serviti –
       „Nützt nichts“ –, sagt Luigi, ein 60-jähriger Jäger. Und wenn ein Hund
       nichts taugt, gilt er als Unglück, und man macht Witze über ihn. Man nennt
       einen nutzlosen Jagdhund einen cane pasteri, cane ’e zottola oder cane ’e
       ballizzu – einen „Nudelfresserhund“, „Napfhund“ oder „Verandahund“. Gemeint
       ist damit ein Hund, der nur zum Fressen taugt.
       
       ## Ich muss schreien, bis ich keine Stimme mehr habe
       
       So wie Pippo. Während die anderen 20 Hunde sich von ihrer Nase in den Wald
       führen lassen, um das Wild zu finden, bleibt er zurück. Er ist klein und
       zieht den Schwanz zwischen die Beine. Pippo ist zu schüchtern, um ein
       größeres Wildschwein zu bewältigen.
       
       Wenn er so neben mir auf der Straße steht, betrachte ich ihn [1][mit dem
       Blick eines Stadtmenschen]. Ich schaue ihm in die Augen, streichle ihn und
       empfinde Mitgefühl. Aber hier ist diese Perspektive völlig fehl am Platz.
       Weil sie aus einer Welt stammt, die mit dieser nichts teilt.
       
       Bei der ersten Jagd bin ich Teil der sos canaglios, der Treiber. Die nennt
       man so, weil sie die Hunde führen, damit sie in den Wald gehen und die
       Wildschweine in Richtung der sas postas, der Schützen(-stände), treiben.
       Als canaglios müssen wir laute Geräusche machen, um das Wildschwein
       aufzuscheuchen. Die besser Organisierten bringen Pfeifen und kleine Tröten
       mit. Ich gehöre nicht dazu, deshalb muss ich schreien, bis ich keine Stimme
       mehr habe.
       
       „Wenn du die Hunde ganninde hörst, dann schreist du so laut du kannst“,
       sagt Marco, der die Treiber koordiniert. Ganninde ist ein sardischer
       Ausdruck, der nur im Kontext der Jagd benutzt wird. Gannire ist ein
       spezieller Laut, den die Hunde nur von sich geben, wenn sie Wild gefunden
       haben. Ein gedämpftes, aufgeregtes Bellen.
       
       Nach einer Weile höre ich die Hunde ganninde. Ich schreie noch lauter. Aber
       dann hören sie wieder auf. Kurz darauf fangen sie wieder an. Pippo ist von
       meinem Schreien verängstigt. Ab und zu beuge ich mich zu ihm hinunter und
       streichle ihn.
       
       „Scheißfüchse!“, sagt der Jäger Juanne, als wir uns wieder treffen. Gerade
       hat er einen erschossen. „Die Füchse verarschen die Hunde. Der Hund läuft
       im Kreis, während der Fuchs lacht“, sagt Marco. „Man erkennt, wie die Hunde
       dann ein anderes gannire von sich geben – es wird ab und zu unterbrochen.“
       Wenn sie es mit dem Wildschwein zu tun haben, gannini sie ohne
       Unterbrechungen.“ Deswegen müsse man die Füchse auch erschießen, sagt
       Juanne lachend, während er seine Waffe entlädt, „weil sie uns verarschen
       und die Jagd stören“.
       
       Ich merke, dass einer der Hunde Blut im Hals hat. Sein Besitzer
       kontrolliert ihn, findet eine Wunde. Der Hund habe wohl mit einem
       Wildschwein gekämpft, das ihn mit seinen Hauern am Hals getroffen habe.
       
       Ich empfinde Mitleid für den Hund. Seitdem ich hier aufgetaucht bin,
       behandeln die Jäger mich fürsorglich. „Pass auf dich auf“, sagen sie. Sie
       wissen nicht genau, wie sie mit mir umgehen sollen, denn ich bewege mich in
       einem Raum, der traditionell ihnen gehört.
       
       ## Mit den Schützen am trockenen Flussbett entlang
       
       Ich bin im selben Dorf wie diese Männer aufgewachsen, und trotzdem war
       deren Welt mir immer verschlossen. In Sardinien ist die Jagd nicht nur ein
       Hobby, sie gehört zu einem alten sozialen System, das stärker auf
       Gemeinschaft und interne Regeln vertraut als auf staatliche Vorgaben. Doch
       während in vielen Teilen der Insel inzwischen auch Frauen zur Jagd gehen,
       bleibt sie in meinem Dorf bis heute eine rein männliche Tradition, ein
       geschlossener sozialer Raum mit eigenen Hierarchien.
       
       Die Hunde sind inzwischen trocken und stinken nicht mehr. Sie werden noch
       einmal in den Autoanhänger verladen, denn wir fahren weiter nach Chilisi,
       ein anderes Waldgebiet. Aus dem Autofenster betrachte ich die mediterrane
       Macchie, den niedrigen Buschwald, der die Hügel bedeckt. Und die Sonne, die
       in der Zwischenzeit zurückgekehrt ist.
       
       [2][Die Schönheit von Chilisi beeindruckt mich]. Ich gehe dieses Mal mit
       dem Schützen. Wir laufen im trockenen Flussbett, und ich ziehe meine Jacke
       aus, es ist warm geworden.
       
       Im Gegensatz zu den Treibern müssen die Schützen still bleiben und auf die
       Tiere warten. Die Hunde ganninde wieder, aber es kommt kein Wildschwein
       heraus. Ich denke an Pippo auf der Seite der Treiber und daran, dass er
       bestimmt wieder schüchtern ist.
       
       Anschließend ziehen wir noch mal in ein anderes Gebiet, diesmal näher ans
       Dorf. Die Jäger debattieren darüber, wo sie sich am besten hinstellen, und
       Marco sagt zu einem Schützen, der sich gerade an einer Stelle positioniert
       hat: Mi chi ti vriccat’ Sirvone. – „So wird dich Wildschwein verarschen.“
       
       Die Jäger nennen das Wildschwein ohne Artikel. Als ich später Tore, einen
       Jäger, der seit Jahrzehnten dabei ist, frage, warum das so ist, sagt er:
       „Es ist schlau. Man muss aufpassen, dass es uns nicht überlistet und
       wegrennt.“
       
       [3][Für die Jäger sind Wildschwein und Fuchs mehr als nur Tiere]. Beide
       gelten als listige Gegner, die die Hunde in die Irre führen, Menschen
       „verarschen“ und sich jeder Kontrolle entziehen. Wie das Wildschwein hat
       auch der Fuchs unzählige Namen. Man spricht von beiden, als wären es
       Personen mit Absicht und Charakter, zwei Figuren der Wildnis, die die
       Jagdgemeinschaft ständig herausfordern.
       
       Die Jäger erklären, dass die große Zahl der Wildschweine den Feldern und
       Weiden schadet und die Jagd dazu diene, die Bestände im Gleichgewicht zu
       halten. Irgendwer müsse sich ja darum kümmern.
       
       ## So viel Adrenalin in mir wie in den Tieren
       
       Wir befinden uns wieder im Gelände, ich bin mit einem Schützen unterwegs.
       Den Ort zu erreichen, war ziemlich schwierig. Wir mussten durch die wilde
       Macchie laufen ohne richtigen Pfad. Ich habe Kratzer an den Händen. In der
       Ferne höre ich die Schreie der Treiber. Zusammen mit dem Geräusch der
       Glocken, die die Hunde am Hals tragen, wirkt das Echo elektrisierend auf
       mich. Die Hunde suchen und suchen, wir warten, und ich glaube, ich habe
       mindestens so viel Adrenalin in mir wie die Tiere.
       
       Jetzt hört man die Hunde wieder ganninde, und der Schütze gibt mir zu
       verstehen, dass ich besonders still sein muss. Die Hunde kommen näher, ich
       höre ihr gedämpftes, aufgeregtes Bellen. Sie sind außer sich.
       
       Dann ein dumpfer Atemzug, schwerer als der der Hunde. Ein seltsames
       Trappeln, das durch die Macchie geht. Ich verstehe sofort, dass es nicht
       die Hunde sind. Das Tier klingt vorsichtiger, so, als wolle es sich nicht
       verraten.
       
       Da ist es. Sirvone. Das Wildschwein, der Schlaue. Es bleibt hinter dem
       Buschwerk stehen, der Schütze hebt das Gewehr, ich stehe mit trockenem Hals
       dahinter und zähle die Sekunden. Eins, zwei, drei, sieben. Wir bleiben alle
       reglos, auch das Wildschwein hinter dem Busch.
       
       Bumm. Ein Schuss. „Hast du ihn getroffen?“, frage ich den Schützen. Er
       antwortet nicht.
       
       Plötzlich kommt das Wildschwein aus dem Busch heraus. Seine Läufe bewegen
       sich noch, doch es wurde getroffen. Wieder empfinde ich Mitleid. Das Blut
       fließt, irgendwann bewegt sich das Tier nicht mehr. Weil die Straße etwas
       abschüssig ist, rutscht das Wildschwein nach unten. „Hilf mir“, sagt der
       Schütze. „Wenn es nach unten rutscht, wird es schwierig, es wieder nach
       oben zu bringen.“
       
       Also ziehen wir es zu zweit wieder hoch. Das Tier ist ziemlich schwer,
       wiegt um die 50 Kilo.
       
       ## Aufgeteilt wird das Fleisch in exakt gleich große Stücke
       
       Blutüberströmt liegt er zu meinen Füßen. Sein Auge hat sich aus der Höhle
       gelöst und hängt nur noch an blutigem Gewebe. Das Wildschwein sondert
       Sperma aus, und der Jäger drückt mit der Hand an seinem Penis, um den Rest
       herauszubekommen. „Sonst wird das Fleisch stinkend und du kannst es nicht
       mehr essen.“
       
       Gemeinsam tragen wir das Tier zur Straße, wo es zusammen mit den Hunden auf
       den Autoanhänger verladen wird. Die Hunde zerren am Eber und beißen ihn,
       als wäre er noch am Leben und sie würden mit ihm kämpfen.
       
       Man erklärt mir, dass das Wildschwein zusammen mit den Hunden auf das Auto
       verladen wird, weil sie sich an den Geruch gewöhnen müssen. „So arbeiten
       sie das nächste Mal besser“, sagt Mario. Alle gratulieren dem erfolgreichen
       Schützen.
       
       Auf dem Jagdstützpunkt wird das Fell des Wildschweins mit dem Brenner
       abgebrannt. Währenddessen entdecke ich einen alten, verstaubten
       Jagdkalender, der unbeachtet in einer Ecke liegt. Darin ist vermerkt, zu
       welchen Zeiten welche Tiere gejagt werden dürfen.
       
       Danach wird das Tier abgezogen und ausgenommen. Anschließend das Fleisch
       zerlegt und in exakt gleich große Stücke geteilt. So verlangt es die
       sardische Gemeinschaftslogik. Auch ich bekomme ein Stück. Der Geruch von
       Blut und Wild stört mich nicht, das rohe Fleisch fasse ich mit bloßen
       Händen an.
       
       Für heute bin ich Teil der Jagdgesellschaft. Und habe das Gefühl, gemeinsam
       mit den canaglios und postas tief in deren Realität eintaucht zu sein. Und
       in die der Macchie.
       
       10 Mar 2026
       
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